Sachsen-Anhalt

So instrumentalisiert die AfD den Eklat von Halle

Mitglieder der JSUD vor dem Eingang zum Synagogenhof der Jüdischen Gemeinde Halle
Mitglieder der JSUD vor dem Eingang zum Synagogenhof der Jüdischen Gemeinde Halle Foto: André Anchuelo

Nach dem Eklat von Halle geht die Debatte weiter. Der am Dienstag vergangener Woche als Landtagsvizepräsident gewählte rechtsextreme AfD-Ideologe Hans-Thomas Tillschneider hatte sich am Freitag Zutritt zum Gedenken für die Opfer des antisemitischen Anschlags von 2019 auf dem Synagogenhof der Jüdischen Gemeinde Halle verschaffen wollen. Mitglieder der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) hatten vor Tillschneider eine Menschenkette gebildet und dadurch verhindert, dass der AfD-Mann durch die Tür zum Hof gehen konnte. Er sei beim Gedenken nicht willkommen.

Danach wurde eine Frage viel diskutiert: War Tillschneider eingeladen? Das behauptete der 48-Jährige an Ort und Stelle, wie auch hinterher. Er habe in Vertretung von Landtagspräsident Tobias Rausch (ebenfalls AfD) an dem Gedenken teilnehmen »wollen und sollen«, sagte Tillschneider.

Lesen Sie auch

Rausch veröffentlichte noch am selben Tag auf dem offiziellen Briefpapier des Landtags eine Pressemitteilung, in der Rausch diese Darstellung unterstützte. Eine »Gruppe linker Studenten« habe seinem Vize den Weg versperrt. Es sei außerdem wahrheitswidrig, dass Tillschneider »sich gegen jüdisches Leben in Deutschland ausgesprochen« habe.

Auch Tillschneider selbst kam in der Mitteilung zu Wort. Er sei »in pöbelhafter Weise daran gehindert« worden, an der Veranstaltung teilzunehmen, und zudem »als Nazi beschimpft« worden. Vertreter der städtischen Ordnungsbehörde und der Polizei hätten nichts unternommen, um ihm »Zutritt zu verschaffen«.

Mit dem Protest hätten »diese Studenten« (auf X hatte Tillschneider sie auch als »Gruppe fanatisierter Studenten« bezeichnet) verdeutlicht, »wie wenig Respekt« sie vor der Volksvertretung hätten. Zugleich sei »das Andenken an die unschuldigen Opfer des Amoklaufs dadurch gestört« worden. Schließlich endet die Mitteilung damit, dass Max Privorozki, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, »auf ein klärendes Gespräch im Landtag« zu Rausch und Tillschneider eingeladen sei. Eine Formulierung wie eine Aufforderung zum Rapport.

Hätte die Polizei Tillschneider den Weg freiprügeln sollen?

Jüdische Studierende, unter ihnen auch Mitglieder der Gemeinde, die einen Rechtsextremisten und Antisemiten nicht beim Gedenken für die Opfer eines antisemitischen Terroranschlags haben wollen, das Gedenken also vor Vereinnahmung schützen wollen, sind demzufolge fanatisierte respektive linke Störer. Tillschneider wäre es offenbar lieber gewesen, die Polizei hätte ihm den Weg zum Gelände der Synagoge freigeprügelt.

Aus welchen inhaltlichen Gründen Tillschneider unerwünscht war, machte die Pressemitteilung ebenfalls klar: Sie deutet einen antisemitischen Terroranschlag zum unpolitischen Amoklauf um.

In einem weiteren X-Post bezeichnete Tillschneider die JSUD-Aktivisten als »Regenbogenlinke«, die sich nur dann gegen etwas engagierten, »wenn sie glauben, die stärksten Bataillone auf ihrer Seite zu haben«. Das schließe aber nicht aus, dass »sie sich auch mal verkalkulieren können« – eine kaum verhohlene Drohung.

Verharmlosung und Entpolitisierung des Anschlags von 2019

Die Verharmlosung und Entpolitisierung des Anschlags seitens Tillschneiders und der AfD hat lange vorher begonnen. Darauf spielte auch Max Privorozki in seiner Gedenkrede an. Er betonte, dass es sich bei der Tat um eine zutiefst politische, antisemitische und rassistische Tat handelte und eben nicht um eine bloße »Sequenz aus einem Ego-Shooter-Spiel« oder das Werk eines bloß unpolitisch »verstörten Einzeltäters«. All das war auch während des Prozesses gegen den Attentäter einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden.

