Georg Stefan Troller, 2025 im Alter von 103 Jahren verstorben, gilt als Reporterlegende. Er ist nun der Namensgeber eines Journalistenpreises, der am 11. Oktober zum ersten Mal im Jüdischen Museum Frankfurt an sechs Journalistinnen und Journalisten vergeben wurde. Trollers Werk zeichnete sich durch genauste Beobachtung, intellektuelle Neugier und ein großes Interesse an den gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen menschlicher Erfahrungen aus. Das ist richtungweisend für die Preisvergabe, die Arbeiten würdigt, die jüdisches Leben differenziert darstellen und zum Verständnis jüdischen Lebens in der deutschen Gegenwart beitragen. Dazu gehört auch Antisemitismus – aber darauf soll das Thema nicht reduziert werden.
Die Preisvergabe im Jüdischen Museum zeigte dies sehr eindrücklich, denn die Bandbreite der ausgezeichneten Werke war groß. Zwei Mitarbeitende der Jüdischen Allgemeine gehören zu den Preisträgern: Mascha Malburg und Joshua Schultheis wurden für ihr im Hentrich & Hentrich-Verlag erschienenes Buch »Worüber Juden reden«, eine Dokumentation von zehn äußerst divers zusammengesetzten Tischgesprächen, ausgezeichnet.
Sharon On und Dirk Laucke erhielten den Preis für ihr Hörspiel »Auch wenn es dunkel ist« mit Aussagen von Geiseln des 7. Oktober, das vom Sender RBB realisiert wurde. Nicholas Potter, freier Autor, wurde für sein Buch »Die neue autoritäre Linke«, erschienen bei dtv, gewürdigt. Und Thorsten Schmitz, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, bekam die Auszeichnung für seinen Text »Wer ein Warum hat, erträgt jedes Wie«, die Geschichte der überlebenden Geisel Or Levy. Eine lobende Erwähnung gab es für die Kolumnistin Anetta Kahane für ihre Texte in der Frankfurter Rundschau. Der Preis ist mit 12.000 Euro dotiert und soll regelmäßig vergeben werden. Der Verein »Jüdischer Journalistinnen und Journalisten« sowie die FAZIT-Stiftung, Mehrheitseignerin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, haben ihn ins Leben gerufen.
Mehr als 100 Einsendungen
Nach der Begrüßung durch Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums, sprach Simon Haug von der FAZIT-Stiftung und betonte, dass »jüdisches Leben mehr ist als die Geschichte der Verfolgung«. Jüdisches Leben habe eine Vielfalt an Stimmen, gestalte die Gegenwartsgesellschaft mit und dürfe nicht auf bestimmte Themen reduziert werden. Journalismus könne sehr wohl Gefahren benennen und müsse dies auch tun, aber »nachfragen, hinhören, auf den Grund gehen« gelte für eine ganze Palette an Themen. So habe die Jury sich auch über eine große Zahl hochqualitativer Einsendungen gefreut. Die aufwendige Arbeit der Auswahl habe sich gelohnt.
Der Co-Vorsitzende des jüdischen Journalistenverbandes, Lorenz Beckhardt, betonte, man sei »auch wegen des 7. Oktobers hier« – das Datum habe 2024 den Anlass zur Gründung des Verbands gegeben. Er sei besorgt darüber, dass diese Ereignisse viele Medienschaffende nahezu kaltließen. Er beklagte fehlende Empathie, den neu aufgeflammten Antisemitismus als Reaktion auch mancher Medien. Das »Nie wieder« wurde »von der Gegenwart gefressen«, sagte Beckhardt. Daher bedeute dieser Preis sehr viel.
Das bekräftigte auch Sabena Donath, künftige Co-Direktorin der demnächst eröffnenden Jüdischen Akademie in Frankfurt. Dem Trauma des 7. Oktober sei ein »dröhnendes Schweigen« gefolgt. Es finde eine Entsolidarisierung statt, eine »Fremdaneignung der Deutungshoheit«. Um so wichtiger sei es, mehr Wissen über die Lebensrealität jüdischer Menschen in Deutschland zu vermitteln, so wie es die Preisträger praktizierten. »Unsere Welt wurde kleiner, Ihre Werke machen sie aber wieder größer«, sagte Donath an die Adresse der Ausgezeichneten.
Mutige Journalistinnen und Journalisten
Als Laudator war Armin Laschet, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag, nach Frankfurt gekommen. Das ganze Spektrum jüdischen Lebens in Deutschland, das seit 1700 Jahren sein Teil sei, lasse sich nicht auf Schoa und 7. Oktober reduzieren, sagte er. Antisemitismus bleibe indes bestehen. »Man muss das immer neu erklären.« Und jetzt sei vieles wieder da, von dem man schon dachte, es sei vorbei. Es bleibe eine »didaktische Herausforderung«, neuen Generationen die Zusammenhänge zu vermitteln – klar zielgruppenangepasst. Es gehe auch um Empathie. Um so wichtiger sei dieser Preis, der »differenzierte Wahrnehmung jüdischer Lebensrealitäten« abbilde. Mutige Journalistinnen und Journalisten müssten der Gesellschaft und ihren Akteuren weiter genau auf die Finger schauen.
In einer von Anina Valle Thiele moderierten Talkrunde mit den Preisträgern und der Juryvorsitzenden Gabriele Hermer kam abschließend noch einmal zum Ausdruck, wie tief bewegt sowohl die Journalisten als auch die Jury von den bearbeiteten Themen waren. Es habe 130 Einsendungen gegeben, was man nicht erwartete, so Hermer.
Die Gespräche mit Geiseln und deren Angehörigen, aber auch mit Menschen aus der jüdischen Community in Deutschland hätten sie alle tief bewegt, bis hin zu Tränen gebracht, sagten die Preisträger. Sie begreifen es aber auch als Ermutigung, weiter Kraft für das Leben zu schöpfen und mit ihren Mitteln dafür zu kämpfen.