Ruhrgebiet

Gute Ausstrahlung

Markant: Die Außenfassade der Bochumer Synagoge zieht die interessierten Blicke auf sich. Foto: attentione

»Wir sind damit von null auf hundert geschossen«, sagt Judith Neuwald-Tasbach. Dann überlegt die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen kurz und schiebt nach: »Na ja, vielleicht nicht ganz von null, aber es hat uns viel gebracht.« Gemeint ist der Neubau der Synagoge in der Ruhrgebietsstadt. Im Februar 2007 eröffnete das Gebäude an der Georgstraße. Davor, wie auch danach, wurde in den Nachbarstädten ebenfalls gefeiert: In Duisburg, Recklinghausen und Bochum entstanden oder waren vor einiger Zeit neue Gemeindezentren und Synagogen gebaut worden. Welchen Effekt die Neubauten haben, soll bei einer Tagung im Rahmen von »Ruhr.2010« vom 11. bis zum 13. Juni diskutiert werden. Die Gemeinden wissen indes längst, was sie an ihren neuen Häusern haben.

»Natürlich hat so ein Bau große Auswirkungen auf die Menschen«, betont Mark Gutkin mit einem überzeugend wirkenden Timbre. 1996 bekam die jüdische Gemeinde in Recklinghausen ihre neue Synagoge. »Damals war ich noch gar nicht in Deutschland. Aber ich weiß, wie es hier aussah. Es gab nur einen kleinen Gebetssaal«, erzählt Gutkin. Veranstaltungen konnten kaum angeboten werden. »Aber jetzt können wir wie eine normale Gemeinde arbeiten.« »Normal«, Gutkin muss selbst lachen. »So ist es.« Zur Normalität gehört es längst auch, dass nicht nur Juden die Synagoge besuchen. »Wir haben hier ungefähr 600 Mitglieder«, sagt Gutkin. Und genauso viele Gäste kommen im Jahr noch dazu. Wahrscheinlich sogar ein paar mehr.

Bekanntheit Noch besser steht es in diesem Punkt um die Gemeinden in Duisburg und Gelsenkirchen, »und vor allem in Bochum«, erklärt Manfred Keller. Dort habe der Neubau eine enorme Außenwirkung. Keller – Pfarrer im Ruhestand – bemüht sich seit Jahrzehnten um christlich-jüdische Gespräche in Westfalen. Er wird auch während der Tagung den Vortrag über die Chancen halten, die sich für die Gemeinden durch neue Synagogen ergeben. In Bochum kennt er sich besonders gut aus, und wenn er darüber spricht, dann malt er Bilder. »Die Synagoge ist hervorragend gelegen, direkt an einer Einfallstraße. Das Ensemble mit seinen drei Gebäudeteilen erhebt sich auf einem Hügel, gleich hinter dem Planetarium.« Er erzählt von der Terrasse, dem Foyer, von den sonntäglichen Kinder- und Jugendtreffs.

Hier sind immer Menschen unterwegs, Spaziergänger, und kaum einer geht achtlos am Gemeindezentrum vorbei. »Früher, in den 50ern, hat man Synagogen sehr bescheiden angelegt, dazu noch an städtebaulich eher wenig interessanten Orten. Aber die Juden hatten ihren Raum, in dem sie sich versammeln konnten«, erzählt Keller. »Und das ist der große Unterschied zu den Gebäuden, die seit den 90ern entstanden sind. Es fand eine Rückkehr in die Mitte statt.« Mitten in die Stadt, ins Leben. Manchmal auch zufällig. Als vor mehr als zehn Jahren der Grundstein für die Duisburger Synagoge gelegt wurde, war das Gebiet um den Innenhafen beinahe eine Brache. Heute ist es die schönste Flaniermeile der Stadt zwischen Rhein und Ruhr. Und das Gemeindezentrum ist ein Blickfang geworden.

Besucher Auch diese Anerkennung durch die Bürger stärkt laut Keller das Leben in der Gemeinde. »Für die Mitglieder wächst der Stellenwert der Synagoge schon dadurch, dass die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft Interesse zeigt.« Den Wert der Außenwirkung kann Judith Neuwald-Tasbach nicht in Worte fassen. »Es sind heute tatsächlich Besucherströme. Früher kam kaum jemand zu uns. Ob es Führungen sind, Veranstaltungen, Sitzungen des Jugendaussschusses der Stadt – man kommt hier mit so vielen Menschen ins Gespräch«, erklärt die Vorsitzende.

