Porträt der Woche

»Ich liebe Poesie«

»Für meine religiöse Familie war meine Armeezeit ein Schock – doch ich wollte dem Staat etwas zurückgeben«: Dina Lombardi (65) aus München Foto: Christian Rudnik

Porträt der Woche

»Ich liebe Poesie«

Dina Lombardi schreibt Gedichte und hat in München Hebräisch unterrichtet

von Gerhard Haase-Hindenberg  24.04.2017 18:18 Uhr

Mein Großvater väterlicherseits gehörte zur Familie Chason, die ursprünglich in Hebron lebte. Leider weiß ich nicht sehr viel mehr über deren Wurzeln. Ich weiß aber, dass mein Großvater wegen des Pogroms von 1929 Hebron verlassen hat und mit seiner Familie nach Bengasi in Libyen geflohen ist. In der Familie meiner Mutter gab es einen Verwandten, der Oberrabbiner von Bengasi war. Er hieß Hamus Falah und war Kabbalist. Heute ist in Jaffa eine Synagoge nach ihm benannt.

Drei meiner Geschwister kamen noch in Libyen zur Welt. Ich bin das erste Kind meiner Eltern, das wieder in Israel geboren wurde. Drei Jahre nach der Staatsgründung ist das gewesen, 1951. Man hatte für die Einwanderer Zelte aufgestellt – in einem solchen kam ich zur Welt. Heute steht dort eine Kaserne.

armee In Netanya ging ich zur Schule, das war nicht weit weg von meinem Geburtsort. Nach der Grundschule kam ich in ein Internat für hochbegabte Kinder. Das war in Ben Schemen in Zentral-Israel. Dort blieb ich bis zum Abitur.

Danach habe ich mich zur Armee gemeldet – obgleich ich aus einer sehr religiösen Familie kam und daher damals noch keinen Wehrdienst hätte leisten müssen. Meine ganze Familie war über meinen Entschluss entsetzt, meine Oma hat sogar bitterlich geweint. Meine Entscheidung traf alle wie ein Schock. Ich aber fand es nur fair, dem Staat Israel, der meine Schulausbildung bezahlt hatte, etwas zurückzugeben.

Meine Eltern waren einfache sefardische Juden, die ihre Töchter am liebsten schnell verheiraten wollten. Das ist eine ganz andere Mentalität, als wir sie heute kennen. Meine Mutter war schon mit 16 Jahren verheiratet, und ein Jahr später hatte sie das erste Kind. Und da komme ich, melde mich freiwillig zur Armee und will auch noch studieren. Das war schwer für sie, aber am Ende waren sie stolz auf mich, vor allem, als ich als Einzige aus unserer Familie einen Universitätsabschluss vorweisen konnte.

lyrik Nach der Armeezeit habe ich in Jerusalem an der Hebräischen Universität Literatur und Jüdische Philosophie studiert und dann in Tel Aviv noch zwei Jahre auf Lehramt fürs Gymnasium. Im Jahr 1979 habe ich einen israelischen Literaturpreis erhalten – vom Preisgeld habe ich den Lyrikband Lelaket bifmot lew publiziert. Es geht in diesen Gedichten sowohl um das Alltagsleben als auch um die Liebe.

Ein Gedicht habe ich der Beziehung zu meinem Vater gewidmet – es ist ein sehr persönliches Gedicht. Es gibt darin auch einen Text über meinen Namen. Die biblische Dina, die Tochter von Lea und Jakob, wurde ja von Sichem vergewaltigt. Also habe ich meine Eltern gefragt, warum ich ausgerechnet diesen Namen trage, und natürlich gibt es einen ganz anderen Grund. Darüber schreibe ich in einem Gedicht.

Heute verfasse ich Gedichte aus einer viel realistischeren Sicht als vor fast 40 Jahren. Die Verse sind hoffentlich nicht weniger poetisch, aber definitiv weniger naiv. Als ich als junge Frau auf einer Veranstaltung in Tel Aviv einige Gedichte vorlas, sprach mich eine Redakteurin von »Kol Israel« an, dem öffentlich-rechtlichen israelischen Rundfunk. Sie mochte meine Stimme und bot mir an, spätabends Kurzgeschichten im Radio vorzulesen. Das habe ich dann eine Zeit lang parallel zu meiner Arbeit als Lehrerin gemacht. Immer nur so für zehn bis 15 Minuten.

kompromiss Meine eigentliche Leidenschaft aber gehörte dem Theater, deshalb habe ich an der Tel-Aviv-Universität auch noch Theaterwissenschaft studiert. Mein Traum war es damals, Regisseurin zu werden. Dann aber traf ich während einer privaten Reise durch die USA in Chicago meinen späteren Mann. Er kam nach Israel, wo wir geheiratet haben und ich zwei Kinder zur Welt brachte. Damit war eine Theaterkarriere nicht zu vereinbaren.