Tillschneider hingegen hatte in einer Debatte im Landtag von Sachsen-Anhalt wörtlich gesagt, die Tat sei »keine politische Tat, sondern eine Sequenz aus einem Egoshooter-Spiel« gewesen, deren Hintergrund ein »pervertierter Spieltrieb« war. Zudem behauptete er, dass der Anschlag eines »verwirrten Einzeltäters« mit dem Begriff Antisemitismus »schlecht erfasst« sei.

Schon 2018 hatte Tillschneider behauptet, »der Islam« werde unter anderem vom Zentralrat der Juden »benutzt, um in Deutschland multikulturelle Verhältnisse herbeizuführen«. Der Zentralrat der Juden betreibe letzten Endes »die Abschaffung des deutschen Volkes«. Noch 2026 verteidigte er gegenüber der »Times of Israel« diese Aussagen.

Antisemitischer Verschwörungsmythos vom »Großen Austausch«

Letztlich vertritt Tillschneider genauso wie seine politischen Freunde von den neurechten »Identitären« wie auch der Attentäter von Halle den antisemitischen Verschwörungsmythos vom »Großen Austausch«, bei dem eine »globalistische Elite« (lies: »die Juden«) durch die forcierte Einwanderung von Nichtweißen und Muslimen einen »Bevölkerungsaustausch« betreibe, um letztlich die Deutschen, beziehungsweise »die Weißen« zu unterjochen.

Lesen Sie auch

Am Sonntag sah sich dann sogar die Jüdische Gemeinde zu Halle genötigt, Stellung zu nehmen. »Aus Respekt vor den Opfern verbietet sich jede politische Instrumentalisierung dieser Gedenkveranstaltung«, hieß es in einer Pressemitteilung. »Die Motivation der jüdischen Studierenden, die gegen die Teilnahme von Dr. Hans-Thomas Tillschneider protestierten, ist für uns nachvollziehbar.«

Gleichzeitig lehne man Blockaden und vergleichbare Aktionsformen als Mittel zur Durchsetzung politischer oder gesellschaftlicher Anliegen grundsätzlich ab, so das Statement, und weiter: »Wir bedauern sehr, dass die öffentliche Aufmerksamkeit, die an einem solchen Tag dem Gedenken an die Opfer gebührt, auf eine politische Auseinandersetzung gelenkt wurde.«

Gedenken in Halle
Gedenken in HalleFoto: André Anchuelo

Zur Frage der Einladung hieß es noch einmal erläuternd: »Die Jüdische Gemeinde zu Halle (Saale) selbst hat keine persönlichen Einladungen zum stillen Gedenken um 12 Uhr im Synagogenhof ausgesprochen. Die Stadt Halle hat wie in den vergangenen Jahren öffentlich zum Gedenken eingeladen und darüber hinaus Einladungen an ausgewählte Vertreterinnen und Vertreter des öffentlichen Lebens verschickt, darunter auch an den Landtag.«

Zahlreiche Teilnehmer, darunter der Ministerpräsident und mehrere Landtagsabgeordnete, hätten der Gemeinde ihr Kommen vorab angekündigt, so die Gemeinde in ihrem Statement. Eine entsprechende Mitteilung von Tillschneider habe der Gemeinde nicht vorgelegen. »Erst unmittelbar vor Beginn der Veranstaltung erfuhr die Gemeinde von dritter Seite, dass er an dem Gedenken teilnehmen wolle. In welcher Funktion er teilnehmen wollte, war der Gemeinde zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt.«

Scharfe Kritik von Zentralratspräsident Schuster

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, kritisierte den Landtags-Vizepräsidenten für dessen Erscheinen in Halle scharf: »Es war und ist der Wunsch der Jüdischen Gemeinde in Halle, diesen Tag des Gedenkens den Opfern des entsetzlichen Anschlags vom 9. Oktober 2019 zu widmen und keinerlei politische Instrumentalisierung zuzulassen. Durch seinen Versuch der Teilnahme hat der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider diesen Wunsch mit Füßen getreten«, sagte er der Jüdischen Allgemeinen auf Anfrage.

