Porträt der Woche

»Ich war immer Einzelgänger«

»In Deutschland habe ich nie ein Heimatgefühl entwickelt«: Gregory Wolf lebt in Köln. Foto: Joern Neumann

Porträt der Woche

»Ich war immer Einzelgänger«

Gregory Wolf arbeitete viele Jahre in der Baubranche und ist jetzt im Ruhestand

von Gerhard Haase-Hindenberg  12.09.2022 11:25 Uhr Aktualisiert

In Deutschland habe ich nie ein Heimatgefühl entwickelt. Nicht, dass ich es nicht gesucht hätte, aber ich habe es einfach nicht gefunden. Dabei kam ich mit meinen Eltern schon 1960 hierher, da war ich gerade einmal fünf Jahre alt. Wo also sollte sonst mein Zuhause sein?

Israel könnte ich sicherlich eher als Heimat empfinden, schließlich bin ich da geboren und war auch später oft dort. Wenn es in diesem Land nur nicht so irre teuer wäre und es das Problem mit der Sprache nicht gäbe, könnte man ja über Alija nachdenken. Jedenfalls ist das mit dem Heimatgefühl für mich ein ernstes Problem. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.

eltern Als ich ein kleiner Junge war, hat mir mein Vater vor dem Schlafengehen immer aus seinem Leben erzählt. Dessen Vater kam ursprünglich aus Kelz im Eifel-Vorland. Später zog er nach Magdeburg und unterhielt dort einen Textilgroßhandel. Meine Großmutter stammte aus dem westpreußischen Elbling. Nach 1933 hatten meine Großeltern den Boykott jüdischer Geschäfte nicht verkraftet. Sie mussten schließlich ihre Wohnung aufgeben, weil sie nichts mehr verdienten. Mein Vater erzählte mir, dass seine Eltern nur aufgrund seines Insistierens 1936 nach Amsterdam gezogen sind.

Nachdem ich nun Rentner bin, versuche ich, etwas gegen das Alleinsein zu tun.

Er war schon 1935 in die Niederlande geschickt worden, da war er zwölf Jahre alt, und lebte zunächst bei Quäkern, die sich um allein reisende jüdische Kinder kümmerten.

In Amsterdam wohnte damals auch meine Mutter, die mit ihrer Familie aus München gekommen war. Im Krieg dann hat deren Mutter sie und ihre zwei Geschwister mit falschen Papieren bei holländischen Familien untergebracht, ehe sie selbst nach Auschwitz deportiert wurde. Sie überlebte die Schoa, mein Großvater kam bei einem Autounfall ums Leben.

israel Nachdem meine Eltern sich nach dem Krieg in Amsterdam kennengelernt und geheiratet hatten, ging mein Vater 1948 nach Israel, um im Unabhängigkeitskrieg zu kämpfen. 1950 übersiedelte meine Mutter auch dorthin. Fünf Jahre später kam ich im Beilinson-Krankenhaus in Petach Tikwa zur Welt.

Meine Mutter sprach nicht oft über die Vergangenheit, und wenn, dann nicht allzu viel. Ich weiß aber, dass sie in Israel eine Tanzkompanie aufgezogen hatte, mit der sie aber leider pleiteging. Um Geldforderungen zu entgehen, zogen sie mit mir zurück in die Niederlande und drei Jahre später nach Düsseldorf, wo mein Vater eine Arbeit als Stadtplaner bekommen hatte. Ich wohne inzwischen schon seit vielen Jahren in Köln, aber das mit dem Heimatgefühl will einfach nicht klappen.

Mein Vater war überzeugter Zionist, engagierte sich für den deutsch-israelischen Jugendaustausch, aber mit dem Judentum als Religion hatte er nichts am Hut. Wir haben keine Feier mitgemacht, waren nie in der Synagoge, hatten keine jüdischen Freunde. Allerdings nahm ich in Düsseldorf am Religionsunterricht teil. Hierfür fuhr ich von unserer Wohnung in einem Vorort in die Innenstadt zur Jüdischen Gemeinde. Dort hatte ich dann eine Stunde Religion und bin danach sofort wieder zurück, ohne einen der Mitschüler näher kennenzulernen.

schule Ich war schon immer ein Einzelgänger, obgleich ich in meiner Schule eine Weile zu einer Clique gehörte, mit der ich relativ viel gemacht habe. Aber das waren nur ungefähr drei Jahre in der Oberstufe. An der Fachhochschule hatte ich auch ein paar Leute, mit denen ich öfters zusammen war. Aber eigentlich bin ich immer nur mitgelaufen, nachdem jemand auf mich zugegangen war. Dass ich selbst etwas in die Wege geleitet hätte, ist eigentlich nie passiert.

Eigentlich bin ich immer nur mitgelaufen, nachdem jemand auf mich zugegangen war. Dass ich selbst etwas in die Wege geleitet hätte, ist eigentlich nie passiert.

