Jewrovision

Hell, heller, Jewro!

Wahrscheinlich konnte man das Strahlen der Jewrovi­sion-Teilnehmer sogar vom All aus sehen. Und es war nicht nur deren Talent, das beim schillernden Finale des größten Tanz- und Gesangswettbewerbs für jüdische Kinder und Jugendliche in ganz Europa auf der Bühne der Eilenriedehalle in Hannover am Sonntagabend Funken schlug. Es war vor allem auch das Glücksgefühl, in einer angespannten und beunruhigenden Zeit wie dieser drei Tage lang in einer Bubble der Freundschaft und des Zusammenstehens innere Stärke zu tanken.

Egal, wen man fragt – ob Act, Madrichim oder Freunde und Familie, die zum Anfeuern mitgekommen sind –, jeder hat in vollen Zügen die Gemeinsamkeit genossen, sie eingesogen wie Sauerstoff, der zu knapp geworden war. Immer wieder war die Begeisterung darüber zu hören, alte Freunde zu treffen und neue zu finden. Möge diese Aufladung möglichst lange halten!

Von Bad Sobernheim bis Hannover: 22 Jahre »jüdische Eurovision«

Seit 22 Jahren feiert die »jüdische Eurovision« das junge jüdische Leben in Deutschland. Während beim Auftakt im rheinland-pfälzischen Bad Sobernheim 2002 im Rahmen einer Wochenendfreizeit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland kaum 100 Zuschauer im Publikum saßen, fieberten am Sonntag mehr als 3000 unter dem Motto »Time to Shine« lautstark mit.

15 Jugendzentren traten diesmal an: Chesed Gelsenkirchen, Emet Nürnberg feat. Am Echad Bayern, Jachad Köln & Kavanah Aachen, Chasak Hamburg, Neshama München, Kadima Düsseldorf, We.Zair Westfalia, Emuna Dortmund, Amichai Frankfurt, JuJuBa, Halev Stuttgart, Olam Berlin und Gastgeber Atid Chai Hannover.

Zwischen zehn und 18 Jahre alt dürfen die Teilnehmer sein, die mit Gesang und Tanz, Text und Performance, Bühnenbild, Kostümen und vor allem auch einem zweiminütigen Video, das vor dem Live-Act die Juzes vorstellt, angetreten sind. Schon diese Clips sind b+eeindruckend, perfekt erzählt und designt, wenn die Jugendlichen von ihrem Leben rappen, singen, erzählen. Mal mehr Helene Fischer, mal mehr Kendrick Lamar, aber immer »Jewish through and through«, »von München bis Tel Aviv«. Dann beginnt auch schon der Act mit vollem Lightshow-, Bühnennebel- und Pyrotechnik-Einsatz, und plötzlich singt ein kleiner Junge so perfekt »Schalom, Salam und Frieden Lekulam«, dass es einem im Herzen zieht, und Teenager-Mädchen stellen mal eben Beyoncé in den Schatten.

Mal Helene Fischer, mal Kendrick Lamar, aber immer »Jewish through and through«

Und weil die Sänger und Tänzer sich schon seit Monaten intensiv vorbereitet haben, wird hinter der Bühne auch geweint. »Tränen des Glücks, dass es endlich so weit ist!«, beruhigt Madrich Alex aus Berlin beunruhigte Blicke.

»Es ist ein Ereignis, das Generationen geprägt hat«, sagt »Mr. Jewrovision« Marat Schlafstein, Leiter des Referats Jugend und Gemeinden beim Zentralrat der Juden und zuständig für die Organisation der Jewro, wie Fans sie zärtlich nennen. »Mittlerweile stehen Kinder auf der Bühne, die kein Leben ohne Jewrovision kennen«, freut sich Schlafstein. »Eltern müssen den Osterurlaub umbuchen, weil die Kinder lieber zur Jewro wollen. Das flasht mich selbst!«

Und plötzlich stellen Teenager-Mädchen mal eben Beyoncé in den Schatten.

