Meilenstein

Endlich Batmizwa

Ich stehe auf der Bima, sehe meine Familie, meine Freunde, fast 100 Personen sitzen vor mir! Endlich ist er da, der Tag, auf den ich mich fast ein ganzes Jahr vorbereitet habe. Ich spüre es: Dieser Gottesdienst ist etwas Besonderes. Nicht nur, weil es meine Batmizwa ist, sondern weil ich eines von nur wenigen Mädchen in Deutschland bin, das einen Gottesdienst zu einem großen Teil fast allein leiten und aus der Tora lesen wird.

Was eigentlich so selbstverständlich klingt, ist es nicht. Denn in den Synagogen in unserer näheren Umgebung von Kiedrich – einer kleineren Stadt nur 20 Minuten von Wiesbaden und Mainz entfernt – wäre das für mich als Mädchen so nicht möglich gewesen. Und deshalb stehe ich in einem Saal in einem Hotel hier in Kiedrich im Rheingau, der nur für diesen einen Tag eine Synagoge ist.

Über Monate habe ich gesehen, wie mein Papa dafür gearbeitet hat: Er hat die Gebetsbücher auf Hebräisch, Deutsch und Englisch zusammengestellt, den Toraschrein gestaltet und graviert. Er hat sogar einen Laser gekauft! Er hat sich stundenlang YouTube-Videos angeschaut, um zu lernen, wie man den Toraschrein graviert.

Und als absolutes Highlight haben wir die Tora aus Frankfurt ausgeliehen. Ich bin so glücklich und dankbar, dass Rabbiner Andrew Steiman von der Budge-Stiftung sofort begeistert war und uns bei unserer Simcha mit großer Kavana unterstützt hat. Irgendwann stand die Tora plötzlich bei uns zu Hause – das war für mich schon echt besonders, denn sie ist für mich nicht einfach nur ein Gegenstand. Zu wissen, dass sie eben noch bei uns zu Hause war und nun Teil meiner Batmizwa sein sollte, war berührend.

Jetzt war ich diejenige, die diese Tradition wiederaufnimmt

Und in dem Moment, in dem ich daraus vorlas, hatte ich auch im Hinterkopf, dass dies die erste Toralesung in unserer Region seit der Schoa sein würde. Seit mehr als 85 Jahren hatte hier kein Mädchen und kein Junge den Eintritt in den Kreis der Erwachsenen auf diese Weise gefeiert.

Jetzt war ich diejenige, die diese Tradition wiederaufnimmt. Das macht mich stolz. Aber es ist auch ein ziemlich großes Gefühl, wenn man bedenkt, was das bedeutet. Deshalb habe ich mich sehr gründlich vorbereitet: Einmal in der Woche habe ich mit meiner Kantorin Amy Zussman gelernt. Am Anfang war ich traurig, dass mich niemand aus Deutschland – oder zumindest einigermaßen in der Nähe – auf meine Batmizwa vorbereiten konnte. Aber ich bin sehr dankbar, dass Amy vom Temple Jeremiah in Northfield aus Illinois mich auf diesem Weg begleitet hat.

Amy hat schon die Batmizwa meiner Mutter begleitet und meine Eltern getraut.

Dazu kamen die Tora und die Haftara. Ich lernte auch die anderen liturgischen Teile des Gottesdienstes. Von den ungefähr zwei Stunden Gottesdienst habe ich mehr als drei Viertel selbst geleitet – meistens auf Hebräisch, teilweise auch auf Deutsch und Englisch.

Amy ist für mich dabei viel mehr als meine Kantorin. Sie hat schon die Batmiz­wa meiner Mutter begleitet und später meine Eltern getraut. Dass sie jetzt, viele Jahre später, zu uns flog und bei meiner Batmizwa neben mir stand, verbindet diesen Tag für mich auch mit meiner Mama und mit unserer Familiengeschichte. Amy hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen.

