Porträt

»Ich möchte weitermachen«

Vor ihrer Pensionierung war Miriam Rosengarten Lehrerin an der Jüdischen Oberschule in Berlin. Foto: Uwe Steinert

Porträt

»Ich möchte weitermachen«

Miriam Rosengarten unterrichtet seit 30 Jahren in Deutschland Hebräisch

von Gerald Beyrodt  29.07.2013 20:52 Uhr

Die meisten Deutschen überlegen sich nicht, wie ihre Sprache aufgebaut ist. Sie sprechen einfach, ohne sich Gedanken zu machen, wie sie konjugieren und deklinieren, welche Präpositionen sie benutzen. So ähnlich ging es mir mit dem Hebräischen, als ich in Israel aufwuchs, und auch, als ich hebräische Literatur studierte. Doch durch meine Sprachkurse in Deutschland, die ich inzwischen seit mehr als 30 Jahren gebe, habe ich die hebräische Sprache viel besser kennengelernt, habe von Fragen und Problemen gehört, auf die Israelis niemals kommen würden.

Auch mit meinen 70 Jahren unterrichte ich noch zweimal in der Woche an der Jüdischen Volkshochschule in Berlin, bringe zudem Bar- und Batmizwa-Kindern in der Synagoge Oranienburger Straße hebräische Buchstaben und Toraabschnitte bei – und möchte nicht aufhören. Früher war ich auch Lehrerin an der Jüdischen Oberschule in Berlin. Es macht mir wahnsinnig viel Spaß, Hebräisch zu unterrichten. Erst können die Schüler kaum etwas sagen oder lesen, später sprechen sie gut – das begeistert mich.

Ulpan Schon bevor ich mit meiner Familie nach Deutschland kam, habe ich in Israel in einem Ulpan gearbeitet, in einer Sprachschule für Neueinwanderer. Der Unterschied zwischen israelischem Ulpan und Volkshochschule in Deutschland ist gewaltig. Im Ulpan habe ich jeden Tag fünf Stunden Unterricht gegeben, mit den Schülern sprechen geübt, gemeinsam gesungen – alles.

In der Volkshochschule ist die Zeit viel begrenzter. Nur einmal in der Woche kommen die erwachsenen Schüler ins Gemeindehaus. Es ist fast unmöglich, alles auf einmal zu unterrichten: Buchstaben, Grammatik, Konversation. So habe ich mit den Schülern in Deutschland erst einmal angefangen zu sprechen und sie die Wörter in lateinischen Buchstaben aufschreiben lassen. Erst später folgten die hebräischen Buchstaben. Auf diese Idee habe ich später mein Lehrbuch Ivrit – Schritt für Schritt aufgebaut.

Nach Deutschland wollte ich eigentlich nie. Doch mein ehemaliger Mann, ein Musiker, hatte vor, ein Jahr hier zu arbeiten. Als ich gleich nach der Ankunft in Deutschland mit meiner kleinen Tochter im Bus saß, gefiel mir, dass andere Fahrgäste mit meiner Tochter spielten. Ich dachte: Wenn sie keine Deutschen wären, würde ich sie nett finden. Später habe ich gemerkt, dass es hier wie überall nette und weniger nette Menschen gibt.

Angst Die Vorbehalte gegen Deutschland saßen in meiner Jugend in Israel tief. Als Kinder haben wir an Tu Bischwat, dem Neujahrsfest der Bäume, in Kinderliedern gesungen, dass die Deutschen sterben sollen. Als meine Mutter 1942 mit mir schwanger war, hatte sie immer Angst, dass die Deutschen von Ägypten nach Eretz Israel kommen könnten. Als schwangere Frau, die nicht arbeiten konnte, würde es ihr unter den Deutschen nicht gut gehen, glaubte sie. Was in den Konzentrationslagern passierte, wusste sie damals noch nicht.

Zum Glück hatte meine Familie Europa rechtzeitig verlassen, im Jahr 1924. Mein Großvater war ein frommer chassidischer Jude und lernte tagein, tagaus in einer Jeschiwa in Warschau. Meine Familie lebte in dem Viertel der Stadt, das später zum Ghetto werden sollte. Eines Tages wurde mein Großvater angegriffen – ein Mann schnitt ihm Bart und Schläfenlocken ab. Da sagte er sich: »Hier bleibe ich nicht.« Meine Mutter war vier Jahre alt, als die Familie nach Palästina zog. Der Bruder meines Großvaters blieb in Polen. Er wurde mit Frau und Kindern ermordet.

