Porträt der Woche

»Ich will Menschen erreichen«

»Das Judentum wird immer mein Ausgangspunkt sein«: Anat Ivgi (34) lebt in Stuttgart. Foto: Anat Ivgi

Porträt der Woche

»Ich will Menschen erreichen«

Anat Ivgi ist Künstlerin und engagiert sich in der Flüchtlingsarbeit

von Christian Ignatzi  17.09.2020 09:06 Uhr

Vor 34 Jahren wurde ich in Jerusalem geboren. Aufgewachsen bin ich in einer jüdischen Familie, die aus unterschiedlichen Orten stammt. Mein Vater kommt aus Casablanca, meine Mutter aus dem Iran. Auch sie ist in Israel geboren. Dort bin ich groß geworden, habe meinen Schulabschluss gemacht und in Jerusalem Design studiert. Später bin ich nach Deutschland gezogen. Seit sieben Jahren lebe ich in Stuttgart, wo ich an der Kunstakademie studiert habe. Irgendwann hat mich mein Weg zur Flüchtlingsarbeit geführt.

Für mich war die Kunst oft ein Medium, um mit Menschen zusammenzukommen. Deshalb bin ich im sozialen Bereich gelandet. Vor zwei Jahren habe ich mein Diplom in freier Kunst gemacht. Ich arbeite immer noch im künstlerischen Bereich. Das Judentum spielt auch in meiner Kunst eine Rolle. Zwar nicht direkt, aber es wird immer mein Ausgangspunkt sein. Meine Wurzeln liegen im Judentum.

Was aber eine noch größere Rolle in meiner Kunst spielt, ist die Tatsache, dass ich Israelin bin. Israel und das Judentum haben natürlich eine direkte Verbindung miteinander, weil Israel ein jüdischer Staat ist. Aber meine israelische Herkunft ist der Grund, dass ich zum einen stark mit der Kultur Israels verbunden bin, zum anderen aber auch mit den unterschiedlichen Einflüssen aus verschiedenen anderen – auch muslimischen – Ländern auf Israel.

KUNST Nur wenige israelische Künstler schaffen es, in ihrer Heimat erfolgreich zu sein. Denn trotz der vielfältigen Schönheit, die die israelische Kultur bietet, sind das existenzielle Überleben, die Sicherheit, und die Bildung wichtiger. Kunst wird oft als Streben nach Luxus gesehen.

Darüber hinaus gibt es nur eine sehr geringe Unterstützung der Kunst seitens unterschiedlicher Institutionen, was das Leben für Künstler in Israel noch schwieriger macht. Dennoch gibt es viel Kunst in Israel: eine herausfordernde und anspruchsvolle Kunst, die den Betrachter zum Nachdenken über verschiedene Themen anregt.

Mein Vater kommt aus Casablanca, meine Mutter aus dem Iran.

Eine israelische Künstlerin zu sein, ist für mich ein Statement. Es verbindet mich unweigerlich mit der gesamten Problematik der israelischen Gesellschaft. Das bedeutet, dass es immer Implikationen für den dortigen politischen Kontext geben wird, wie zum Beispiel die Problematik der besetzten Gebiete oder andere politische Gegebenheiten. Natürlich spiegelt diese Aussage nicht unbedingt mich und meine politischen Ansichten wider.

FREIHEIT Zwar befassen sich einige meiner Arbeiten mit dem Thema des Nahostkonflikts, aber es sind nur wenige. In der Kunst gibt es viele Bereiche und Themen, die mich insgesamt interessieren. Ich kam unter anderem wegen meines Partners nach Deutschland.

Dieses Land gibt mir einerseits die Freiheit und Distanz, andererseits zwingt es mich, die Stimme eines Israelis in Deutschland zu repräsentieren. Unter anderem im Verein IsraAid, bei dem ich in Stuttgart angestellt bin. Wir sind ein engagierter Verein, der sich in der Gesellschaft einsetzt.

Es gab bei mir nie wirklich eine Trennung zwischen Kunst und Sozialem.

Ich glaube, es gab bei mir nie wirklich eine Trennung zwischen Kunst und Sozialem. Ich war schon immer aktiv im sozialen Bereich, auch in Israel. Ich war dort in einer Organisation tätig, mit der wir Kunstevents organisiert haben, um junges Leben zu entwickeln. Für mich ist die Kunst schon mein Anfangspunkt. Ich will aber nicht, dass es bei der Kunst auch schon einen Endpunkt gibt.

ISRAAID Ich will Menschen erreichen. Deshalb leite ich eine Gruppe von Ehrenamtlichen mit Fluchthintergrund. Sie wollen sich für die Gesellschaft engagieren. Wir haben uns vor der Corona-Zeit oft getroffen und überlegen, was wir als Gruppe weitergeben können.

Wir haben etwa für Obdachlose gekocht oder den Park sauber gemacht. Wenn man sieht, dass geflüchtete Menschen so etwas machen, dann baut das sehr viele Vorurteile ab.

Wir haben zum Beispiel für Obdachlose gekocht und Essen verteilt. Dann haben wir den Park sauber gemacht. Das sind sehr interessante Aktionen. Denn wenn man sieht, dass geflüchtete Menschen so etwas machen, dann baut das sehr viele Vorurteile ab. Die Menschen waren sehr überrascht und interessiert an den persönlichen Geschichten der Geflüchteten.

IsraAid beschränkt sich eben nicht auf die jüdische Arbeit. Das ist uns ganz wichtig. Unsere Mitarbeiter haben jüdische, arabische und deutsche Wurzeln. Es ist ein sehr internationales Team. Schließlich ist es unsere Bestimmung als Hilfsorganisation, Menschen zu helfen – egal, wo sie herkommen.

