Als Dafna Gerstner von den 19 Stunden Todesangst erzählt, die sie und ihr Mann Florian am 7. Oktober 2023 im Schutzraum im Kibbuz Be’eri durchleben mussten, halten alle Zuhörer den Atem an. Die Buchvorstellung im Hubert-Burda-Saal der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) mit Gerstners nun veröffentlichten Erinnerungen Sie kamen, um uns zu töten ist keine wie jede andere. Denn diese Erinnerungen sind noch Gegenwart, und die drei Jahre, die seitdem vergangen sind, schaffen keine Distanz zu den Ereignissen. An diesem Abend ist es deshalb nicht Dafna Gerstner allein, die von dem Horror jenes Tages erneut erschüttert wird.
IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch fasste diese Gefühle in ihrem einleitenden Grußwort eindringlich zusammen. »Die Welt ist seit dem ›Schwarzen Schabbat‹ vor drei Jahren eine andere«, so Charlotte Knobloch. »Gerade für die jüdische Gemeinschaft in Israel selbst und hier bei uns in der Diaspora. Auch aus der nur scheinbar sicheren Entfernung hier in München war uns gleich bewusst: Wir waren mitgemeint.«
»So zu sprechen kostet Mut, und es kostet Kraft«, betonte Charlotte Knobloch.
Der Schmerz könne seitdem nicht verheilen, unterstrich Knobloch. »Mehr als 1200 Ermordete fehlen ihren Familien noch immer jeden Tag. Kinder vermissen ihre Eltern, Frauen ihre Männer, Männer ihre Frauen. Und, das Allerschrecklichste: Eltern ihre Kinder.« Bereits am ersten Jahrestag des 7. Oktober im Jahr 2024 hatte Dafna Gerstner ihre Erinnerungen in einer bewegenden Ansprache in der Ohel-Jakob-Synagoge mit der Öffentlichkeit geteilt. »So zu sprechen kostet Mut, und es kostet Kraft«, betonte die Präsidentin, dankbar für die Teilnahme der Zweiten Bürgermeisterin Mona Fuchs an dieser Gedenkzeremonie.
Auch die Generalkonsulin des Staates Israel für Süddeutschland, Talya Lador-Fresher, richtete sich mit einem Grußwort an die Gäste. Sie beschrieb in einem ausführlichen Umriss, wie die Hamas-Terroristen in Israel einfielen. Sie »verübten die schwersten Gräueltaten, die man sich vorstellen kann. Sie massakrierten ganze Familien in ihren Schutzräumen, Eltern vor den Augen ihrer Kinder und Kinder vor den Augen ihrer Eltern. Sie vergewaltigten Frauen, die sie anschließend ermordeten, sie legten ganze Nachbarschaften in Schutt und Asche und verschleppten insgesamt 251 unschuldige Menschen in den Gazastreifen.« Wie Lador-Fresher festhielt, engagierten sich jüdische Gemeinden weltweit und insbesondere die Münchner, um Israel beizustehen. Angesichts der Katastrophe seien die kleinen Erfolgsgeschichten, so die Generalkonsulin, umso bedeutsamer.
Gerstner erzählt von den 19 Stunden Todesangst, die sie und ihr Mann im Schutzraum durchlebten.
Der Musiker Aviv Nayman, der aus dem verwüsteten Kibbuz Kfar Aza stammt und bereits bei der ersten großen Solidaritätskundgebung in München wenige Tage nach dem Massaker zum Programm beigetragen hatte, entzündete eine Kerze für alle Opfer. Nach einer Schweigeminute trug Kantor Tzudik Greenwald das Gebet El Male Rachamim in einer Fassung vor, die eigens zum Gedenken an diesen »Schwarzen Schabbat« 2023 verfasst wurde.
Nach diesem Gedenkteil begann die Sprecherin Ulla Wagener, aus dem Buch von Dafna Gerstner zu lesen. Mit ihrem Mann Florian war Gerstner im Urlaub im Kibbuz Be’eri bei ihrem Bruder Eitan gewesen. »Das Haus liegt ganz im Westen des Kibbuz. Vom Fenster im Dachgeschoss aus hatte man einen direkten Blick auf den Gazastreifen – fünf Kilometer Luftlinie. Ganz arglos, ein Hauch von pragmatischer Toleranz, der heute wie ein fernes Märchen klingt.«
Dafna Gerstner beschreibt eine Welt vor dem 7. Oktober, die unwiederbringlich verloren ist. Wie sie den Angriff erlebt hat, diese langen Stunden von Terror und Panik, beschrieb sie im Gespräch mit dem Moderator Richard Volkmann. Wie Gerstner immer wieder betonte, konnte sie im Augenblick des Geschehens nicht recht begreifen, was sich außerhalb des Schutzraumes, in dem sie und ihr Mann einen ganzen Tag ohne Essen und Trinken und in ständiger Todesangst ausharrten, wirklich abspielte.
Die Nachrichten hingegen, die sie währenddessen erreichten, konnte sie kaum glauben. Das Buch habe sie auch deshalb geschrieben, um die Eindrücke der Menschen an diesem Tag in Israel – ohne jede politische Relativierung – festzuhalten: »Ich wollte mir diesen Raum nehmen. Ich will meine Geschichte erzählen, ich will die Geschichte der Geiseln erzählen und die Geschichte der jüdischen Gemeinden«, erklärt Gerstner.
»Jede einzelne Seele ist so bedeutsam gewesen.«
Der Schreibprozess sei zugleich Befreiung und Belastung gewesen. Direkt nach den Ereignissen habe sie angefangen, Tagebuch zu führen. Mit besonderem Schmerz erinnert sie sich, wie nach und nach die Nachrichten über getötete Geiseln eintrafen. »Die ganze jüdische Welt war in Trauer, jede einzelne Seele ist so bedeutsam gewesen.«
Auch ihres Bruders Eitan gedachte Dafna Gerstner an diesem Abend. Er war bei der Verteidigung des Kibbuz getötet worden – in einer derart schrecklichen Situation, die gar nicht zu seinem Leben passte. »Eitan hat das Leben genossen, er hat immer die Menschen zum Lachen gebracht. Er war der glücklichste Mensch der Welt, immer lebendig und fröhlich. So will ich mich an ihn erinnern.«
Dafna Gerstner: »Sie kamen, um uns zu töten. Mein Leben vor und nach dem 7. Oktober«. Herder, Freiburg 2026, 237 S., 22 €