Porträt der Woche

»Ich will mich ausprobieren«

»Ich befolge nur die Gebote, die mir für meinen Lebensstil passend erscheinen«: Amanda Pyscheva (22) lebt in Berlin. Foto: Stephan Pramme

Porträt der Woche

»Ich will mich ausprobieren«

Amanda Pyscheva kommt aus einer multireligiösen Familie und studiert Jura

von Jérôme Lombard  22.10.2018 16:15 Uhr

Ich wurde 1995 in Oberhausen geboren. Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Städtchen am Niederrhein in Nordrhein-Westfalen. In meiner Familie geht es seit jeher multikulturell zu. Mein Vater stammt aus Bulgarien und ist ein orthodoxer Christ. Meine Mutter ist ukrainische Jüdin mit Wurzeln in Russland und Usbekistan. Ich wurde mit Res­pekt vor beiden Religionen erzogen. Mit Bulgarisch, Russisch und Deutsch bin ich trilingual aufgewachsen.

Die sprachliche und kulturelle Vielfalt meines Elternhauses betrachte ich als große persönliche Bereicherung. Meine Eltern sind in den 90er-Jahren aus Abenteuerlust gemeinsam nach Deutschland gekommen. Bessere Chancen und berufliche Perspektiven haben für sie sicherlich auch eine Rolle gespielt. Mein Vater ist promovierter Dip­lom-Ingenieur und als Prüf-Ingenieur und Sachverständiger tätig. Meine Mutter ist Diplom-Kauffrau.

Als sie in Deutschland ankamen, waren beide noch ziemlich jung. Niemand hat in dem neuen und fremden Land auf sie gewartet. Wir hatten damals keine Verwandten hier, sie mussten sich ihren Weg also komplett selbstständig bahnen. Dieses Durchsetzungsvermögen und den Mut habe ich immer sehr bewundert.

orthodoxie Als ich ein Kind war, haben wir zu Hause die wichtigen christlichen Feiertage gefeiert. Gleichzeitig hatten wir aber auch immer die Jüdische Allgemeine zu Hause gehabt und gelesen. Mit zwölf Jahren schickten meine Eltern mich in ein Sommercamp mit dem Namen »Gan Israel« nach Österreich. Dass dieses Camp von der chassidisch-ultraorthodoxen Chabad-Gemeinschaft organisiert wird, wusste ich damals nicht. Und selbst wenn, hätte ich mit dem Namen auch rein gar nichts anfangen können. Meine Eltern wollten mir mit dem Camp wohl einfach etwas Gutes tun und mir einen abenteuerlichen Sommerurlaub ermöglichen.

Meine erste Begegnung mit dem orthodoxen Judentum war für mich eine unerwartete Überraschung. Zum Frühstück gab es in dem Camp nur Cornflakes mit Milch. Als ich den Campleiter nach der mir so vertrauten Salami fragte, guckte er mich nur mit großen Augen und offenem Mund an. Koscheres Essen war für mich damals natürlich etwas völlig Unbekanntes.

Insgesamt hatte mir das Camp mit seinen vielen tollen Freizeitangeboten gut gefallen. So gut, dass ich im darauffolgenden Jahr gleich noch einmal mitgefahren bin. Beim zweiten Mal habe ich dann viele neue Freunde gefunden, und ich konnte die ganze Sache schon etwas besser einordnen. »Gan Israel« hat in mir in jedem Fall eine Entwicklung angestoßen.

selbststudium Ich beschäftigte mich dann immer mehr mit dem Judentum und meinem eigenen Jüdischsein. In meiner Kleinstadt, in der es zu meiner Jugendzeit höchstens eine Handvoll anderer Juden gab, war das gar nicht so einfach. Das meiste Wissen habe ich mir im Selbststudium angeeignet.

Ich habe einfach sehr, sehr viel gelesen. Dennoch hatte ich auch das Privileg, durch Stipendien an verschiedenen, international jüdisch geprägten Programmen teilzunehmen, die meinen Horizont über das Jüdischsein erweiterten und verschiedene Möglichkeiten und Chancen aufzeigten.

Zum Beispiel konnte ich mit 17 Jahren durch ein Stipendium für einen Monat nach Boston in die USA fliegen und an den Sommerprogrammen an der Brandeis University teilnehmen. Außerdem habe ich bei einem neunmonatigen Leadership-Programm in London mitgemacht und dabei wichtige politische Standbeine wie das Europäische Parlament in Straßburg und das House of Lords in der englischen Hauptstadt entdeckt.

freigeist Heute, mit 22 Jahren, verstehe ich mich selbst als bewusste Jüdin. Das bedeutet für mich vor allem, die moralischen Vorstellungen zu internalisieren und im Hier und Jetzt anzuwenden. Unter Religiosität verstehe ich nicht die strikte Einhaltung von Regularien wie der Kaschrut. Das finde ich festgefahren und unflexibel.

Ich befolge nur die Gebote, die mir für meinen Lebensstil passend erscheinen. Meine Lebenslust und meinen Freigeist lasse ich davon nicht einschränken. Letztlich muss jeder und jede selbst entscheiden, was er oder sie mit Blick auf die religiösen Gebote für richtig und passend hält.

Für mich bedeutet, religiös zu sein, in erster Linie, die jüdische Tradition mit ihren Festen hochzuhalten und zu leben. Ich finde, dass in der Traditionsgeschichte eine unglaubliche Schönheit und Energie steckt. Meine Eltern unterstützen mich in allem, was ich tue. Dass ich mich für das Judentum als meine Religion entschieden habe, ist für sie kein Problem, da ich auch die christlichen Werte schätze, respektiere und feiere.

lebensgefühl Ich lebe jetzt seit vier Jahren in Berlin. Hergekommen bin ich, um zu studieren. Ich habe mich für ein etwas schwierigeres, aber dennoch reizvolles Studium wie Jura entschieden. Da ich sehr belesen bin, finde ich es spannend und interessant, in diesem Fach die Grundlage mit der Auslegung und der Umsetzung zu verknüpfen.