Leider kam mein Mann mit der israelischen Mentalität nicht klar und wollte wieder zurück. Das aber wollte ich nicht. Ich konnte mir nicht vorstellen, in den USA zu leben. Der Kompromiss hieß Europa. Wir gingen erst einmal in die Schweiz, wo mein Mann, ein studierter Astrophysiker, einen Job in der Computerbranche bekam.

Schließlich hat mein Mann sich selbstständig gemacht, und wir sind nach Deutschland gegangen. Erst lebten wir im Schwarzwald, dann in Düsseldorf, Frankfurt und schließlich in München. Hier war unsere Ehe dann endgültig gescheitert, und wir ließen uns scheiden. Mein Ex-Mann ging zurück nach Amerika, aber ich konnte wegen meiner Kinder nicht nach Israel, denn ich hatte zwar das Sorgerecht für sie, aber das galt nur für Deutschland. Um mit ihnen nach Israel zu gehen, hätte ihr Vater zustimmen müssen. Das aber hätte er niemals getan. Also blieb ich mit meinen Kindern in München.

gemeinde In meinen ersten Jahren hier gab es bei der liberalen Gemeinde Beth Shalom noch keinen Rabbiner. Also habe ich am Schabbat aus der Tora gelesen, denn ich konnte ja Hebräisch lesen und sprechen. Nun musste ich aber auch Geld verdienen, und so nahm ich das Angebot der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) an, Hebräisch an der Sinai-Grundschule zu unterrichten. Das machte ich 21 Jahre lang. Später habe ich auch an der Universität im Fach »Jüdische Geschichte und Kultur« eine Weile Hebräisch gelehrt, ebenso an der Jüdischen Volkshochschule. Schließlich musste ich ja zwei Kinder großziehen.

Es hat sich gelohnt. Mein Sohn hat an der Ludwig-Maximilians-Universität Medizin studiert. Er ist heute Arzt in Philadelphia. Meine Tochter hat einen Masterabschluss in Wirtschaft und arbeitet in München in der Hightech-Branche.

Die Arbeit hat mir aber auch viel Freude gemacht. Als ich am Institut für den Nahen und Mittleren Osten ebenfalls Hebräischkurse gab, lernte dort eine bunte Mischung an Studenten: Araber, Türken, Deutsche, Italiener und andere Nationalitäten. Das war sehr interessant für mich, zumal dort auch meine sonstigen Sprachkenntnisse zum Tragen kamen.

geheimsprache Lustigerweise ist meine »Muttersprache« eigentlich Italienisch – Libyen war ja eine italienische Kolonie. Unsere Eltern haben mit uns Italienisch gesprochen, und wir Kinder haben auf Hebräisch geantwortet.

Dann hatten sie auch noch Arabisch als eine Art Geheimsprache, die wir Kinder nicht verstehen sollten. Aber wenn man das immer hört, versteht man es irgendwann auch. Deshalb kann ich bis heute auch Arabisch sprechen.

Doch nicht nur die Arbeit mit den Studenten, sondern auch die mit den Kindern hat mir immer Freude bereitet. Gern habe ich sie auch auf ihre Bar- oder Batmizwa vorbereitet. Das habe ich gelegentlich bei Beth Shalom, aber auch bei der Kultusgemeinde gemacht, und das würde ich, wenn man mich bittet, auch weiterhin gerne tun.

ausstellung Am 1. September vergangenen Jahres bin ich Rentnerin geworden. Zum ersten Mal in meinem Leben gibt es keinen Zwang, irgendetwas tun zu müssen. Endlich habe ich Zeit, mich meiner Kunst zu widmen, sowohl der Lyrik als auch der Malerei.

Derzeit male ich in einer Mischtechnik aus Tusche und Aquarell. In einer Ausstellung, die in diesem Jahr an der Münchner Uni geplant ist, möchte ich die Bilder gern in Beziehung zu meiner Lyrik setzen. Die habe ich mittlerweile ins Deutsche und Englische übersetzt, und zu jedem Gedicht wird ein Bild gehängt werden.

Ich versuche, einen inhaltlichen Bezug zueinander herzustellen, was in manchen Fällen sicher besser klappt als in anderen. Und ich möchte einen Band mit neueren Gedichten herausbringen. Vielleicht schreibe ich auch irgendwann noch eine Doktorarbeit in Jüdischer Literatur. Das alles kann ich jetzt in Ruhe tun, wenn ich will. Das ist wunderbar.

zuhause Manchmal denke ich darüber nach, nun als Rentnerin nach Israel zurückzukehren. In München, der Stadt, die für die Nazis einst die »Hauptstadt der Bewegung« war, habe ich trotz all der Jahre, in denen ich hier lebe, noch immer gelegentlich ein ungutes Gefühl.

Hinzu kommt, dass ich nicht so weit vom Prinzregentenplatz entfernt wohne, wo damals Hitlers Wohnung lag. Vorerst werde ich ein bisschen pendeln zwischen München und Israel, denn ich habe hier ja noch immer meine Tochter.

In Netanya leben drei Schwestern und ein Bruder. Ich komme gern in den Staat Israel, der im Herzen noch immer mein Zuhause ist.

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