BEGEGNUNGEN Für mich persönlich spielt das Judentum aber immer eine Rolle. Es ist für mich nicht nur Religion. Es ist Kultur und meine persönliche Lebensgeschichte. Davon kann ich mich nicht trennen. Ich bringe alles von mir mit in meine Arbeit. All meine Hintergründe und meine persönliche Geschichte.

Wenn ich mich als Person vorstelle, sage ich, dass ich jüdisch bin, und vor allem, dass ich Israelin bin. Bei Menschen, die aus Syrien kommen, bricht das ganz viele Vorurteile. Viele haben ja noch nie jemanden aus Israel kennengelernt. Es ist mir deshalb sehr wichtig, solche Begegnungen zu schaffen. Ich halte mich da an die Tora, in der es heißt: »Du sollst deine Mitmenschen genauso lieben wie dich selbst.« Denn manchmal ist es so, dass das auf einen zurückfällt: Durch die Liebe zu anderen Menschen kommt man zu sich selbst.

In Stuttgart bin ich auch in der Israelitischen Religionsgemeinde aktiv. Außerdem arbeite ich im Verein »Kubus«. Dort bin ich mit dem Projekt »Shalom und Salam« befasst. Das ist ein Bildungsprojekt gegen antimuslimischen Rassismus. Da arbeiten wir mit Jugendlichen und Fachkräften im Bereich der Jugend- und Flüchtlingsarbeit zusammen. Es ist mir wichtig, die Message zu verbreiten, dass man gemeinsam etwas gestalten kann, wenn man nur will.

Es ist mir wichtig, Begegnungen zu schaffen. Ich halte mich da an die Tora, in der es heißt: »Du sollst deine Mitmenschen genauso lieben wie dich selbst.«

Mit meiner Flüchtlingsgruppe treffe ich mich regelmäßig. Wir sind rund zwölf Personen. Das sind Menschen mit Fluchthintergründen aus Syrien, Afghanistan, dem Sudan. Es sind aber auch Menschen aus der Ukraine oder dem Iran dabei.

Vor der Corona-Pandemie saßen wir oft zusammen mit dem Ziel, etwas Gutes für andere Menschen zu tun. Zuletzt konnten wir uns wegen der Pandemie zwar nicht treffen, wir haben aber Zoom-Meetings über das Internet gemacht, die Gruppe existiert weiterhin. Wir unterstützen einander in dieser schwierigen Zeit.

ERKENNTNIS Bei diesen Treffen ist die Erkenntnis entstanden, dass wir als Gruppe eine besondere Stärke haben, allein dadurch, dass wir zusammenarbeiten. Und das sollten wir in dieser besonderen Zeit, in der wir gerade leben, nutzen.

Es ist so, dass ich ein Atelier in einem Kunstverein habe. Dort entstehen auch Kunstprojekte im Designbereich. Ich arbeite auch methodisch künstlerisch und kam deshalb mit dem Nähen in Verbindung. Das ist zwar in erster Linie ein Handwerk, man kann sich damit aber auch kreativ ausleben.

Ich versuche, immer achtsam zu sein, mit jeder einzelnen Person.

Es kam dann dazu, dass mir eine Frau erzählt hat, dass sie gerade Masken für sich selbst näht. Sie hat sich darauf eingelassen, uns zu zeigen, wie das geht. Dann ist bei mir der Groschen gefallen, wie man bei uns sagt. Ich fand die Idee super und wollte, dass wir als gemeinsames Projekt Masken nähen.

MASKEN Wir organisierten also einen Raum und mehrere Nähmaschinen, da wir aus hygienischen Gründen mehrere brauchten. Auf einem Nachbarschaftshilfeportal habe ich im Stuttgarter Westen alles gefunden, was wir brauchten: die Maschinen, Stoffe und so weiter. Die Leute waren sehr hilfsbereit. Das war wirklich schön zu sehen.

Durch diese Aktion haben wir ungefähr 400 Masken zusammenbekommen, die wir zum einen an Holocaust-Überlebende gespendet haben, aber auch an Unterkünfte für Flüchtlinge im Stuttgarter Raum und an bedürftige Familien in Freiburg.

An die Holocaust-Überlebenden kamen wir über Kontakte. Ich kenne die Gemeinde in Stuttgart sehr gut und habe mich mit den entsprechenden Leuten in Verbindung gesetzt. In der jüdischen Gemeinde gibt es ein Altersheim. Außerdem leben in Stuttgart und um Stuttgart herum einige sehr alte Menschen jüdischer Herkunft. Sie haben unsere Masken bekommen.

ACHTSAMKEIT Das Schöne an dieser Aktion ist, wie ich finde, Menschen, die die Schoa überlebt haben, und Flüchtlinge zusammenzubringen. Das hat eine sehr starke Symbolik, auch wenn sie einander leider nicht treffen durften. Denn die alten Menschen gehören natürlich der Risikogruppe an und mussten zu Hause bleiben. Wir haben allerdings ein Treffen mit Gemeindemitgliedern und unserer Gruppe organisiert. Ein Treffen mit den Schoa-Überlebenden wäre viel zu gefährlich gewesen.

Ich versuche, immer achtsam zu sein, mit jeder einzelnen Person. Ich will nicht, dass ich alles allein gestalte. Wir wollen das gemeinsam machen. Diese Arbeit überwindet Grenzen. Und ich unterstütze die geflüchteten Menschen dabei, auch weiterhin Gutes zu tun. Für die Menschen in unserer Umgebung. Das ist unser Ziel.

Aufgezeichnet von Christian Ignatzi

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