»Tillschneider mag sich auf seine Rolle als Landtags-Vizepräsident berufen – dass er zugleich der führende Kopf und Vordenker des als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuften AfD-Landesverbands ist, hinterlässt einen mehr als faden Beigeschmack«, so Schuster. Die AfD zeige mit der Wahl von Hans-Thomas Tillschneider wieder einmal ihr wahres Gesicht. Tillschneider gehe es nicht um ehrendes Gedenken, sondern um politische Provokation und Grenzverschiebung.

Streit beim jüdischen Begabtenförderungswerk ELES

Streit gab es wegen des Eklats von Halle beim Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk (ELES), dem jüdischen Begabtenförderungswerk. Ein X-User namens Yotam Givoli, der sich »als Sprecher der Fachgruppe Geisteswissenschaften« vorstellte, griff in einem auf X veröffentlichten Beitrag die JSUD wegen ihres Protests gegen Tillschneider an. Es habe sich bei der JSUD-Protest um »einen aggressiven und törichten Akt« gehandelt, hieß es in dem Post, und weiter: »Die Behauptung der Studierenden, der Attentäter sei von jener Art von Theorien beeinflusst worden, die Herr Tillschneider verbreite, entbehrt jeglicher Grundlage.« Tillschneider bedankte sich auf X explizit für den Post, mittlerweile wurde er gelöscht.

Givoli habe den Eindruck erweckt, »für ELES zu sprechen«, aber »stipendiatische Sprecherämter begründen kein Mandat für öffentliche Stellungnahmen im Namen von ELES«, erklärte das Studienwerk in einer auf seiner Website veröffentlichten Stellungnahme. »Der Verfasser des Beitrags ist dazu nicht autorisiert.« ELES betonte: »Wir schätzen die Zusammenarbeit mit der JSUD und ihren Einsatz für jüdisches Leben und gegen Rechtsextremismus.«

Kommentar

Vereint unter dem Dach eines Rechtsextremen

Der Verleger Jürgen Elsässer hat die Fraktionen von AfD und BSW für ein Kennenlernen in sein Magdeburger TV-Studio eingeladen. Dabei soll es auch um eine strategische Zusammenarbeit gegangen sein

von Ralf Fischer  12.10.2026

Kommentar

Die Linke hat ihren eigenen Antisemitismus nicht verstanden

Nein, wir sind natürlich keine Antisemiten, schallt es aus der Linken, wir kritisieren nur die israelische Regierung! Diese Formel wird immer wieder als Rechtfertigung herausgeholt

von Frank Schmiechen  12.10.2026

Kommentar

Mit schwerem Koffer zurück aus Berlin

Wie ein deutscher Holocaust-Überlebender auf die sich abzeichnende Koalition von SPD und Grünen mit Antisemiten, Terror-Relativierern und anderen Genozid-Schreiern blickt

von Roman Haller  11.10.2026

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Meinung

Nein, Frau Pillay hat den Friedensnobelpreis nicht verdient!

Die Südafrikanerin hat Israel vorverurteilt und Antisemitismus in den Reihen ihrer Kommission nicht ernstgenommen. Ihre Auszeichnung durch das Nobelpreiskomitee ist ein großer Fehler, meint der Direktor von UN Watch

von Hillel Neuer  09.10.2026

Essay

Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit

Antisemitismus ist an Universitäten längst kein Ausnahmeproblem mehr. Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich deshalb eine unangenehmere Frage: Was haben Universitäten über sich selbst gelernt?

von Frederek Musall  09.10.2026

Kommentar

Allein mir fehlt der Glaube

Die Spitzen von Linken, Grünen und SPD in Berlin haben bei ihren Sondierungen in Berlin ein dreiseitiges Papier zur Bekämpfung von Antisemitismus vereinbart. Eine Einordnung

von Michael Thaidigsmann  08.10.2026

Meinung

Wenn Journalisten Terroristen sind – 170 Namen und eine unbequeme Wahrheit

Unser Autor reflektiert über die grundsätzliche Frage, was »Journalismus« in einem Gebiet bedeutet, das seit Jahren von einer totalitären Terrororganisation beherrscht wird

von Daniel Neumann  08.10.2026

Kommentar

Echter Schutz für Juden in Deutschland – ohne Sonderrecht 

Unsere Autorin ordnet die aktuelle Debatte um die Gesetzesentwürfe zum Schutz jüdischen Lebens in Deutschland ein

von Annabelle Ganapol  08.10.2026