Auch die Internationalisierung der Rechtswissenschaften spielt dabei eine wichtige Rolle für mich. Neben meinem Studium war es für mich auch immer wichtig, beruflich als Werkstudentin tätig zu sein, um eine Abwechslung zum Lernen zu haben und die Theorie mit der Praxis zu verbinden.

In meiner Freizeit singe und tanze ich gerne und trete auf. Am liebsten covere ich Songs und performe zu ihnen. Ich liebe die Kunst und ihre Vielfalt. Ich glaube, Berlin ist die beste Stadt in der Bundesrepublik, um als junger Mensch jüdisch zu sein und jüdisch zu leben. Es gibt eine breite jüdische Infrastruktur an Geschäften, Restaurants und Organisationen. Die Community ist sehr international, vielfältig und wächst immer weiter. Gerade auch viele junge Menschen aus Israel und Amerika zieht es hierher. Das gefällt mir.

schabbat In der Berliner Gemeinde bin ich gut vernetzt. Regelmäßig feiere ich mit Freunden den Schabbat im privaten Rahmen. Dieser sehr persönliche Zugang ist mir auch bei anderen Festen und Feiertagen sehr wichtig. Hin und wieder zieht es mich aber auch in die Synagoge. Gar nicht unbedingt, um an einem Gottesdienst teilzunehmen. Den Besuch in einem Gotteshaus erlebe ich als eine ganzheitlich spirituelle und auch individuelle Erfahrung. Für mich ist die Synagoge der beste Raum, um wirklich Ruhe zu finden und in mich zu kehren.

Auch wenn das jetzt vielleicht wie aus einem Tourismuswerbekatalog klingen mag – Berlin ist für mich nicht nur ein Wohn- und Studienort, sondern ein Lebensgefühl. Die große Stadt hat mich als Kleinstädterin immer schon fasziniert. Es gibt hier eine praktisch unüberschaubare Menge an Kultur, Freizeitangeboten und Menschen aus wirklich jedem Winkel der Welt. Das ist faszinierend und irgendwie überfordernd zugleich.

Natürlich läuft bei dem Zusammenleben so vieler verschiedener Menschen nicht immer alles gut und friedlich ab. Diese Probleme muss man klar benennen, wenn man will, dass Lösungen gefunden werden. Für mich als jemand, der immer unter Menschen sein muss, ist das quirlige Leben in Berlin genau das Richtige. Berlin und Deutschland sind mein Zuhause. Das merke ich immer ganz besonders, wenn ich auf Reisen bin. Ich verreise gerne, um andere Kulturen und Länder kennenzulernen.

abenteuerlust Auch in Israel war ich schon mehrere Male mit jüdischen Projekt reisen. Das Land und die Leute finde ich abwechslungsreich. Wenn man in der Altstadt von Jerusalem ist, bekommt man als gläubige Jüdin ein besonderes Gefühl. Das ist gar keine Frage. Aber dennoch habe ich mich in Israel immer als Touristin verstanden.

Egal, wo ich gerade bin, ich versuche immer, mein Leben – so gut es geht – zu genießen. Diese Lebensfreude habe ich mir wohl von meinen Eltern abgeschaut. Auch die Abenteuerlust habe ich geerbt. Ich kann nicht stillstehen und muss immer etwas Neues erkunden.

Nach dem Jurastudium würde ich gerne noch etwas ganz anderes studieren. Psychologie reizt mich momentan sehr. Aber mal schauen, was die Zukunft so bringt. Ich bin jung, wissenshungrig und möchte mich ausprobieren.

 

Maccabi

Eine Feier für den jüdischen Sport

Der Verein lud zum traditionellen Sommerfest im Vereinsgelände an der Riemer Straße

von Luis Gruhler  21.06.2026

München

Ganz im Vertrauen

Seit rund sechs Wochen ist Dominik Krause als Oberbürgermeister im Amt. Nun traf er sich mit Vertretern des Vorstandes der IKG zum Gespräch

von Luis Gruhler  21.06.2026

Porträt der Woche

Flucht und Farben

Alexander Glinkin ist Maler. Im Frühjahr 2022 verließ er Kyjiw und lebt heute in Berlin

von Matthias Messmer  21.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026

Interview

»Ich kann daraus lernen«

Rabbiner Avigdor Moshe Nosikov hat eine ungewöhnliche Umfrage durchgeführt: Wie zufrieden sind die Mitglieder der Dortmunder Jüdischen Kultusgemeinde mit seiner Arbeit?

von Christine Schmitt  18.06.2026

Berlin

Kampflibellen am BER

Bei der gerade zu Ende gegangenen Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Schönefeld haben auch israelische Firmen die neueste Technik vorgestellt. Ein Besuch zwischen Kraftstofftanks und Drohnenabwehr

von Leon Stork  18.06.2026

Nordrhein-Westfalen

Landtag ehrt Sieger von »Shalom - Jüdisches Leben heute«

Mehr als 2200 junge Menschen haben mit mehr als 450 Beiträgen jüdisches Leben greifbarer gemacht

 17.06.2026

Berlin

Babka, Borschtsch und Pargiot

Zum fünften Jubiläum des Streetfood-Festivals locken 52 Stände, viele Acts und eine zusätzliche Kleinkunstbühne

von Helmut Kuhn  17.06.2026