Porträt der Woche

»Ich fühle mich verpflichtet«

Edith Bader im Nelly-Sachs-Haus in Düsseldorf Foto: Alexandra Roth

Wenn ich als Zeitzeugin an Schulen auftrete und mit Jugendlichen spreche, hefte ich mir immer den Judenstern an. Ihn zu tragen, ist ein komisches Gefühl. Ende Januar war ich am Holocaust-Gedenktag in einem Berufskolleg in Kleve. Als ich dort ankam, trugen die Schüler auch Sterne. Dann wurden die Namen der Ermordeten verlesen, und immer stand ein Schüler stellvertretend auf. Das war bewegend für mich.

Ich habe den Jugendlichen gesagt, dass ich es wunderbar finde, dass sie alle einen Stern tragen, aber dass der Stern auch eine Riesenaufgabe für sie darstellt. Denn es bedeutet, zu vermitteln, dass wir allen gegenüber Achtung haben müssen.

Vor den Jugendlichen erzähle ich, was ich als Kind erlebt habe: Mit sieben Jahren kam ich mit meinen Eltern nach Theresienstadt. Nach 1945 konnte ich etwa 30 Jahre lang nicht darüber sprechen. Ich bin als Kind in Theresienstadt von einem Arzt missbraucht worden. Für ein Stück Brot und etwas Milch. Dadurch habe ich meine Eltern und mich ernährt. Er hat mir nachgerufen, er werde mich töten, wenn ich etwas sagen würde. Ich habe auch gestohlen. Meine Mutter hatte immer Angst und sagte: »Kind, dass du das später nur nicht tust.«

Puppe Dass ich anfing, über die Zeit im Konzentrationslager zu sprechen, lag an einem Journalisten aus England, der mich für den »Daily Mirror« befragt hatte. Durch diesen Artikel erfuhr die einzige Freundin, die ich im KZ hatte, dass ich noch lebe. Inge hatte damals eine schöne Puppe, die ist jetzt in Yad Vashem. Ich hatte meine drei Puppen schon auf dem Transport nach Theresienstadt verloren. Im Zug war mein Rucksäckchen mit den Puppen auf den Boden gefallen, und die Puppenköpfe aus Porzellan gingen kaputt. Mein Rucksack wurde hinausgeworfen. Ich war so traurig – keine Puppen mehr.

Nach dem Artikel wurde mir bewusst, dass es wichtig ist, für die Menschen zu sprechen, die nicht mehr sind. Seitdem rede ich immer wieder in Schulen und Jugendeinrichtungen. Das belastet mich, aber ich weiß, dass ich das tun muss. Ich fühle mich verpflichtet, von dieser Zeit zu reden.

Ich möchte den Jugendlichen vermitteln, dass es für sie nicht so wichtig sein muss, was ihre Großeltern und Eltern getan haben. Vielmehr ist es wichtig, was sie selbst jetzt vorhaben – für sich, für ihre Kinder. Das Heute, das ist das Wesentliche.

Ich habe noch konkrete Erinnerungen an die Zeit in Theresienstadt, an die Menschen, die mit uns in der Baracke lebten. Wir waren mehr als 30 in einem Raum. Ich kann mich noch an fast alle Namen erinnern, nur mit den Daten klappt es nicht mehr so ganz.

Niederrhein Nach dem Krieg wollte mein Vater unbedingt nach Weeze an den Niederrhein zurück. Er liebte seine Heimat. Nach seiner Heimkehr war er zuständig für die Entnazifizierung der Leute. Mein Vater sagte immer, man soll nicht Böses mit Bösem vergelten. Das habe ich übernommen und es auch meinen Kindern weitergegeben.

Meine Familie war beliebt in Weeze. Ich erinnere mich an einen Vorfall: Mein Vater war von Zöllnern provoziert worden, da sagte er: »Die Juden sind durchs Rote Meer gekommen, da kommen sie auch durch diese braune Scheiße.« Dafür bekam er vier Monate Zuchthaus. Aber der Bürgermeister hat ihn nach vier Wochen durch Hindenburg-Amnestie freigekriegt. Dieser Bürgermeister hat uns bis 1942 immer wieder zurückstellen lassen.

