München

Das Grauen sehen

Shiri, Kfir und Ariel Bibas wurden nach Gaza entführt und von der Hamas ermordet. Yarden Bibas (hinten) versuchte, seine Familie zu schützen. Foto: privat

Später, beinahe am Ende dieses langen, wichtigen Abends, wird der Psychologe Louis Lewitan einen Gedanken formulieren, der den Kern dieses Films berührt. »Ich hatte den Impuls, zu mir zu sagen: Schau weg!«, fasst er zusammen. »Das ist zu lang.« Doch was bedeute es schon, wenn eine Szene »zu lang« sei, fragt er gleich darauf. Schließlich sehen wir in diesen 90 Minuten nur die brutalen Aufnahmen aus dem Kibbuz Nir Oz – die Männer, Frauen und Kinder dort mussten sie am 7. Oktober 2023 erleiden.

380 Menschen lebten im Ort, als die Hamas angriff. Die Terroristen zerstörten ein Drittel der Häuser, zündeten sie an. Sie töteten etwa 40 Einwohner und nahmen weitere 40 als Geiseln. Darunter drei Generationen der Familie Bibas-Silberman. Großvater José Luis Silberman, der aus Argentinien stammte, und seine Frau Margit Shneider, eine Peruanerin, wurden verbrannt. Ihre Tochter Shiri, die auch Deutsche war, und deren Jungs, der neun Monate alte Kfir sowie sein vierjähriger Bruder Ariel, wurden nach Gaza entführt und ermordet. Vater Yarden, der glaubte, wenn er sich opfere, werde seine Familie verschont, überlebte die Geiselhaft und wurde nach 484 Tagen freigelassen.

Der Film nutzt Material, das die Terroristen von ihren Morden aufgezeichnet haben.

Ja, es ist ein herausfordernder Film, der da im Hubert-Burda-Saal der Israelitischen Kultusgemeinde seine München-Premiere hat. Wer jünger als 18 ist, erhält keinen Zutritt. »Diese Dokumentation enthält brutale Bilder. Weil der Hamas-Angriff brutal war«, ist zu Beginn auf der Leinwand zu lesen.

Bibas. Ermordet, weil sie Juden waren, nutzt Material, das die Terroristen mit Smartphones und Bodycams von ihren Morden aufgezeichnet haben. »Um den Angriff zu rekonstruieren«, erklärte der argentinische Regisseur Alfredo Leuco im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. »Hinzu kamen unsere Anwesenheit am Tatort, das Herumgehen, die Nachforschun­gen und die Interviews mit den Überlebenden und der Familie. Und in Argentinien haben wir uns an bekannte Journalisten und Schauspieler gewandt, sowohl jüdische als auch nichtjüdische, die zu Wort kommen.«

In München berichtet Produzentin Mariana Bellini, dass sie nicht nur solche Sequenzen genutzt haben, die von der Hamas im Internet veröffentlicht wurden, sondern auch jene aus dem Darknet. Unnötig zu schreiben, dass diese nochmals sehr viel expliziter sind. »Das war eine harte Arbeit. Aber sie musste getan werden«, ist Bellini überzeugt. Und ihr Kollege Gabriel Ben-Tasgal ergänzt: »Genauso wie es Holocaustleugner gibt, gibt es Menschen, die den 7. Oktober leugnen.« Dem hätten sie etwas entgegensetzen wollen. Im Anschluss wird Louis Lewitan aus seiner Arbeit mit Überlebenden der Schoa berichten und unter anderem erläutern, wie wichtig es nach solchen eigentlich unvorstellbaren Verbrechen ist, Zeugnis abzulegen.

Genau das macht dieser Dokumentarfilm. Leuco, Bellini und Ben-Tasgal haben für Bibas. Ermordet, weil sie Juden waren einen bei aller Grausamkeit durchdachten und ja, auch respektvollen Ansatz entwickelt. Dazu unterteilen sie ihre Arbeit in Kapitel wie »Realität«, »Hass«, »Liebe« und »Konsequenzen«. Argentinische Schauspieler wie Luis Brandoni, der im April verstorben ist, und Federico D’Elía schildern die Ereignisse. Die Perspektive der Täter geht tatsächlich an die Grenze dessen, was aushaltbar ist – sie bildet jedoch Realität ab. Mindestens so brutal wie die Bilder ist übrigens die Tonspur. Auf ihr sind Jubel, Kommandos, von Adrenalin befeuerte Euphorie, Schüsse und das Geräusch von Patronenhülsen zu hören, die auf die Erde fallen. Dem stellt das Trio seine eigenen Aufnahmen von den Tatorten gegenüber sowie Interviews, die den Angriff schildern und einordnen.

Die Gespräche mit den Hinterbliebenen der Familie Bibas-Silberman sind das Herz der Produktion. Dana Silberman-Sitton, Shiris Schwester, und Yifat Zailer Paz, Shiris Cousine, teilen Erinnerungen an das gemeinsame Leben, Lieben, Feiern, an den Tag des Massakers, an alles, was auf den 7. Oktober folgte. Es ist nur zu ahnen, wie viel Kraft diese Aufnahmen die Frauen gekostet haben. Die Filmemacher lassen sie frontal zur Kamera einfach berichten – ohne störende Fragen, ohne jegliche Inszenierung, die Dokumentarfilme oft manipulativ macht.

Die Gespräche mit den Hinterbliebenen sind das Herz der Produktion.

Auch die weiteren Gesprächspartner sind gut gewählt – und liefern wertvolle Einsichten jenseits persönlicher Perspektiven. Da ist zum Beispiel Ofelia Roitman, die ebenfalls von den Terroristen misshandelt und entführt wurde. Sie ist der letzte Mensch, der Shiri Bibas und ihre Jungen lebend in Israel gesehen hat.

Da ist die spanische Journalistin Pilar Rahola, die viel Wichtiges zur Indoktrination von muslimischen Kindern und Jugendlichen sagt (»Die Liebe zum Tod ist die Zerstörung von allem«). Und da ist der ehemalige Präsident Uruguays, Julio María Sanguinetti, der den Hamas-Überfall sehr präzise analysiert und ihn in den internationalen Kontext stellt. »Israel ist der Schützengraben. Sein Fall wäre der Fall des Westens.«

Bislang hat Bibas. Ermordet, weil sie Juden waren keinen Kinoverleih gefunden. Es ist dem Engagement von Simone Hofmann zu verdanken, dass die Arbeit nun in Deutschland zu sehen ist. Auftakt war in Frankfurt, gefolgt von München. Dort ist es eine richtige Entscheidung der Verantwortlichen, die Vorstellung nicht nur in ein von Guy Katz gründlich und mehrsprachig moderiertes Gespräch mit Bellini und Ben-Tasgal einzubetten, sondern dem Publikum zudem die Chance zu geben, mit Louis Lewitan über diesen herausfordernden Abend zu sprechen. Seine Empfehlungen reichen von »Das Gesehene nicht wegdrücken, denn Trauer, Wut und Angst sind natürliche Reaktionen«, über »Grenzen ziehen« und »Empathisch sein« bis hin zu »Man darf traurig sein – und trotzdem leben. Terror will das Gefühl von Normalität zerstören«. Gegen das Gefühl der Ohnmacht hat Lewitan indes einen Rat, der simpel klingt, aber mitunter schwer umzusetzen ist. Man solle handlungsfähig bleiben und sich fragen, was man tun könne. Denn: »Wenn wir alle schweigen, werden wir einen noch höheren Preis bezahlen.«

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