Mit 15 Jahren war ich auf meiner ersten großen jüdischen Veranstaltung, dem Jewrovision Song Contest in Frankfurt. Das war im Jahr 2019 sozusagen mein Eintritt in die jüdische Bubble. Und diesen Sommer war ich auf einer 18-Plus-Fahrt in Italien. Auf einem Machane, einer organisierten Ferienfreizeit für junge Erwachsene. Dadurch, dass meine Freunde dabei sind, macht das sehr viel Spaß. Ich mag die Gemeinschaft bei solchen Sachen.
In meiner Freizeit gehe ich mittlerweile häufig auf jüdische Events. Wir haben ein großes jüdisches Leben in der Gemeinde durch die Schlichim. Sie organisieren Schabbatot für junge Erwachsene im Alter von 18 bis 35. Manchmal haben die Schabbatot Mottos wie zum Beispiel Jerusalem. Da wird alles passend dekoriert, und es kommen sehr viele junge Menschen zusammen. Ich gehe gern dorthin, ich treffe dann dort meine Freunde. Oder ich fahre am Wochenende zu deutschlandweiten Treffen. Es ist immer etwas los.
Meine Mutter wuchs in Moskau auf
Aufgewachsen bin ich in einem jüdisch-christlichen Haushalt. Meine Familie väterlicherseits ist katholisch, meine Mutter und ihre Familie sind jüdisch. Als Kind habe ich Weihnachten und Ostern gefeiert. Ich bin in den jüdischen Kindergarten in Düsseldorf gegangen. Da wir aber in Kaarst wohnen, einer Kleinstadt in der Nähe von Düsseldorf, bin ich später dann dort in die Schule gegangen, die Wege waren einfach näher.
In Kaarst existiert eigentlich nicht wirklich jüdisches Leben. Bis auf meine Mutter, meine Großeltern und ein paar andere jüdische Familien leben dort keine weiteren Juden, soweit ich weiß. Meine Mutter wuchs in Moskau auf und zog als junge Frau mit 19 Jahren in den 90ern nach Deutschland. Sie hat sich hier ihr Leben neu aufgebaut. Meine Moskauer Großeltern leben seit 2020 nun auch in Deutschland.
Ich selbst war das letzte Mal vor fast zehn Jahren in Moskau. Wenn irgendwann der Ukraine-Krieg vorbei ist, würde ich vielleicht wieder in die Geburtsstadt meiner Mutter reisen. Als Kind war ich oft dort, ich kann mich nicht mehr an viel erinnern, aber ich habe wirklich schöne Bilder im Kopf. Das letzte Mal war ich 2018 dort, im Winter, es war wunderschön. Meine Oma hat mir Moskau gezeigt, wir waren viel unterwegs.
Nach der Schule fing ich zunächst eine Kinderpflegeausbildung an
Russisch ist meine Muttersprache. Die Sprachkenntnisse helfen mir auch bei der Arbeit mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Nelly-Sachs-Hauses. Im Elternheim der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf arbeite ich seit drei Jahren als Betreuungsassistentin. Nach der Schule fing ich zunächst eine Kinderpflegeausbildung an, eigentlich wollte ich Erzieherin werden. Aber kurz vor dem Ende der Ausbildung, während der praktischen Erfahrung, habe ich dann gemerkt, dass die Arbeit mit kleinen Kindern irgendwie doch nicht so für mich geeignet ist. Ich wollte die Ausbildung nicht abbrechen, ich war ja schon so gut wie fertig, und habe die Abschlussprüfung gemacht.
Als Kind habe ich Weihnachten und Ostern gefeiert.
Bis zu den Zeugnissen hatte ich einen Monat Zeit. So bot sich die Gelegenheit, im Nelly-Sachs-Haus anzufangen. Meine Mutter, die in der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf arbeitet, hatte erfahren, dass eine Aushilfe im Sozialen Dienst gesucht wurde. Anfangs sollte es nur zwei Monate gehen, jetzt sind schon drei Jahre daraus geworden.
Unter anderem begleite ich Bewohner und Bewohnerinnen zum Arzt, helfe bei der Kommunikation dort. Es bleibt auch Zeit für Gespräche und zum Beispiel das Malen von Mandalas. Oder ich lackiere den Seniorinnen auch mal die Fingernägel. Das mögen sie gern. Kürzlich habe ich das bei einer 90-Jährigen gemacht, sie ist richtig aufgeblüht. Ich fand es sehr schön, dass sie sich gefreut hat wie ein junges Mädchen.
Manche Bewohner haben niemanden, der sie besuchen kommt. Wenn ich sie besuche und sie sich freuen, bin ich glücklich. Wir unterhalten uns, ich höre ihnen zu, manchmal erzählen sie mir ihre Sorgen, manchmal einfach aus dem Leben. Sie sind dann dankbar. Und das gibt mir ein gutes Gefühl.
Nach der Arbeit verabrede ich mich oft mit meiner besten Freundin
Wir haben viele Bewohner in sehr hohem Alter. Anfangs habe ich geweint, wenn jemand gestorben ist. Aber auch ein schweres Thema wie der Tod wird alltäglicher, wenn man viel Umgang damit hat. Das soll jetzt nicht unsensibel klingen, aber mit der Zeit muss man ein wenig abhärten, um auf Dauer damit umgehen zu können.
