Machanot

Kleine Auszeit

Der Gedanke, dass seine vier Kinder auf den Machanot eine unvergessliche Zeit erleben werden, freut ihn sehr. »Juhu«, sagt Boris Schulmann lachend. Gleichzeitig werden seine Frau Nicole und er die seltene Gelegenheit nutzen, wieder einmal Zeit zu zweit zu verbringen. »Wir freuen uns riesig für unsere Kinder – und natürlich auch darüber, dass wir als Paar ein paar Tage für uns haben. Diese Zeit nutzen wir ganz bewusst.«

Als die Kinder noch klein waren, seien solche Momente besonders kostbar gewesen. »Jede Familie kennt das: Der Alltag mit kleinen Kindern ist wunderschön, aber auch intensiv. Umso mehr weiß man es zu schätzen, wenn man zwischendurch einmal Kraft tanken und gemeinsam Zeit genießen kann.« Es sei ein bisschen wie damals, als die Kinder endlich durchschliefen und man als Eltern zum ersten Mal wieder ausschlafen konnte.

Seit sechs Jahren fahren seine drei Töchter und sein Sohn gleichzeitig auf Machane. »Für unsere Kinder sind die Ferienlager jedes Jahr ein absolutes Highlight und etwas unglaublich Wertvolles«, sagt der 48-Jährige. Dort schließen sie Freundschaften fürs Leben, sammeln unvergessliche Erlebnisse und kommen jedes Mal mit leuchtenden Augen und vielen Geschichten zurück. Durch die Machanot haben sie inzwischen Freunde in fast jeder Stadt Deutschlands.

Nicole ist mit den Machanot groß geworden

Boris Schulman, der in Berlin aufwuchs und später nach Frankfurt zog, war selbst nie auf einem Machane. Stattdessen spielte er lieber Fußball oder verbrachte seine Freizeit mit Freunden im Schwimmbad. Seine Frau Nicole hingegen ist mit den Machanot groß geworden – zunächst als Chanicha, später als Madricha und schließlich als Rosch. Diese Zeit liegt zwar schon viele Jahre zurück, doch die Verbundenheit ist bis heute geblieben.

Die Tage ohne Kinder nutzen Boris und Nicole Schulman gern für eine kleine Auszeit. »Dann buchen wir auch mal ein Hotel nur für Erwachsene«, erzählt er schmunzelnd. »Ich habe bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden sogar schon einmal vorsichtig nachgefragt, ob die Kinder nicht vielleicht zweimal in den Sommerferien auf Machanot fahren dürfen«, sagt er lachend. »Aber natürlich freuen wir uns genauso darauf, anschließend wieder gemeinsam als Familie in den Urlaub zu fahren.«

Auf den mag auch Sabina Morein aus Stuttgart nicht verzichten: Dieses Jahr haben sie und ihre beiden Kinder sich für eine Kreuzfahrt entschieden. Aber vorher geht es noch auf Machane, und auch für Sabina heißt das: freie Zeit. »Für mich hat sich eine ganz neue Welt geöffnet«, sagt sie. Und das kam so. Ein Freund hat sie motiviert, ins Segelteam von Makkabi Deutschland zu kommen. Sie sollte nur dabei sein und müsste keine Knoten lösen. »Ich habe ein neues Hobby und bin megadankbar.«

Mittlerweile segelt Sabina, während ihre Kinder auf Machane sind.

Mittlerweile ist es für sie Usus, im Sommer zu segeln. Und zwar immer dann, wenn ihre Kinder auf Machane sind. Ihre Tochter und ihr Sohn werden ein paar Tage vor dem Start vor Ort sein, weil sie als Madricha und Madrich die Programme mit vorbereiten. Sabina wird dann ihre Sachen packen, um zum Segelschiff nach Kroatien zu fahren. Allerdings wird sie auch ein paar kinderfreie Tage zu Hause verbringen, um das zu machen, wozu sie das ganze Jahr nicht kommt: Sport treiben, Sachen aussortieren, Lampen kaufen und das Wohnzimmer neu einrichten. »Ich bin auch gern mal allein und genieße diese Me-Time.«

Torsten Rottberger hingegen hat selten Ruhe und mag Trubel. Als Jugendlicher war er bei zahlreichen Machanot dabei. Ob nach Bad Sobernheim, nach Israel oder Österreich – es hat ihn immer wieder begeistert. Nun hat der Lehrer aus Emmendingen selbst sechs Kinder, von denen zwei erwachsen sind und fünf noch zu Hause wohnen. »Meine Frau Kerstin und ich haben unsere mittleren Töchter gefragt, ob sie mit uns verreisen wollen oder lieber auf Machane fahren möchten. Sie entschieden sich für Letzteres«, sagt der 52-Jährige mit einem Schmunzeln. »Wir freuen uns für sie mit.«

Die Machanot stärken auch die jüdische Identität

Ihm gefällt es, dass seine beiden Töchter so ehrlich sind. Dreimal werden die beiden, elf und zwölf Jahre alt, auf Machane fahren. Und dann dürften die Sommerferien auch schon vorbei sein. »Was sie dabei erleben, können wir ihnen gar nicht bieten«, sagt Torsten. Ferner stärken die Machanot auch die jüdische Identität. In Emmendingen gebe es nur wenige Jüdinnen und Juden, aber bei den Ferienlagern erleben sie, dass sie nicht die einzigen jüdischen Kinder in Deutschland sind.

