Rede

»Ich verneige mich vor ihm«

Charlotte Knobloch Foto: Marina Maisel

»Wir müssen uns der Eierschalen des Ghettos entledigen« – das war die feste Überzeugung von Hans Lamm sel. A. »Um unsert willen und kommender Generationen wegen, aber auch des Judentums willen, wenn wir es nicht als Mumie bewahren, sondern als lebendige Kraft erhalten wollen.« Dies sind bemerkenswerte Worte, die Hans Lamm bereits im Jahr 1959 zu Papier brachte. Zu einer Zeit also, da ich ihn noch nicht ertragen konnte, jenen Gedanken, von Menschen umgeben zu sein, an deren Händen das Blut unserer Familien klebte.

Mission Der gebürtige Münchner Hans Lamm hingegen kehrte in vollem Bewusstsein und mit tiefer innerer Überzeugung in dieses Land, in diese Stadt zurück. Ein Remigrant aus Leidenschaft, fest entschlossen, seinen Beitrag zur Liberalisierung und Demokratisierung seiner Heimat leisten zu wollen. Hans Lamm hatte eine Vision und er fühlte eine Mission. Seine gesamte Schaffenskraft stellte er in den Dienst des Wiederaufbaus des jüdischen Lebens in Deutschland.

Wie viele andere, so habe auch ich von Hans Lamm unendlich viel lernen dürfen. Vor allem jedoch habe ich ihn bewundert. Seine unbeirrbare, zutiefst menschliche Haltung sowie sein kluges und beherztes Denken und Handeln. Er war ein Multitalent: Publizist, Soziologe, Verlagsgründer, Dolmetscher und Bildungsbesessener.

Wie kaum ein anderer verstand Hans Lamm es, Brücken zu bauen, Menschen für den Dialog zu öffnen und für die gute Sache zu begeistern. Er vermochte Wogen zu glätten und zu versöhnen. Er konnte mitreißen und er berührte die Herzen der Menschen, weil er in jedem Moment authentisch, glaubwürdig und aufrichtig war.

Besonnenheit Hans Lamm war meinem Vater im Amt des Gemeindevorsitzenden gefolgt. Er war es dann, der die jüdische Gemeinde durch jene unverhofft unruhigen und unsicheren frühen 70er-Jahre manövrieren musste. Und es gelang ihm dank seiner Besonnenheit und seiner guten Verbindungen zu Politik und Verwaltung.

Seine verlässlichen und von gegenseitigem Vertrauen geprägten guten Beziehungen zur Stadt haben vieles erleichtert. Kein Leichtes, war doch die Gemeinde damals alles andere als finanziell gut aufgestellt. Von so etwas wie einem Staatsvertrag konnte man nur träumen. Aber ihm gelang es auf seine unvergleichliche kontaktfreudige, offene und offensive Art, die Belange und Interessen der Gemeinde und ihrer Mitglieder durchzubringen. Er lebte vor, wie man eine Gemeinde richtig führt und lenkt. Und ich lernte von ihm über den Umgang mit Menschen. Sein Herz schlug für die Menschen. Sie standen im Zentrum seines Schaffens. Wer Hilfe oder Rat brauchte, fand bei Hans Lamm stets ein offenes Ohr. Er war immer zur Stelle und setzte sich für jeden Einzelnen ein.

Bis heute bewundere ich diese Souveränität, seine Beharrlichkeit und eben seine Menschlichkeit. Hatte ich bereits von meinem Vater gelernt, das mir Aufgegebene mit Umsicht, Hartnäckigkeit, Disziplin und Zielstrebigkeit anzugehen, so war es die Beobachtung und das Begleiten von Hans Lamm, das mein Bewusstsein dieser Tugenden schärften.

Heimat In einer Phase, da viele von uns zufällig und eher unfreiwillig in Deutschland verblieben waren und noch nach einem Platz in der Gesellschaft suchten, hatte sich Hans Lamm längst entschieden: München war seine Heimat, und sie sollte es bleiben. Als ich ihm 1985 im Amt nachfolgte, habe ich es mir zum Ziel gemacht, diesen seinen Gedanken für alle Juden in unserer Stadt erlebbar, greifbar und schließlich real zu machen.

Ich bin sicher, dass er – und am heutigen Abend kann ich seine Anwesenheit förmlich spüren – sehr stolz auf diesen Ort blicken würde, auf unser Gemeindezentrum und die neue Münchner Hauptsynagoge im Herzen der Stadt. Denn mit ihrer Eröffnung ist es gelungen, den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt wieder eine Heimat in der Mitte der Gesellschaft zu schaffen – und ich glaube, sagen zu dürfen: auch in den Herzen der Menschen. Dies verdanken wir vielen Menschen, aber vor allem ganz besonders auch: Hans Lamm.

Ich verneige mich in Dankbarkeit und Hochachtung vor diesem großartigen Menschen und seinem Lebenswerk.

CSD

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