Meine Mutter hat es nicht gern gesehen, dass ich in Deutschland blieb. Als wir eine Zeitlang in Saarbrücken wohnten, hat sie ihren Freundinnen erzählt, wir würden in Frankreich leben. Deutschland war ihr peinlich. Manchmal haben mich Nachbarn in Israel angesprochen: »Sitzt du immer noch in Deutschland fest?« Israelis können frech sein.

kindheit Aufgewachsen bin ich in der kleinen Stadt Afula im Norden Israels. Ich besuchte dort eine orthodoxe Schule. Ein Detail im Morgengebet konnte ich nicht verstehen: Warum bedanken sich die Jungs, »nicht als Frau geboren« und die Mädchen, nach »deinem Willen erschaffen« zu sein? Ich schlug der Lehrerin vor, die Mädchen könnten Gott auch dafür loben, dass er sie nicht als Mann erschaffen hat. Ich fand, es könnte sich doch jeder darüber freuen, dass er ist, wie er ist. Die Lehrerin war entsetzt, atmete tief aus und erklärte mir, ich sei noch zu klein, das zu verstehen.

Kurz darauf radierte ich in meinem Siddur einen Buchstaben weg und betete von nun an: »Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Du mich nicht als Mann erschaffen hast.« Als ich eines Tages an der Reihe war vorzubeten, habe ich den Text ganz selbstverständlich so vorgetragen, wie ich es mir angewöhnt hatte. Sofort riss mir die Lehrerin den Siddur aus der Hand. Auf dem Pausenhof erklärten die Jungen, sie hätten mich »exkommuniziert«, wie sie sich ausdrückten. Ich habe mich furchtbar gefühlt und glaubte, eine schreckliche Sünde begangen zu haben.

Am Schabbat ging ich immer mit meinen Eltern zur Synagoge. Mein Vater betete drinnen, ich saß draußen auf einer Bank. Nach dem Gebet kamen die Jungen aus meiner Schulklasse plötzlich aus einem Versteck und riefen: »Wir steinigen sie.« Ich bin gerannt wie verrückt und habe mich schließlich im Hof eines Lebensmittelladens in einem leeren Heringsfass versteckt. Nach ein paar Minuten waren die Jungen auf dem Hof, konnten mich aber nirgendwo finden. Schließlich warfen sie ihre Steine auf die Heringsfässer und gingen nach Hause.

So habe ich dem Tod ins Auge geblickt. Ich glaube nicht, dass mich meine Mitschüler wirklich umgebracht hätten. Sie waren Kinder und hatten die biblischen Geschichten von Steinigungen, die sie in der Schule hörten, für bare Münze genommen.

Eltern Zu Hause habe ich meinen Eltern alles erzählt. Meine Mutter sagte: »Es ist nicht schön, was du getan hast, aber das Verhalten deiner Mitschüler geht zu weit.« Gleich am Sonntag sprachen meine Eltern mit dem Schuldirektor. Der stellte sich vor die Klasse und sagte: »Ihr habt eine schlimme Sünde begangen.« Vielleicht liegt es an dieser Geschichte, dass ich mich lange nicht für Religion interessiert habe. In Deutschland ging ich jahrelang nicht in die Synagoge. Mein Sohn und meine Tochter haben keine Bar- und Batmizwa gehabt. Vom Judentum haben sie wenig mitbekommen. Doch als meine Tochter in Amerika einen nichtjüdischen Mann heiratete, war ich schockiert. Ich hatte von meinen eigenen Eltern mitbekommen, das sei das Schlimmste, was einem passieren kann. Inzwischen mag ich meinen Schwiegersohn sehr.

Aber ich merkte, dass mir selbst etwas fehlte. Ich hörte in der Weihnachtszeit die Lieder, sah im Frühling die Ostereier und fragte mich, wo denn meine Religion bleibt. In Köln schloss ich mich der Gruppe »Jüdisches Forum« an. Als ich wieder nach Berlin zog, ging ich in eine Rosch-Chodesch-Gruppe für Frauen, die sich jeweils zum neuen Monat traf. Dann ging ich in eine Gruppe, aus der später die egalitäre Betergemeinschaft der Synagoge Oranienburger Straße wurde.

Immer war mir die Gleichberechtigung als Frau wichtig. Nie im Leben würde ich in eine orthodoxe Synagoge gehen, denn dort haben die Frauen so gut wie nichts mit dem Gottesdienst zu tun. Meine Schwester ist orthodox und geht nur in die Synagoge, um ihren Mann abzuholen.

Ich habe früher überlegt, zurück nach Israel zu gehen, wenn ich an der Jüdischen Oberschule in Rente gehen würde. Inzwischen bin ich schon seit fünf Jahren Rentnerin – und will in Berlin bleiben. Hier habe ich viele Freunde und eine Synagoge, die für mich wie eine Familie ist.

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