Es gehört zu den Tücken der Gewohnheit, dass sie es uns einerseits erlaubt, die Handlungen und Tatsachen, die unseren Alltag bestimmen, als selbstverständlich vorauszusetzen: Beim Fahrradfahren oder auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit fragen wir uns nur selten, wie viele Zahnräder ineinandergreifen müssen, damit wir das angestrebte Ziel erreichen. Andererseits liegt genau hier auch die Gefahr der Gewohnheit. Wir setzen die Dinge als gegeben voraus, meinen, sie seien bereits immer so gewesen, wie wir sie aktuell vorfinden, und vergessen dabei die Brüche in ihrer Geschichte.
In einer Zeit, in der sich immer mehr Jüdinnen und Juden nicht mehr sicher fühlen, erinnert der »Almanach« an das Engagement vieler Mitglieder.
Zu diesen prekären Selbstverständlichkeiten zählt auch, dass heute eine fest zur Stadtgesellschaft gehörende jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main existiert – und das bereits seit über 75 Jahren. Zum Jubiläum ist mit dem Almanach der Jüdischen Gemeinde Frankfurt ein Buch erschienen, das in 20 kurzen Beiträgen die Geschichte, Gegenwart und Zukunft des jüdischen Frankfurt in den Blick nimmt.
Gleich zu Beginn erinnert der Vorsitzende der Gemeinde, Salomon Korn, an die unlösbare Aufgabe, vor die man sich in den ersten Jahren nach dem Ende der Schoa gestellt sah: Von den ehemals rund 30.000 Frankfurter Jüdinnen und Juden kehrten nur wenige Hundert zurück, die außer ihrem Jüdischsein nichts mehr mit der Gemeinde der Vorkriegsjahre verband.
Für viele stand damals fest, dass eine neue Gemeinde entstehen sollte, jedoch lediglich »als ein Provisorium für den Übergang bis zur Auswanderung möglichst aller Juden«. In einem von der Stadt bereitgestellten Haus im Baumweg 5–7 wurde daher nach der Gründung der Gemeinde im Jahr 1947 eine erste Anlaufstelle mit eigener Synagoge geschaffen. In den frühen Jahren der Gemeinde ging es jedoch weniger um »die Pflege jüdischen Brauchtums«, wie Korn feststellt. Im Fokus stand zunächst »die soziale Existenz oder in Einzelfällen das schiere Überleben der Mitglieder zu sichern« – und das im Land der Täter, auf deren Unterstützung man sich auf keinen Fall verlassen wollte. Trotz des provisorischen Charakters der Gemeinde und des berechtigten Misstrauens gegenüber den Deutschen wurde hier der »organisatorische, aber auch emotionale Grundstein« für das jüdische Leben in Frankfurt am Main gelegt.
Der Bau des neuen Gemeindezentrums war ein wichtiger Schritt hinein in die Stadtgesellschaft
Trotz dieser ersten und ohne jede Illusion einer Kontinuität zur Vorkriegszeit gewagten Schritte in Richtung einer Institutionalisierung jüdischen Lebens erinnert sich Michel Friedman in seinem Beitrag daran, dass die Fragen, die sich Jüdinnen und Juden in Frankfurt und in ganz Deutschland stellten, auch über die folgenden Jahrzehnte hinweg grundsätzliche waren: »Ist jüdisches Leben in Deutschland ein Provisorium? Werden die mittlerweile im Schrank eingelagerten Koffer endgültig ausgepackt und kommen in den Keller? Wie wird die junge Generation in Deutschland eingeschätzt? Wie stabil ist die Demokratie in diesem Land?« Ein wichtiger Schritt auf dem Weg hinaus aus alter, provisorischer Infrastruktur und hinein in die Stadtgesellschaft war, wie Friedman fortfährt, der Bau des neuen Gemeindezentrums im Frankfurter Westend, das nicht zuletzt mit seinem Kulturprogramm jüdisches Leben auch nach außen als »vielschichtig von fröhlich bis nachdenklich präsentiert«.