Zu Hause bleiben die kleinen Zwillinge – wenn sie nicht für ein paar Tage zu den Großeltern ziehen. »Wir genießen es, einmal weniger Kinder daheim zu haben«, sagen Torsten und Kerstin unisono. Dann müsse man auch nicht allen hinterherräumen und sich viele Gedanken darüber machen, was es zu essen geben soll. So bleibt mehr Zeit zum Entspannen.

Liat renoviert die Wohnung

»Dann renoviere ich unsere Wohnung«, hat sich Liat aus Hamburg für die Zeit vorgenommen, wenn ihr Sohn als Kursleiter Kinder betreut. »Als mein Sohn noch klein war, war es richtig aufregend für mich, wenn er nach Bad Sobernheim aufbrach«, sagt die 53-Jährige. Die ersten Tage seien schon komisch für sie gewesen. Aber da sie die Madrichim kannte, war sie sich sicher, dass er Spaß haben und es ihm gut gehen würde. Nur einmal hat sie ihn während des Ferienlagers besucht: »Da passte das Feiern seiner Barmizwa zum damaligen Machanot-Motto. Die Madrichim hatten heimlich alles vorbereitet.« Mit ihrer Mutter fuhr Liat dort hin, sie nahmen sich ein Zimmer und zeigten sich erst, als die Überraschungsfeier losging. Ihr Sohn freute sich. »Es war ein wunderschöner Moment.«

Der liegt nun schon Jahre zurück. Ihr Sohn ist heute selbst für Teile der Organisation zuständig und wird in den kommenden Tagen seinen Rucksack packen. Früher, vor dem 7. Oktober 2023, hat sie die Zeit genutzt, um nach Israel zu reisen. Als Mitarbeiterin einer Schule – sie ist für die Hebräisch-Förderung zuständig – wird sie die Sommerferien weitestgehend freihaben. »Das ist natürlich Luxus.«

Julia, die als Hebamme angestellt ist, muss in den Ferien arbeiten.

Diesen Luxus kennt Julia Pastak derzeit nicht. Sie werde die Zeit, in der ihre Kinder an Day Camps oder Machanot teilnehmen, nutzen, um zu arbeiten. »Es hilft extrem, dass sie gut versorgt sind. Und ich weiß, dass sie eine gute Zeit haben werden«, sagt die Frau aus Emmendingen. Als angestellte Hebamme bekommt sie in den Sommerferien nur zwei Wochen Urlaub, obwohl die Ferien sechs Wochen dauern. »In der Schulzeit ist die Kinderbetreuung wesentlich besser organisiert für uns.«

Der älteste Sohn ist mit 18 Jahren bereits selbstständig, der zweite fährt mit der Zentralwohlfahrtsstelle auf Machane, die größere Tochter mit JuJuBa (Juedische Jugend Baden) nach Österreich und auf das Netzer Machane. Nur die Siebenjährige ist noch zu klein. »Meine Eltern wohnen nebenan und werden Zeit mit ihr verbringen. Außerdem kann sie dieses Jahr für eine Woche in unsere Gemeinde zum Day Camp.« So ganz kinderfrei werden sie also nicht sein. Beim Schabbat jedoch wird es viel ruhiger als sonst zugehen. »Das wird auf jeden Fall ungewohnt und komisch sein«, sagt die 42-Jährige.

Schabbat ist der Familie wichtig

Der gemeinsame Schabbat ist auch der Familie von Irina aus Berlin sehr wichtig. »Da hetzt uns nichts, und wir haben genug Zeit, uns über alles auszutauschen.« Nun jedoch werden sie nur zu dritt statt zu sechst sein. »Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Vielleicht lassen wir uns zu Schabbat einladen«, sagt Irina vergnügt. Am liebsten zu einer Familie, mit deren Kindern ihr Sechsjähriger befreundet ist. Mit ihm möchte sie auch verschiedene Sportarten testen, ihn zu Probetrainings begleiten und herausfinden, was ihm gefällt. »Schon wenn nur ein Kind verreist ist, ist es viel leiser bei uns«, meint Irina.

In den nächsten Tagen wird es noch ruhiger in ihrer Wohnung, denn drei ihrer vier Kinder werden auf Machane sein. Ihr Jüngster, der Sechsjährige, bleibt sozusagen als Einzelkind zu Hause. »Das hört sich toll an«, sagt sie. Ein ganz klein bisschen schwer ums Herz sei ihr zwar schon, aber sie habe kein weinendes Herz, denn die Vorfreude mit ihren Kindern überwiege. Sie werden so viel erleben und ihre Freunde aus anderen Städten wiedersehen.

Nachrichten gehen an den Familienchat

Irina möchte die ungewohnte Ruhe genießen und die Zeit nutzen, um Dinge zu erledigen, die im Familienalltag oft liegen bleiben. Da die Kinder 17, 16, 12 und 6 Jahre alt sind, wurde es in jüngster Zeit schwieriger, gemeinsame Aktivitäten zu gestalten, denn die Interessen gingen doch etwas auseinander. »Deshalb haben wir mehr in Dreierteams unternommen.«

Die beiden älteren Kinder werden die Eltern mit Fotos und Nachrichten im Familien-Chat versorgen, der Zwölfjährige, der noch kein Smartphone besitzt, wird sie jeden Tag anrufen. Es sei auch ein Test für die Familie, wie es ist, wenn nicht mehr alle mit am Tisch sitzen. Denn der Älteste hat sein Abitur in der Tasche und wird nach Israel gehen. Vorher aber wird die ganze Familie noch einmal gemeinsam in den Urlaub fahren.

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