Porträt der Woche

Letzte Deutschstunde

»Jetzt ist es genug, ich bin 82«: Wladlen Äpstein in seiner Wohnung Foto: Christian Rudnik

Porträt der Woche

Letzte Deutschstunde

Wladlen Äpstein gab jahrelang Zuwanderern Sprachunterricht. Jetzt hört er auf

von Katrin Diehl  07.01.2013 20:28 Uhr

Alle waren erstaunt darüber, dass ich aufhöre. Jahrelang habe ich diesen Sprachkurs geleitet, habe älteren Herrschaften aus der ehemaligen Sowjetunion die deutsche Sprache beigebracht. Aber jetzt ist es genug. Ich bin 82 Jahre alt, ich tue mich schwer mit dem Gehen, höre nicht mehr so gut und fühle mich oft nicht wohl. Heute zum Beispiel war mir recht übel. Aber dann habe ich mich zusammengenommen und bin losgegangen zur Gemeinde am Münchner Jakobsplatz.

Immer freitags um zwölf Uhr begann der Unterricht, halb zwei war er zu Ende. Auf diese Stunden habe ich mich gründlich vorbereitet. Ich kann doch nicht ankommen und nur plaudern. Ich will doch wirklich lehren. Ich mache mir viele Gedanken über unterschiedliche Lehrmethoden und übernehme nichts, was nicht zu meinen Schülern passt.

Heute zum Beispiel musste jeder seine Hausaufgaben laut vorlesen, eine Beschreibung des Gemäldes »Jäger auf der Rast« von Wassili Perow. Ich korrigiere nicht ständig herum, vielmehr sage ich: »Vielen Dank, nicht schlecht, nun gut.« Dann verteile ich meine Kärtchen. Bei dieser Übung stellen wir uns vor, sowjetische Schüler zu sein, etwa 13, 14 Jahre alt. Wir versuchen, zu den Fragen, die auf den einen Kärtchen stehen, Antworten zu finden, die auf den anderen Kärtchen stehen, oder eben umgekehrt. Zum Beispiel steht da: »Natürlich, das habe ich schon oft gemacht«, und dazu passt dann vielleicht »Wäschst du dir jeden Morgen Ohren und Hals?«.

Meine pädagogischen Erfahrungen habe ich aus Weißrussland mitgebracht, wo ich lange Lehrer an einer Dorfschule war. Geboren wurde ich in Gomel, der zweitgrößten Stadt Weißrusslands. Meine Eltern waren Kommunisten und Parteifunktionäre. Meine Mutter war eine Revolutionärin – obwohl sie aus einer Rabbinerfamilie stammte. Als sie meinen älteren Bruder bekam, hat sie meinen Vater angerufen und gesagt: »Dein Sohn ist gerade auf die Welt gekommen«, worauf der sagte, »gib ihm keinen Namen, das macht das Parteibüro«. Das Parteibüro hat ihn dann Karl genannt, nach Karl Marx.

Als ich auf die Welt gekommen bin, ist das auch so abgelaufen, aber meine Mutter kam dem Parteibüro zuvor. »Sage deinem Parteibüro, der Junge heißt Wladlen, nach Wladimir Lenin.« Na ja, wenn es nach der Partei gegangen wäre, hätte ich den Namen Friedrich verpasst bekommen, nach Friedrich Engels. Dafür heißt meine Frau Engelina, ihr Vater war nämlich auch Kommunist, und so schließt sich der Kreis. Mein Sohn aus erster Ehe – meine erste Frau starb früh – heißt dagegen Konstantin. Er ist heute 50 Jahre alt und lebt in Russland an der Grenze zu Finnland.

bolschewiken In Minsk bin ich auf die russische Schule gegangen. Meine Eltern haben nichts Jüdisches gefeiert, keinen Schabbat begangen, nichts. Sie waren doch Kommunisten! Meine Mutter hat sicher alles über die Feiertage gewusst, doch getan hat sie nichts. Untereinander haben meine Eltern Jiddisch gesprochen, aber nicht mit uns Kindern. Die Bolschewiken haben meinen Eltern die jüdischen Sitten gestohlen. Darum bin ich kein Jude.

Während des Krieges war ich in Minsk im Ghetto. Aber ich konnte fliehen. Einfache Menschen haben mich gerettet und gleich danach getauft. So bin ich zum zweiten Mal kein Jude. Ich habe orthodoxe Kirchen besucht, und die Gebete stecken bis heute in meinem Kopf. Ich wurde ein Hirtenknabe, habe einige Kilometer von Minsk entfernt gearbeitet, für ein Dach überm Kopf und Brot auf dem Teller. Dann wurde Minsk befreit, und meine Eltern waren wieder Funktionäre. Überall in der Stadt hingen damals kleine Zettelchen: »Ich bin da, wo bist du?« Das hat uns wieder zusammengebracht.

