Das Grußwort von Charlotte Knobloch für den Abend mit Konrad Bernheimer hätte nicht inniger ausfallen können, verbindet die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) mit dem Kunstexperten doch eine über die Jahre gewachsene Freundschaft. Sie versprach »eine interessante und kurzweilige Veranstaltung«, denn »er ist ein begnadeter, gebildeter und unterhaltsamer Erzähler«. Knobloch kündigte diesen Abend als besonderen an, weil die Briefe an meinen Vater wohl das persönlichste Buch des Gastes seien.
Bernheimer dankte Knobloch, ohne die es das Jüdische Zentrum gar nicht gäbe und der er es verdanke, obgleich rein katholisch aufgewachsen, sich je älter er werde, umso jüdischer zu fühlen. Und er bedankte sich auch bei der großen Fangemeinde und dem Freundeskreis, die zur Präsentation seines jüngsten Buches gekommen waren – allen voran dem jungen Prinz Ludwig von Bayern, dem er herzliche Grüße für Franz von Bayern mitgab. Die Wittelsbacher und die Bernheimer verbinde eine lange Geschichte, die mit der Ernennung des Urgroßvaters Lehmann Bernheimer zum königlichen Hoflieferanten begann. Unausgesprochen hing an dieser Stelle auch im Raum, dass beide Familien ins Fadenkreuz des NS-Regimes gerieten.
Nicht tiefgründig genug, weil mit Familien-Schweigen belegt
»Narwalzahn und Alte Meister. Aus dem Leben einer Kunsthändler-Dynastie« war der Titel von Konrad Bernheimers erstem Buch 2013. Darin kam natürlich sein Vater Kurt vor, doch nicht tiefgründig genug, weil mit Familien-Schweigen belegt. Geschwiegen wurde über das Ausmaß an Demütigung und Folter nach der »Kristallnacht« im KZ Dachau und im Folterkeller der Gestapo. Ein Tabu lag auch über vielem, was die Zeit im venezolanischen Exil betraf. Bernheimer näherte sich dem unter dem Pseudonym Conrado Rubio in seinem Roman Plaza Bolivar. Nun legt er elf Briefe, eine einstimmige Zwiesprache, an den Vater vor, den er im Alter von vier Jahren verlor.
Moderatorin Ellen Presser erinnerte dies an den Brief, den Anne Goscinny 2012 an ihren Vater René – den genialen Schöpfer des »Kleinen Nick« sowie von Asterix und Obelix – schrieb. Sie verlor ihn mit neun Jahren. Man sei auch an den Brief erinnert, den Franz Kafka 1919 an seinen Vater formulierte, jedoch nie abschickte. Er haderte mit seinem Erzeuger, der ihn nie verstand, während Goscinny und Bernheimer sich ihren Vätern voller Sehnsucht und Einfühlungsbemühen widmen.
Man blieb, bis es fast zu spät war, »vielleicht aus Trotz, vielleicht aus blindem Vertrauen«.
Kurt Bernheimer war belesen, kunstsinnig und sprachbegabt, erkannte die Zeichen der Zeit früh genug, dass seine alteingesessene Familie mit besten Beziehungen im In- und Ausland ab 1933 höchst gefährdet war. Sein Vater, der international renommierte Kunsthändler Otto Bernheimer, wähnte sich in Sicherheit, untersagte seinen Söhnen Ludwig und Kurt zu emigrieren, kaufte sogar noch 1937 eine Villa im Herzogpark, um der »ungemütlicher« werdenden Situation vor dem Geschäfts- und Wohnhaus am Lenbachplatz zu weichen. Doch »von ihrer Heimat loslassen« konnten die Eltern nicht. Vom Kommerzienrat und mexikanischen Honorarkonsul Otto Bernheimer ist der Satz überliefert: »Wir waren Deutsche, erst Hitler hat uns zu Juden gemacht.«
»Flucht bedeutete, alles aufzugeben, was die Familie über Generationen aufgebaut hatte«
Man blieb, bis es fast zu spät war, »vielleicht aus Trotz, vielleicht aus blindem Vertrauen, dass ›es‹ wieder vorbeigehen könnte, vielleicht auch, weil Flucht bedeutete, alles aufzugeben, was die Familie über Generationen aufgebaut hatte«. Am Ende wurde doch alles arisiert, riss sich Hermann Göring das Barvermögen unter den Nagel und zwang die Familie, eine Kaffeeplantage in Venezuela zu übernehmen. Dort lernte Kurt die baskisch-stämmige katholische Schönheit Mercedes Uzcátegui kennen, die ihn »die dunkelsten Kapitel« seines Lebens erst einmal vergessen ließ.
Die Rückkehr des 77-jährigen Patriarchen Otto – die Großmutter war in Rubio in Venezuela bald an gebrochenem Herzen gestorben – nach München schon im August 1945 muss für den jüngeren Sohn Kurt verstörend gewesen sein. Sein Vater nahm unbeirrt wieder die alten Kontakte auf: mit der Kunsthändlergilde und Museumsleuten, die ihn zehn Jahre zuvor ausgenommen hatten. Für Konrad Bernheimer ist offensichtlich: »Mein Großvater muss ein großer Verdränger gewesen sein«, wollte unbedingt einen seiner Söhne in München haben. Kurt beugte sich im Jahr 1949, brach dann zusammen. Nach einem Sanatoriumsaufenthalt in der Schweiz kehrte er für immer nach Venezuela zurück.
Nach Kurts Tod zwang Bernheimer senior seine verwitwete Schwiegertochter, die kein Wort Deutsch konnte, mit ihren drei kleinen Kindern 1954 nach München zu kommen. »Weil mein Vater so früh gestorben ist, war ich mein Leben lang mehr der Enkel meines Großvaters als der Sohn des Vaters«, fasst Konrad Bernheimer seine Kindheitserfahrungen zusammen.
Jeden Tag holte ihn der Chauffeur von der Volksschule ab und brachte ihn ins Geschäft, wo er durch alle Abteilungen geschleust wurde, schon mit sieben Jahren die Knoten bei orientalischen und chinesischen Teppichen unterscheiden konnte. Jedes Wochenende ging es mit dem Großvater durch Münchner Museen, was Jahrzehnte später, 2019, in eine kurzweilige Gebrauchsanweisung fürs Museum führen sollte.
Konrad Bernheimer: »Briefe an meinen Vater«. Langen Müller, München 2026,
159 S., 20 €