Porträt der Woche

Kopf und Faust

»Kampfsport stärkt das Selbstbewusstsein und die Gesundheit – man fühlt sich einfach viel besser«: Nikita Karavaev (34) aus Freiburg Foto: Rita Eggstein

Porträt der Woche

Kopf und Faust

Nikita Karavaev studiert Jura und wurde Dritter beim Wushu-Wettkampf in Moskau

von Anja Bochtler  15.12.2019 09:27 Uhr

Alles begann, als ich 13 Jahre alt war. Damals schaute ich mit einem Freund ständig Kampfsportfilme mit Bruce Lee in der Hauptrolle. Wir fanden ihn einfach cool. Nun habe ich im Frühling in Moskau beim Wettbewerb der Moscow Wushu Stars 2019 einen dritten Platz gewonnen.

Russisch Aber auch sonst war die Zeit in Moskau in diesem Jahr etwas Besonderes: Dort habe ich einige Tage lang nur Russisch gesprochen – so wie früher als Kind. Denn ich wurde 1985 in Donezk in der damaligen Sowjetunion und der heutigen Ukraine geboren. Ich habe dort gelebt, bis ich 1993 nach Freiburg kam.

Mit dem Kampfsport habe ich vor ein paar Jahren nach einer längeren Pause wieder neu begonnen. Er hat mir früher als Jugendlicher durch eine schwierige Phase geholfen. Inzwischen konzentriere ich mich nur noch auf die chinesischen Kampfsportarten – die sind besonders komplex und spannend.

Der Sport ist ein guter Ausgleich zu meinem Jurastudium. Wahrscheinlich werde ich im kommenden Jahr die letzten Examen machen.

Der Kampfsport half mir durch eine schwierige Phase meiner Jugend.

Wenn ich an meine Kindheit in Donezk zurückdenke, habe ich folgende Bilder im Kopf: von meinem Kindergarten, dem Park, dem Schulhof. Es sind schöne Erinnerungen. Sie haben nicht viel gemeinsam mit den Schilderungen meiner Mutter und meiner Großeltern, die Donezk als triste Industriestadt mit viel Smog wahrgenommen haben.

Das heutige Donezk ist sicher noch einmal ganz anders. Deshalb ist es mir lieber, nicht mehr dorthin zu fahren. Ich möchte meine schönen Kindheitseindrücke behalten.

ANTISEMITISMUS Als wir nach Deutschland gezogen sind, war das alles wie ein großes Abenteuer für mich. Wir waren zu viert: meine Mutter, meine Großeltern und ich. Mein Vater und meine Mutter hatten sich schon vor meiner Geburt getrennt.

Anfang der 90er-Jahre hatte sich die wirtschaftliche Lage zugespitzt. Alles war ungewiss, die Sowjetunion war zusammengebrochen. Dadurch verstärkte sich auch der latente Antisemitismus, der schon davor immer da war. Niemand wusste, wie sich das alles weiterentwickeln würde. Daher entschloss sich meine Familie, auszuwandern – entweder nach Israel oder nach Deutschland. Meinen Großeltern war Deutschland lieber: weil es in Europa liegt und die Kultur ihnen vertrauter war.

Im Februar 1993 kamen wir bei Verwandten in Berlin an. Meine Mutter wollte jedoch weiter nach Süddeutschland, weil sie Biologie und Französisch studiert und 16 Jahre lang als Französischlehrerin gearbeitet hatte. Sie hoffte, dort eher daran anknüpfen zu können.

NEUANFANG Die erste Zeit lebten wir in Flüchtlingsunterkünften, zuerst in Rheinfelden nahe Basel, dann in Freiburg. In der Schule wurde ich wegen der Sprache in die erste Klasse zurückversetzt. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, aber meine Familie erzählt, dass ich anfangs ein Jahr lang kein einziges Wort gesprochen habe, weder Russisch noch Deutsch. Irgendwann aber konnte ich plötzlich Deutsch.

Meinen Großeltern war Deutschland lieber: weil es in Europa liegt und die Kultur ihnen vertrauter war.

Meinem Großvater fiel die Umstellung am schwersten. Er konnte zwar Gedichte von Heinrich Heine auswendig und hat ständig mit dem Wörterbuch Deutsch gelernt, aber er hat sich nicht getraut zu sprechen. Meine Großmutter sagte immer, dass sie die Entscheidung für Deutschland keinen Tag bereut hat.

Meine Großeltern waren beide Ingenieure und damit eigentlich privilegiert, aber es ging ihnen trotz ihres Berufs in der Sowjetunion schlechter als in Deutschland mit Sozialhilfe.
Meine Mutter musste sich umstellen und neu anfangen, sie wurde als Lehrerin nicht anerkannt. Sie hat eine Umschulung zur Groß- und Außenhandelskauffrau gemacht und in einem Computergeschäft gearbeitet. Später wurde sie Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde.

JUDENTUM In Russland hatte meine Familie keinen Kontakt zum Judentum. Als wir in Freiburg ankamen, hat sich meine Mutter von Anfang an sehr intensiv damit auseinandergesetzt und ist gläubig geworden. Ich selbst bin nicht explizit religiös, aber ich unterstütze die Israelitische Gemeinde. Ich helfe zum Beispiel beim Organisieren von Veranstaltungen.