Studiert habe ich an der Leningrader Universität, russische Sprache und Literatur. Das wollte ich die Kinder im Dorf lehren. Mein eigentliches Interesse aber galt der deutschen Sprache – ich glaube wegen einer ausgezeichneten Lehrerin, die ich als Junge hatte. Mit ihr zusammen habe ich einmal ein Abendfest organisiert, das Heinrich Heine gewidmet war. Ihm gilt meine Verehrung bis heute.

Ich brachte mir vieles selbst bei, hörte Schallplatten, las und las, bis ich schließlich ein Deutsch-Fernstudium aufnahm. Deshalb durfte ich später an den Schulen Deutsch unterrichten. Von Russisch hatte ich längst die Nase voll. Aufsätze von Schülern der achten bis zehnten Klasse lesen zu müssen, ist etwas Schreckliches! Und als dann mein Sohn auf die Welt kam, habe ich von Anfang an nur Deutsch mit ihm gesprochen. Das tun wir auch heute noch.

herzinfarkt Nach München bin ich im Jahr 2000 gekommen. Nicht wegen des Antisemitismus in Weißrussland, auch wenn ich den sehr oft und deutlich zu spüren bekommen habe. Nach Deutschland kam ich, weil ich 1994 einen schweren Herzinfarkt nur mit viel Glück überlebt habe. Wir haben unsere Datscha verkauft, wegen der ganzen medizinischen Betreuung, und dann habe ich um eine Operation gebeten, ähnlich der, wie sie sich Jelzin unterzogen hatte, und man hat mir gesagt: »Für Rentner machen wir das nicht.« Das hat mich so beleidigt! Da sind wir gegangen.

Die deutsche Sprache war mir natürlich vertraut. Aber nicht die bayerische! Die verstehe ich bis heute kaum. In der Gemeinde hat man mir den Vorschlag gemacht, für die vielen betagten Menschen Dokumente zu übersetzen. »Oh nein«, habe ich gesagt, »schon die russische Kanzleisprache verstehe ich nicht, um wie viel weniger die deutsche! Aber unterrichten kann ich.« Und so gab ich Sprachunterricht. Ich bekomme dafür meine monatliche Fahrkarte und fertig. Ich brauche kein Geld. Ich kriege etwas von der Claims Conference, eine kleine Rente und die Grundsicherung. Das ist genug. Das reicht gut zum Leben – und für Bücher.

Wir hatten in Minsk eine große Bibliothek: Literatur, Bände über Kunst ... Wir haben sie zurückgelassen. Und jetzt, seit wir hier sind, hat meine Frau bestellt und bestellt, und wir haben wieder eine Bibliothek, nicht ganz so groß, aber beachtlich. Außerdem liegt mir alles am Herzen, was mit Weißrussland zu tun hat. Jeden Tag höre ich bis zu zwei Stunden Radio Freies Europa. Übers Internet verfolge ich, was sich in Israel tut, wo ich Verwandtschaft habe. Presse lese ich auch, die Bild-Zeitung, dafür schäme ich mich ein bisschen. Alle anderen Zeitungen sind mir einfach zu dick.

gymnastik Der Tag beginnt bei uns gegen sieben Uhr. Ich schlucke erst einmal all die Medikamente, die ich nüchtern nehmen muss. Dann manche ich eine halbe Stunde Gymnastik. Manchmal geht das aber einfach nicht, dann lege ich mich auf unsere Heil- und Wärmeliege mit eingebautem Massagegerät und einem Infrarotstrahler. Wenn der Blutdruck zu niedrig ist, gibt es zum Frühstück Kaffee, meistens ist er aber zu hoch, dann trinke ich Tee. Und weil ich auch mit dem Magen Probleme habe, koche ich mir einen Haferflockenbrei. Mittagessen gibt es bei uns erst gegen drei oder vier, Abendessen oft gar nicht.

Früher haben wir häufig Ausstellungen besucht oder Vorträge in der Gemeinde. Aber das wird uns allmählich zu anstrengend. Gerade wenn es regnet oder schneit, ist das mit dem Rollator nichts, auch wenn ich das öffentliche Verkehrsnetz hier in München fantastisch finde. Um 23 Uhr gehen wir zu Bett. Aber vor dem Schlafen lösen wir noch ein wenig Kreuzworträtsel. So sehen unsere Tage aus, und nach dem einen kommt der nächste.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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