Auch »eine neue Qualität jüdischen Lebens« habe sich entwickelt. »Die Mitglieder haben Platz, um sich zu verwirklichen. So ist viel ehrenamtliche Arbeit entstanden. Das Gemeindeleben ist neu erwacht, die Menschen sind stolz auf das schöne neue Haus. Es macht Freude, zu sehen wie sie es annehmen. Das sieht man auch von außen, deshalb ist die Gemeinde in der Stadt ein geschätzter Partner geworden.«

Motor In einer wirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Rechnung wiegen diese Entwicklungen allerdings nicht die Ausgaben für Strom, Heizung, Reinigungs- und Sicherheitskräfte und all die anderen Posten auf. »Das als Gemeinde selbst einzuspielen, ist nicht möglich. Selbst wenn wir es versuchen«, räumt die Gelsenkirchenerin ein. Man sei auf die Unterstützung durch den Landesverband angewiesen. Doch habe man eben »die Chance auf eine Zukunft, in der sich die Menschen entfalten können, jüdisch leben und lernen können. Wenn wir im alten Haus geblieben wären, weiß ich nicht, ob sich das jüdische Leben überhaupt so weit entwickelt hätte, wie es das bis jetzt getan hat.«

Folgekosten Einige Kilometer weiter westlich klingt es in der Duisburger Synagoge nicht anders: »Es ist das Beste, was uns passieren konnte«, sagt Geschäftsführer Michael Rubinstein über das Gemeindezentrum am schicken Hafenarm. Doch auch hier bleibt man realistisch: »Kritik ist durchaus angebracht. Bevor man sich ein tolles Gebäude hinstellt, sollte man an die Folgekosten denken. Das machen die Architekten allerdings selten. Bei uns sind zum Beispiel die Heizkosten enorm hoch, weil wir so viele Glasflächen haben.« Doch durch die kann man immerhin von beiden Seiten auf das Leben schauen.

Dresden

Tora-Projekt wird verlängert

Mitten in Dresden wird derzeit in aller Öffentlichkeit eine Tora-Rolle geschrieben. Das Projekt soll jüdisches Leben sichtbar machen. Die Schreiberin sitzt in einem gläsernen Pavillon

 14.10.2026

Gedenken

Vier Stolpersteine erinnern in Erfurt an Familie Rosenblüth

Ein Poesiealbum bewahrte die Erinnerung an eine jüdische Mitschülerin über Generationen. Am 9. November werden in Erfurt vier Stolpersteine für Sara Rosenblüth und ihre drei Töchter verlegt

 14.10.2026

Sachsen-Anhalt

Eine Woche voller Eklats

Nach der Wahl des Landtagspräsidiums bröckelt die »Brandmauer« in der CDU weiter. Das Gedenken in Halle bot einen Vorgeschmack auf ein Land unter AfD-Regierung

von André Anchuelo  14.10.2026

Meilenstein

Endlich Batmizwa

Unsere Autorin hatte vor Kurzem ihren großen Tag. Wie sie sich darauf vorbereitet hat, was ihr Dvar Tora war und wie das Motto ihrer Party lautete, das hat sie uns erzählt

von Madeleine Prinz  13.10.2026

München

Einstimmige Zwiesprache

Kunstexperte Konrad Bernheimer stellte seine Familiengeschichte zwischen Südamerika und Deutschland in Briefen an den Vater vor

von Vivian Rosen  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026

Berlin

Guy Katz mit Margot-Friedländer-Preis ausgezeichnet

Geehrt wurden neben dem Hochschullehrer, eine Europaschule und ein Projekt des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend

 13.10.2026

Frankfurt

Vielfalt an Stimmen

Erstmals wurde der Georg-Stefan-Troller-Preis vergeben - auch an zwei Journalisten der Jüdischen Allgemeinen

von Anja Baumgart-Pietsch  12.10.2026

Berlin

Jüdische Kulturtage müssen Hauptausstellung absagen

Wegen einer Finanzierungslücke fällt die Ausstellung aus. Die Jüdische Gemeinde kritisiert die Förderentscheidung des Senats

 12.10.2026