Meine Mutter sagte oft, dass wir durch ein Gotteswunder überlebt hätten. Das fand ich schrecklich. Wo war denn Gott, als das Kind unserer ehemaligen Nachbarin umgebracht wurde? Und die vielen, vielen anderen? Es ist schön, es ist herrlich, dass wir überlebt haben, aber von einem Wunder will ich nicht sprechen. Die Kinder fragen oft: »Wie kann Gott so etwas zulassen?« Ich sage: »Wir können Gottes Wege nicht erklären. Man kann sich nicht erklären, warum wir überlebt haben.« Und dann denke ich, dass man davon berichten soll.

Meine Mutter machte sich immer Selbstvorwürfe, wenn sie mal fröhlich war. »Wie kann ich lachen?«, sagte sie. Ich fand das sehr böse, weil ich, nachdem das Ganze vorbei war, ein bisschen leben wollte. Meine Mutter hatte elf Geschwister, ein Bruder hat überlebt. Jede Nacht ist sie aufgestanden und hat geweint.

Heimweh Nach dem Krieg kam ich in Weeze in die Schule. Mit meinen ehemaligen Mitschülern treffen wir uns immer noch jedes Jahr. 20 sind wir noch. Zu meinem 75. Geburtstag hatte ich alle eingeladen. Ich bin immer noch sehr verbunden mit Weeze und habe oft Heimweh.

Seit einem guten Jahr lebe ich im Nelly-Sachs-Haus, dem Elternheim der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Erst habe ich mich innerlich dagegen gewehrt, dass ich hier bin, aber jetzt fühle ich mich recht gut. Ich bin hier zufrieden. Weil ich oft krank war, habe ich irgendwann entschieden: Jetzt ist es so weit, du gehst ins Nelly-Sachs-Haus.

Wir machen sehr oft Gedächtnistraining, und ich gehe regelmäßig spazieren in dem nahegelegenen Park. Ich liebe die Natur. Ich beobachte jetzt den Frühling. Die Jahreszeiten interessieren mich sehr. Von meinem Zimmer blicke ich direkt auf den Park. Ich habe eine wunderbare Aussicht. Als Kind bin ich mit meinen vier Freundinnen gerne durch den Wald gestreift, damals in Weeze. Dort kenne ich die ganze Gegend. Dadurch liebe ich die Natur besonders.

Und Kinder liebe ich! Ich habe in Krefeld Erzieherin gelernt. 1956 fing ich dann als Leiterin des jüdischen Kindergartens in Köln an. In der Jugendgruppe der Gemeinde lernte ich meinen zukünftigen Mann kennen. Ein Jahr später heirateten wir.

Uhrmacher Nach vielen Bemühungen fand mein Mann eine Lehrstelle bei einem Uhrmacher und Optiker. Bald zogen wir gemeinsam nach Weeze. Dort machte mein Mann ein eigenes Geschäft auf. Es lief sehr gut, auch weil die Menschen mich kannten, ich bin ja dort geboren. In einem so kleinen Ort spielt das eine große Rolle.

Mein Mann baute dann das Haus zum Geschäft um. Dabei hat er so viel arbeiten müssen! Ich glaube, das ist der Grund, warum unsere Ehe schließlich zerbrach. Ich ging dann nach Düsseldorf und leitete 14 Jahre lang den jüdischen Kindergarten. Später zog ich für knapp zwei Jahre nach München. Und danach kamen verschiedene Stationen – Kinderdorf, Betreuung tumorkranker Kinder, Kinderheim. In dieser Zeit heiratete ich ein zweites Mal.

Selbst habe ich vier Kinder und fünf Enkel. Meine Kinder sind alle ganz tüchtig. Ich bin sehr glücklich mit ihnen. Sie kommen mich hier sehr oft besuchen, das freut mich sehr. Meine Familie trägt mich. Meine jüngste Tochter – sie lebt in Australien – hat mit mir ein Buch geschrieben über meine Kindheit.

Heute wird viel über die Erziehung von Kindern geredet. Ich finde, das Allerwichtigste ist, dass man sie liebt. Wenn ich Vorträge halte, dann sage ich immer: Das Wichtigste ist Liebe. Liebe zur Natur, zu den Tieren, zu den Pflanzen und natürlich zu den Menschen.

Ich selbst liebe alle Religionen, aber ich bin sehr vertieft ins Jüdische. Das Judentum ist für mich interessant, weil wir alle sehr bewusst leben – wahrscheinlich durch das Schicksal, das wir hatten. Mein Vater war so ähnlich wie ich. Er war ein ganz bewusster Jude, aber nicht orthodox. Ich glaube, dass ich getragen werde – von Gott, oder wie immer man ihn auch nennt.

Aufgezeichnet von Annette Kanis

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