Fast ebenso intensiv wie die Show, wenn auch auf ganz anderer Ebene, waren der Schabbatgottesdienst und die Hawdala des Mini-Machane. Die Gebete waren besonders eindringlich beim wohl größten und glücklichsten Kiddusch in ganz Deutschland an diesem Abend. Und die Party zum Schabbat­ausgang tobte, nachdem Schlafstein den mehr als 1200 Anwesenden mitgab: »Das ist euer Zeichen nach innen und außen! Wir sind da! Wir sind stolz! Und alle sollen uns hören und sehen!«

Für Talia (14) von Olam Berlin war es die erste Jewrovision, und sie ist schockverliebt. »Man fühlt sich sofort daheim! Da ist diese Verbundenheit!« Auch für ihre Freundin Sabina (15) war es hochemotional: »Wir wollen alle das Gleiche: Frieden, und dass wir einfach so leben können, wie wir sind!« Und genau das sei die Jewrovision, das Zusammensein: »Dafür singen wir. Unsere Religion verbindet«, fügt Rosa (14) hinzu. Hier fühle man sich nicht mehr allein, »man hat ein Volk hinter sich, eine Familie!«, sagt Sabina und strahlt mit Talia um die Wette.

Trotz Zuckerrausch und Ausgelassenheit, die Toten und die Geiseln sind stets präsent

»Seit dem 7. Oktober ist es sehr wichtig für uns, das jüdische Leben zu feiern. Und es ist etwas ganz Besonderes, dabei sein zu dürfen!«, sagt Madricha Simone aus Dortmund und bringt das Gespräch auf das, was alle trotz des irren Glücks doch im Hinterkopf haben, den 7. Oktober 2023. Bei aller Freude, Zuckerrausch und Ausgelassenheit, die Toten und die Geiseln sind hier. Das ist in jedem Act zu sehen und in vielen Gesprächen zu hören. Vor allem auch am Schabbat, als in Workshops nicht nur Sport und Gesang, sondern auch Stress und Widerstand gegen Antisemitismus Themen sind.

»Ich fühle mich jetzt sicherer«, sagt Anastasia vom Juze Emuna Dortmund hinterher. »Das ist ganz anders als zu Hause«, freut sich Levi von Elef Drachim Saarbrücken. »Wir sind in einer fremden Stadt, und wir sind alle Juden. Das ist einzigartig.«

Als die Jury – unter anderem mit den Popstars Mike Singer und Mateo von Culcha Candela – sich am Sonntagabend schließlich für eine Stunde zurückzieht, sorgt der israelische Publikumsliebling Stéphane Legar für Stimmung im Saal. Dann werden auch schon die Gewinner bekannt gegeben: Halev Stuttgart gewinnt mit dem Black-Eyed-Peas-inspirierten »Wir sind Menschen«. Platz zwei geht an We.Zair Westfalia, gefolgt von JuJuBa. Und »Special Prizes« gibt es auch: Der für den besten Text geht an Emet Nürnberg feat. Am Echad Bayern. JuJuBa überzeugt mit dem besten Gesang und der besten Performance. Amichai Frankfurt präsentiert sich mit dem besten Bühnenbild. Und Halev Stuttgarts Ode an die Freundschaft gewinnt in der Kategorie bestes Video.

Wer nun allerdings bei denen ohne Preis Enttäuschung oder gar Neid erwartet, irrt sich gewaltig. Gewonnen haben alle, so die einhellige Meinung. »Bei der Jewro fließen Tränen, es wird zusammen gebetet und gegessen, gestritten und getanzt und noch vieles mehr. Es ist wie eine Art Familientreffen«, sagt Zentralratspräsident Josef Schuster zum Abschluss. »Alle Teilnehmer haben Außergewöhnliches geleistet und gehen mit einem erhabenen Gefühl nach Hause.« Denn das Wichtigste ist: »Am Israel Chai!«

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