Zwei Mal war ich auch auf Machane in Bad Sobernheim, und da habe ich die Erinnerung an einen unschönen Vorgang. Wir waren zwölf Jahre alt, und die Jungen bereiteten sich in dieser Zeit alle schon auf die Barmizwa vor. Wir standen auf dem Düsseldorfer Bahnhof und warteten auf den Zug, der uns in unser Feriendomizil bringen sollte. Ein anderer jüdischer Junge sagte zu mir: »Du gehörst nicht zu uns!« Er wusste wohl, dass ich mich nicht auf eine Barmizwa vorbereitete. Das hat mich sehr verletzt, und der Vorfall ist mir bis heute als belastend in Erinnerung.

An die beiden Machanot selbst kann ich mich kaum erinnern, außer, dass wir viele Lieder gesungen haben, die mir heute noch geläufig sind. Und dass ich einmal das Besteck falsch aufgetragen habe, also das milchige und nicht das fleischige, was ganz schrecklich war. Engere Kontakte zu anderen Kindern habe ich nicht aufgebaut.

studium Nach dem Abitur habe ich Architektur studiert. Erst ein Semester in Eindhoven, dann an der Fachhochschule Düsseldorf. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Danach habe ich zehn Jahre lang als angestellter Architekt in verschiedenen Büros gearbeitet, ehe sich mir die Möglichkeit bot, in der Stadtverwaltung einer Gemeinde unweit von Köln in der Bauaufsicht zu arbeiten. Und da war ich dann 25 Jahre lang für Baugenehmigungen zuständig.

Es gab in dieser Behörde mal ein Seminar, in dem wir Kollegen uns untereinander besser kennenlernen sollten. Da wurde eine Aufstellung gemacht, und die erste Aufgabe bestand darin, sich im Abstand zum Arbeitsort an seinem Geburtsort aufzustellen. Da meiner in Israel war, habe ich mich am Weitesten entfernt aufgestellt. Kurz danach rief mich mein unmittelbarer Vorgesetzter zu sich und sagte mir ins Gesicht: »Du gehörst nicht zur abendländischen Kultur, und ich werde dafür sorgen, dass du von hier wegkommst.«

Von diesem Tag an wurde ich von ihm über Jahre gemobbt. Das fing mit Ausgrenzung an und führte zu ständigen Kontrollen und schlechten Bewertungen meiner Arbeit. Es gab eine Kollegin, die sich für mich einsetzte. Sie ging zu diesem Mann, unserem gemeinsamen Vorgesetzten, und sagte, dass es ungerecht sei, wie er mich behandelte. Da hat er sie angeschrien. Sie hat das dann mit ihrem Mann besprochen, und er sagte ihr, sie solle sich aus dieser Schusslinie besser heraushalten. Für mich aber war es sehr wichtig, zu spüren, dass jemand anderes diese Dinge auch wahrnimmt.

Ich sprach auch die Abteilungsleiterin an, aber sie glaubte mir den Vorwurf des Antisemitismus nicht. Sie sah vielmehr mich als den Verursacher des Problems. Dann wurde ich beim Betriebsrat vorstellig, der jedoch nicht einmal ein Gespräch mit dem Vorgesetzten wegen des Mobbings führte. Da hatte ich die antisemitische Äußerung schon gar nicht mehr erwähnt. Inzwischen hatte ich begriffen, dass es in diesem Land schlimmer ist, jemanden als Antisemiten zu beschuldigen als ein Antisemit zu sein.

PSYCHOANALYSE Nachdem ich nun Rentner bin, versuche ich, etwas gegen das Alleinsein zu unternehmen. Ich habe ein paar Mal probiert, die Hilfe von Psychologen in Anspruch zu nehmen, aber das hat nicht geklappt.

Das richtige Gegenüber zu finden, ist sehr schwierig. Ich hatte von einer jüngeren jüdischen Psychoanalytikerin erfahren, die die Psychoanalyse nach Freud praktiziert. Obwohl ich das wusste, hatte ich es in der Konsequenz nicht so ernst genommen.

Inzwischen unternehme ich selbst einiges. So besuche ich zum Beispiel Veranstaltungen der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

In meiner Vorstellung war deren jüdischer Hintergrund entscheidend, um meine antisemitischen, aber nicht gerichtlich beweisbaren Mobbingerlebnisse am Arbeitsplatz und auch anderes mit jemandem aufzuarbeiten, der hierfür ein spezifisches Einfühlungsvermögen besitzt. Sie hat dann aber, wie es diese Richtung ja auch vorsieht – sie sitzend, ich liegend –, lediglich zugehört und keinerlei Kommentare abgegeben. Das war absolut keine Hilfe für mich. Vielmehr habe ich es als grausam empfunden.

gleichgesinnte Inzwischen unternehme ich selbst einiges. So besuche ich zum Beispiel Veranstaltungen der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, wo man Gleichgesinnte trifft. Vor einigen Jahren habe ich dort eine Israelin kennengelernt, die mich der Kölner Gemeinde nähergebracht hat.

Mittlerweile bin ich Mitglied und profitiere davon, dass es dadurch möglich ist, etwa mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland eine Seniorenfreizeit in Bad Kissingen zu verbringen. Ich nehme auch an vom Zentralrat organisierten Konferenzen teil oder reise zu Veranstaltungen wie dem Gemeindetag in Berlin. Aber so ein aktives Mitglied, dass ich jetzt ehrenhalber irgendwo tätig bin, das bin ich nicht.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg

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