Einen entscheidenden Moment in der Geschichte der Frankfurter Nachkriegsgemeinde sehen gleich mehrere Autoren in der Besetzung der Theaterbühne während der Uraufführung von Rainer Werner Fassbinders Der Müll, die Stadt und der Tod im Jahr 1985. Der insbesondere von der jüdischen Gemeinschaft erhobene Vorwurf lautete, Fassbinder bediene sich mit der Figur eines jüdischen Immobilienspekulanten – Rollenname: »der reiche Jude« – antisemitischer Stereotype. Einige meinten in der Figur sogar eine Karikatur des damaligen Vorsitzenden der Gemeinde Ignaz Bubis erkennen zu können. Für den 2025 verstorbenen Micha Brumlik kam die von Bubis angeführte Bühnenbesetzung einem »Coming-out« der Frankfurter Jüdinnen und Juden gleich.
»Zugewanderte« und »Alteingesessene«? Diese Aufteilung birgt viel Widersprüchliches.
Zu einer Art Ursprungsmythos jüdischer Selbstbehauptung im zeitgenössischen Frankfurt wird das Ereignis auch für den Autor und Hochschullehrer Gad Arnsberg. Für ihn ist die Szene auf der Theaterbühne der Beginn eines »offenen und entschiedenen Auftretens«, das an die Stelle von »Zurückhaltung und Scheu vor der Öffentlichkeit« tritt. Der Band erinnert auch an die Spannungen im Inneren der Frankfurter Gemeinde. So war es die Koexistenz von deutschen Rückkehrern und aus dem Osten stammenden Displaced Persons, die in den frühen Jahren der Gemeinde für Reibung sorgte.
Plastisch wird dieser Konflikt für die Historikerin Cilly Kugelmann an drei Fotos aus dem Jahr 1962, die jüdische Jugendliche bei einer Purimfeier im Gemeindezentrum Baumstraße zeigen, verkleidet als chassidische Juden. Die Verkleidungen markieren in diesem Fall jedoch »keine kulturelle Außenseite«, sondern thematisieren die »Differenz innerhalb der Gemeinschaft durch den Rückgriff auf eine von den Eltern oder Großeltern vermutlich wenig geschätzte Form des Jüdischseins«. Eigenes und Fremdes, Differenz und Gemeinsamkeit überschneiden sich und lassen die Konfliktlinien des jüdischen Lebens im Nachkriegsdeutschland hervortreten.
Erinnerung und Warnung
Mehr als 30 Jahre später waren es schließlich die aus der ehemaligen UdSSR kommenden Kontingentflüchtlinge, die in die Gemeinde integriert werden mussten. Doch nicht nur das: Mit den »Neuankömmlingen« stellte sich auch die Frage, ob sich die vorher in Frankfurt lebenden Jüdinnen und Juden fortan als »Alteingesessene« verstehen durften. »Wir waren und sind genauso wenig alteingesessen, wie die neuen Mitglieder sich selbst als Russen sahen und sehen«, bringt Dalia Wissgott-Moneta den Widerspruch dieser beiden Kategorien auf den Punkt.
In einer Zeit, in der sich immer mehr Jüdinnen und Juden nicht mehr sicher fühlen in Deutschland und bei einigen zumindest die Überlegung im Raum steht, die eingelagerten Koffer wieder aus dem Keller zu holen, erinnert der »Almanach« seine Leser nicht nur an das Engagement zahlloser Mitglieder, die dazu beigetragen haben, in Frankfurt wieder eine selbstbewusste Gemeinde aufzubauen. Gleichsam als Warnung ruft er auch ins Gedächtnis, dass es alles andere als selbstverständlich war, dass in Deutschland nach 1945 überhaupt wieder jüdische Gemeinden entstehen konnten.
Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main K.d.ö.R. (Hg.): »Almanach der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main. 75 Jahre lebendige Tradition und Gemeinschaft«. Hentrich & Hentrich, Leipzig 2026, 132 S., 24 €