Natürlich war die Vorbereitung manchmal anstrengend. Vor allem, weil ich zusätzlich zu den Batmizwa-Stunden auch noch jede Woche Hebräischunterricht hatte. Manchmal war das alles ganz schön viel und hat mich echt überfordert. Klar, der Gottesdienst war ein wichtiger Teil, und deswegen war die Frage, wen ich dazu einladen wollte, für mich umso bedeutender. Ich wollte meine nichtjüdischen Schulfreunde ganz bewusst nicht erst zur Party einladen, sondern eben schon zum Gottesdienst. Sie haben ständig mitbekommen, wie ich Woche für Woche davon erzählt habe, was ich alles üben und lernen musste. Sie waren total neugierig und interessiert.

Ich wollte ihnen zeigen, was mein Judentum für mich bedeutet

Auch andere nichtjüdische Freunde und Bekannte unserer Familie sollten dabei sein. Für viele von ihnen war es der erste jüdische Gottesdienst überhaupt. Ich wusste also, dass sie an diesem Morgen etwas erleben würden, das sie bisher nicht kannten. Und ich wollte ihnen zeigen, was mein Judentum für mich bedeutet. Sie sollten nicht einfach nur irgendwo sitzen und zuschauen, sondern wirklich dabei sein. Bei mir und meiner Familie. Das Schönste ist, dass ich noch Wochen später von Gästen gehört habe, wie sehr sie der Gottesdienst berührt hat. Sie haben erzählt, dass sie sich willkommen gefühlt haben und dass alles offen und inklusiv war. Sie hatten nicht das Gefühl, Zuschauer eines fremden Rituals zu sein, sondern wirklich einbezogen zu werden. Das bedeutet mir unglaublich viel.

Und es passt auch zu meiner Parascha. In meinem Wochenabschnitt geht es um Moses. Seine Zeit als Anführer seines Volkes geht zu Ende. Gott sagt ihm, dass er das Volk nicht mehr weiterführen wird. Deshalb spricht Moses noch einmal vor allen Menschen. Er erzählt ihnen, dass er nicht mehr mit ihnen weiterziehen und dass es einen neuen Anführer geben wird. Gleichzeitig macht er ihnen Mut, weiterzugehen und an Gott zu glauben.

Was mich daran besonders interessiert, ist, vor wem Moses spricht: vor Frauen und Männern, vor Kindern und Erwachsenen und auch vor Menschen, die neu dazugekommen sind. Für mich steckt darin eine wichtige Botschaft: Alle sollen dazugehören. Alle sollen gleich sein. Das ist für mich keine Geschichte, die nur vor sehr langer Zeit passiert ist. Ich sehe das auch in meinem eigenen Alltag. Gerade beim Sport merke ich manchmal, dass Mädchen und Jungen nicht gleichbehandelt werden. Im Sportunterricht werden Jungen oft automatisch als stärker oder schneller angesehen. Bei den Bundesjugendspielen müssen sie zum Beispiel weiter werfen oder springen oder schneller laufen. Ich finde das unfair. Nur weil jemand ein Junge ist, heißt das doch nicht automatisch, dass er besser werfen oder schneller laufen kann. Mädchen können das genauso gut. Vielleicht hat mich meine Parascha deshalb so angesprochen, weil es darin um Gleichberechtigung geht. Ich finde, dass dieses Thema heute genauso wichtig ist.

Ich habe ein Mizwa-Projekt gemacht und war für drei Tage in einem Seniorenheim.

Genau darüber habe ich auch in meinem Dvar Tora gesprochen. Auch im Judentum ist Gleichberechtigung noch nicht überall selbstverständlich. In den meisten jüdischen Gemeinden in Deutschland dürfen Mädchen und Frauen noch immer nicht aus der Tora lesen. Ich finde das sehr enttäuschend – gerade weil in meiner Parascha davon gesprochen wird, dass alle Menschen zusammenkommen und dazugehören. Ich bin sehr froh, dass ich es durfte. Ich wünsche mir, dass es irgendwann auch in Deutschland ganz normal ist, dass Mädchen und Frauen aus der Tora lesen. Oder zumindest, dass es mehr und leichter zugängliche Möglichkeiten für Mädchen wie mich gibt. Dass man darüber gar nicht mehr nachdenken muss.