Das finde ich jetzt besonders wichtig, nachdem es einige antisemitische Vorfälle rund um die Gemeinde gab. Ich selbst erlebe vor allem israelbezogenen Antisemitismus in Form der ständig wiederkehrenden Frage: »Wie stehen Sie zu Israel?«

Ich glaube, der Antisemitismus ist immer da. Umso wichtiger ist es, sich konstant dagegen zu engagieren. Was mir vor allem Angst macht, sind die Erfolge der AfD.

VERWEIGERUNG Irgendwann in meiner Jugend haben mein Freund und ich nicht mehr nur Kampfsportfilme angeschaut. Er nahm mich mit zu einem Verein, der Vollkontakt-Karate, Thaiboxen und Kung Fu anbot. Ich bin dort eingestiegen und habe drei bis vier Jahre lang jeden Tag sehr intensiv einige Stunden trainiert.

Es war eine gute Zeit. Der Kampfsport stärkt das Selbstbewusstsein und die Gesundheit: Man fühlt sich einfach viel besser.

Ich hatte damals etwas chaotische Zeiten hinter mir. Ich war vom Gymnasium auf die Realschule und dann auf die Hauptschule gewechselt, ich hatte eine Verweigerungsphase. Als ich mit dem Kampfsport begann, fing ich an, alles wieder ernster zu nehmen, ging wieder zurück auf eine Realschule und später auf ein berufliches Gymnasium, wo ich mein Abitur machte.

Ich versuche, jeden Tag eineinhalb oder zwei Stunden zu trainieren.

Mit dem Sport habe ich nach ein paar Jahren wieder aufgehört. Den chinesischen Kampfsport, der mich am meisten reizte, gab es damals in Freiburg noch nicht. Mittlerweile gibt es hier aber solche Vereine.

Mit Anfang 30 bin ich wieder in den Kampfsport eingestiegen, auch wegen der Nackenschmerzen, die ich damals hatte. Es ist jetzt anders als mit 18, als ich mich auch ohne Aufwärmen nie verletzt oder ganz schnell wieder erholt habe. Aber es macht Spaß, und ich versuche, jeden Tag eineinhalb oder zwei Stunden zu trainieren.

Nach zwei Jahren fing ich an, auch zu Wettkämpfen zu gehen. Bei den Moscow Wushu Stars mit 800 Teilnehmern aus aller Welt habe ich als Einziger Deutschland vertreten. Dass ich den dritten Platz geschafft habe, verdanke ich meinem Meister in Tübingen.

POLITIK Nach den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 und allem, was darauf folgte, habe ich angefangen, mich für Politik zu interessieren. Ich war gegen den Irakkrieg und habe mich in der Protestbewegung engagiert.

Später war ich im Freiburger Jugendgemeinderat und in der Jugendkommunalpolitik aktiv und war unter anderem Gründungsmitglied der Linken in Freiburg, engagierte mich im Kreisvorstand und bei der AG Betriebe und Gewerkschaften im Landesverband.

Als Schüler habe ich eine lange Verweigerung geschrieben, als meine Einberufung zur Bundeswehr kam.

Ich gehöre zum reformorientierten Flügel der Linken, zum »Forum demokratischer Sozialismus«. Zurzeit habe ich mich wegen meines Studiums aber aus der Politik zurückgezogen.

Bundeswehr Manches hat sich inzwischen ein bisschen geändert: Früher war ich überzeugter Kriegsgegner. Als Schüler habe ich eine lange Verweigerung geschrieben, als meine Einberufung zur Bundeswehr kam. Doch später, als ich zwischen dem Abitur und dem Studium Zeit zu überbrücken hatte, wollte ich aus meiner Komfortzone heraus. Da habe ich mich für den Grundwehrdienst entschieden.

Ich hatte immer viele Vorurteile gegenüber der Bundeswehr, nun wollte ich sehen, wie es wirklich ist. Die Grundausbildung in den ersten drei Monaten fand ich spannend, mit viel Sport und vielen Herausforderungen. Danach wurde es eintönig. Doch mir ist klar geworden, wie wichtig es ist, dass es die Bundeswehr als demokratische Einrichtung gibt, die für Sicherheit zuständig ist.

ZUKUNFT Ich habe immer noch eine kritische Haltung, aber ich bin offener als früher. Im Studium ist mein Schwerpunkt Arbeitsrecht, in dem Bereich habe ich schon einige Fachaufsätze geschrieben. Ich könnte mir gut vorstellen, bei einer Gewerkschaft zu arbeiten oder beim Auswärtigen Amt.

Dass ich Jura studieren wollte, war mir schon klar, seit wir in der 9. Klasse eine Gerichtsverhandlung besuchten. Auch da ging es damals um Arbeitsrecht, daran erinnere ich mich genau. Die meisten meiner Mitschüler sind dabei fast eingeschlafen. Aber ich fand das total spannend.

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