Nach der Arbeit verabrede ich mich oft mit meiner besten Freundin. Dann machen wir einen Mädelsabend, wir reden über die verschiedensten Themen und erzählen uns die neuesten Dinge. Meine Freundin macht gerade Giur, sie wird jüdisch. Das ist ein langer Prozess, den ich spannend finde.
Ich möchte gern in Düsseldorf bleiben. Knapp zwei Jahre wohne ich jetzt hier, und ich liebe diese Stadt. Ich finde Düsseldorf wunderschön. Es wird einem viel geboten – an Kultur, genauso wie an Shoppingmöglichkeiten –, und die jüdische Community ist sehr groß. Ich bin nah bei meinen Eltern, was ich auch gut finde.
Ich kann mich gut in andere Menschen hineinversetzen
Ich denke, eine Eigenschaft, eine Stärke von mir ist, dass ich empathisch bin. Ich glaube, das habe ich von meiner Mutter. Ich kann mich gut in andere Menschen hineinversetzen. Wenn jemand etwas von sich erzählt, höre ich zu, frage nach, interessiere mich für die andere Person. Ich habe es schon öfter erlebt, dass mir manche Menschen das Herz ausschütten, obwohl ich sie gar nicht so gut kenne. Ich glaube, dass die Leute mir dann auch einfach vertrauen. Und meine Mutter sagt immer, ich sei sehr geduldig. Das fällt ihr im Umgang mit anderen Menschen an mir auf. Früher, als junges Mädchen, wollte ich Schauspielerin werden. Ich fand das immer so cool in dieser Promiwelt. Ich hab mir damals vorgestellt, bei der Oscar-Verleihung dabei zu sein. Heute ist mein Leben etwas realistischer.
Zu meinen Eltern habe ich eine enge Bindung, wir verstehen uns gut. Man streitet, man verträgt sich, man diskutiert und so weiter – aber meine Eltern sind immer für mich da. Das ist sehr schön. Seine Eltern kann man sich nicht aussuchen, aber ich glaube, wenn ich sie aussuchen könnte, hätte ich genau sie ausgewählt. Sie sind einfach die Besten. Am meisten Angst habe ich davor, dass meine Eltern irgendwann nicht mehr bei mir sind. Ich weiß, dass das nicht zu vermeiden ist, keiner ist unsterblich. Aber das ist wirklich gerade meine größte Sorge. Ich wüsste nicht, was würde, wenn meine Mutter oder mein Vater nicht mehr auf der Welt wären. Sie sind meine Superhelden.
Seit drei Jahren bin ich bei dem Programm »Meet a Jew« dabei.
Ich trage oft meine Chai-Halskette, die beiden hebräischen Buchstaben stehen für das Leben. Mein Onkel aus Israel hat mir den Anhänger vor ein paar Monaten geschenkt. Es gibt Leute, die denken dann, das ist das mathematische Zeichen Pi, und sprechen mich darauf an. Der Anhänger sieht tatsächlich ein bisschen so aus. Das ist schon lustig, weil ich Mathe überhaupt nicht mag. Ich würde niemals ein Pi anziehen. Die Kette ist eher unauffällig, ich fühle mich freier als mit meiner Davidstern-Kette und kann trotzdem zeigen, dass ich jüdisch bin.
Seit drei Jahren bin ich bei dem Programm »Meet a Jew« dabei. Es wurde auf verschiedenen Veranstaltungen Werbung dafür gemacht, dann habe ich mich für die Seminare angemeldet. Hier wurde man dafür geschult, in Schulklassen zu gehen. Das Projekt finde ich gut, weil es aufklärt. Es ist dafür da, Vorurteile gegenüber Jüdinnen und Juden aus der Welt zu schaffen und Klischees etwas entgegenzusetzen. Das ist nach dem 7. Oktober noch wichtiger geworden.
Vor drei Jahren war ich in Israel auf einer Rundreise für junge Erwachsene, ich habe bei einer zehntägigen Reise quer durch das Land mitgemacht. Durch diese Reise, durch die vielen Eindrücke und Erfahrungen habe ich mehr Verbindung zu dem Land bekommen. Es ist wunderschön, und ich würde gern noch einmal hin.
Wenn ich eines Tages Kinder habe – jetzt kommt das innere kleine Mädchen in mir hervor, denn ich würde später gern heiraten und Kinder haben –, würde ich sie ganz sicher auch auf Machanot schicken, denn auf allen meinen Fahrten habe ich tolle Erfahrungen gemacht. Manche meiner Freunde sind immer wieder dabei gewesen. Durch die Machanot habe ich Kontakt zu anderen jungen jüdischen Menschen in ganz Deutschland aufgebaut, was ich super finde. Ich weiß nicht, wie mein Leben aussehen würde, wenn wir hier in Düsseldorf und auch deutschlandweit nicht diese gemeinsamen Veranstaltungen hätten.
Aufgezeichnet von Annette Kanis