Zu meiner Batmizwa gehörte aber nicht nur der Gottesdienst. Ich wollte auch etwas tun, bei dem es um andere Menschen geht. Deshalb habe ich ein Mizwa-Projekt gemacht und war für drei Tage in einem Seniorenheim. Mich hat interessiert, wie die Menschen dort leben. Wie werden sie behandelt? Und vor allem wollte ich ihre Geschichten kennenlernen. Ich glaube, viele ältere Menschen bekommen nicht so oft Besuch. Ich habe mit vielen gesprochen. Wir haben über ihre Kindheit geredet, darüber, was sie früher gern gemacht haben, wo sie gearbeitet und was sie studiert haben. Ich habe mit einigen gemalt und anderen vorgelesen. Wir haben auch gemeinsam Gymnastik gemacht.

An eine Frau erinnere ich mich besonders gut

Eine Frau ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Wir haben jeden Tag zusammen Mittag gegessen. Sie hat mir viel erzählt, und ich habe ihr zugehört. Früher hat sie in einem Kindergarten gearbeitet. Sie liebt kleine Kinder und hat gern mit ihnen gespielt.

Ich hatte das Gefühl, dass ihr die Besuche eines jungen Menschen gefallen haben. Durch sie habe ich gemerkt, wie viel man über einen Menschen erfahren kann, wenn man wirklich zuhört. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte. Vielleicht ist das eines der wichtigsten Dinge, die ich aus meiner Batmizwa mitnehme: genauer hinzuschauen und zuzuhören.

Und natürlich gab es auch eine Party. Mein Motto war »Tiffany & Co.«, weil ich Schmuck liebe. Alles war in Türkis, Hellblau und Weiß gehalten und mit »Maddy und Co.« beschriftet. Ich habe viele meiner Freunde eingeladen – aus der Schule und auch vom Machane aus Köln, Dortmund, Düsseldorf und Frankfurt. Ich gehe offen damit um, dass ich jüdisch bin. Natürlich sage ich nicht jedem sofort: »Hallo, ich bin jüdisch.« Aber wenn es sich ergibt, erzähle ich davon. Meine Freunde wissen es sowieso, und auch einige meiner Lehrer.

Jetzt liegt meine Batmizwa schon eine Weile zurück. Und trotzdem fühlt es sich manchmal noch gar nicht so an, dass ich Batmizwa bin.

Ich möchte turnen, tanzen und Fußball spielen

Ich bin jetzt 13 Jahre alt und habe noch keinen großen Plan für mein ganzes Leben. Den muss ich, glaube ich, auch noch gar nicht haben. Ich möchte turnen, tanzen und Fußball spielen. Inzwischen bin ich in der Mädchenmannschaft meiner Schule. Und wenn mich jemand fragt, für welchen Fußballverein mein Herz schlägt, ist die Antwort ziemlich eindeutig: Dortmund.

Meine kleine Schwester wird in vier Jahren Batmizwa. Ich weiß jetzt, wie es geht, und wenn sie möchte, werde ich ihr bestimmt Tipps geben. Zum Beispiel diesen: »Lern, bleib dran, auch wenn es manchmal anstrengend ist oder du gerade keine Lust hast. Es lohnt sich.«

Aber ich würde ihr auch sagen, dass sie nicht einfach glauben soll, was andere ihr sagen. Sie soll selbst herausfinden, woran sie glaubt und was ihr wichtig ist. Wenn man klein ist, übernimmt man vieles von seinen Eltern oder anderen Erwachsenen. Aber je älter man wird, desto mehr beginnt man, sich selbst Gedanken darüber zu machen.

Genau das möchte ich auch weiter machen: Fragen stellen, dazulernen, anderen Menschen zuhören und mir meine eigene Meinung bilden. Und ich wünsche mir, dass irgendwann noch viele Mädchen auf dieser Bima stehen und aus der Tora lesen. Ich fange an zu verstehen, dass es nicht nur eine Art gibt, jüdisch zu sein, sondern viele verschiedene. Und wir alle sind wichtig und verdienen es, gehört zu werden.

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