Lörrach

Gefeiert wird später

Die Jahreszahl ist eindrucksvoll: Im Dezember 1670 kauft ein gewisser Nathan Ulmer im Gebiet der heutigen Stadt Lörrach ein Grundstück. Dies unternimmt er, um dort einen jüdischen Friedhof einzurichten. Mit dieser Willkommensgeste soll die Ansiedlung jüdischer Familien gefördert werden.

Lörrach hatte durch den Dreißigjährigen Krieg, der 22 Jahre vorher zu Ende gegangen war, genauso gelitten wie viele andere Orte auch. Außerdem versprachen sich die damaligen Landesherren von den jüdischen Kaufleuten einen wirtschaftlichen Aufschwung. Darum erließ man ihnen ein Teil des »Schutzgeldes«, das sie damals bezahlen mussten, um vor Pogromen sicher zu sein, und versprach ihnen freie Religionsausübung.

Synagogeneröffnung Diese Gesten wie auch die von Nathan Ulmer trugen vorerst allerdings keine Früchte, die damalige jüdische Bevölkerung verschwand zunächst wieder aus Lörrach. Erst Jahrzehnte später wird die jüdische Ansiedlung in der heutigen Grenzstadt dann wieder zum Thema. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, 1807/1808, kann die Gemeinde ihre erste Synagoge eröffnen. Bislang hatten sich die jüdischen Anwohner in Privathäusern zum Gebet getroffen.

Erst 50 Jahre nach der Schoa wurde in Lörrach wieder eine neue Gemeinde gegründet.


Der Zyklus von Ab- und Zuwanderung sollte sich im 20. Jahrhundert – auf allerdings viel dramatischere Art und Weise – wiederholen: Nach dem Ende der jüdischen Gemeinde im Zuge der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik dauerte es bis 1995, bis in der Grenzstadt wieder eine jüdische Gemeinde gegründet werden konnte.

2020 wäre also – historisch gesehen – ein Jubiläumsjahr gewesen mit den Fixpunkten 1670 und 1995. Doch gefeiert wurde nicht: »Leider hat Corona auch diesen Plänen einen weiteren Strich durch die Rechnung gemacht«, sagt Rabbiner Moshe Flomenmann, Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Lörrach und badischer Landesrabbiner.

Aus dem geplanten großen Jubiläumfest konnte pandemiebedingt nichts werden. Doch immerhin gab es im Hebelsaal des Dreiländermuseums einen Medientermin, in dessen Verlauf Rabbiner Flomenmann Markus Moehring, dem Museumsleiter, einen Siddur aus dem 18. Jahrhundert übergab. Dieses Gebetbuch war einst in Karlsruhe, also auch in Baden, gedruckt worden.

Neugründung »Den Ort, also den Hebelsaal im Museum, wählten wir auch aus historischen Gründen«, erklärte Flomenmann weiter. Denn die Neugründung der Gemeinde vor 25 Jahren habe genau in diesem Saal stattgefunden.

Das Gebetbuch soll ebenso im Museum, das historisch-volkskundliche Alltagsobjekte, Archivalien und Kunstwerke ausstellt, seinen Platz finden wie eine Megillat Esther, die noch 1938 aus der Synagoge gerettet werden konnte, sowie ein Sederteller. Gegenstände, die das Museum bereits besitzt. Der Volkskundler Markus Moehring hat sich in zahlreichen Forschungen auch mit der Geschichte der jüdischen Minderheit in der Grenzstadt befasst.

Eine Diskussion über Antisemitismus an Schulen wird Beitrag zum Jubiläumsjahr sein.

Die beiden historischen Jubiläen konnten also nicht gefeiert werden. Und wegen Covid-19 finden zurzeit auch keine Gottesdienste in der Synagoge statt, auch wenn diese von der Regierung grundsätzlich erlaubt sind. »Wir müssen zuerst an unsere Mitglieder denken, wir haben eben auch viele Menschen, die ziemlich alt sind, und gehen deshalb kein Risiko ein«, begründet Rabbiner Flomenmann die Vorsichtsmaßnahme.

1700-Jahr-Feier Deshalb blickt man in der Gemeinde bereits ins noch junge Jahr 2021 und hofft, dass wieder vieles möglich werden könnte. Im Rahmen des deutschlandweiten 1700 Jahr-Jubiläums will auch Lörrach seinen Teil dazu beitragen.

So plant man für den 9. März ein Online-Podium zum Thema »Antisemitismus an den Schulen«, dies im Nachgang eines entsprechenden Vorfalls an einer Lörracher Schule. Bereits zugesagt habe der Antisemitismusbeauftragte von Baden-Württemberg, Michael Blume, sagt Flomenmann.

Und nach einer weiteren Veranstaltung im Sommer sind im Winter rund um das Lichterfest eine ganze Reihe von Veranstaltungen vorgesehen. Unter anderem sollen auf dem Marktplatz unter prominenter Beteiligung die Kerzen einer großen Chanukkia gezündet werden, so, wie das Chabad Lubawitsch rund um die Welt bereits seit Jahren tut.

»Wir sind zuversichtlich, dass diese Chanukka-Events nicht wegen Corona abgesagt werden müssen«, gibt sich der badische Landesrabbiner optimistisch.

Tel Aviv

Irgendwie Alltag – bis zum Alarm

Eigentlich wollte Jacob Horowitz nur den Halbmarathon in Tel Aviv laufen. Doch dann begann der Krieg mit dem Iran. Wie sich die vergangenen Wochen zwischen Purim, Schutzraum und verschobener Evakuierung anfühlen, das hat er für uns aufgeschrieben

von Jacob Horowitz  12.03.2026

Sport

Vereint am Ball

Jüdische Hobby-Fußballer feiern ihre Gemeinschaft – und möchten in schwierigen Zeiten ein Zeichen setzen

von Christine Schmitt  12.03.2026

Berlin

Interaktives Projekt zur jüdischen Geschichte des Scheunenviertels

Im Scheunenviertel in Berlin-Mitte gibt es seit Mittwoch zehn Straßenmarkierungen auf Jiddisch, Deutsch und Englisch. Über ein interaktives Erinnerungsprojekt wird so an die jüdische Geschichte der Spandauer Vorstadt erinnert

von Markus Geiler  11.03.2026

Solingen

100 Porträts jüdischer Künstlerinnen im Zentrum für verfolgte Künste

Die Ausstellung erzählt von künstlerischen Lebenswegen zwischen Krieg, Verfolgung und Neubeginn, wie das Museum ankündigte

 11.03.2026

Programm

Kakaniens Kinder, Jakobs Zelte und Israels Superfood: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 12. bis zum 19. März

 11.03.2026

Hilfe

Gestrandet in Deutschland

Viele Israelis wurden im Ausland vom Beginn des Krieges mit dem Iran überrascht. Sie finden Unterstützung bei der israelischen und jüdischen Gemeinschaft vor Ort

von Joshua Schultheis  11.03.2026

Meinung

Jüdisches Leben gehört zum Ländle

Nach der Wahl in Baden-Württemberg kann die jüdische Gemeinschaft darauf vertrauen, auch künftig einen zuverlässigen Partner in der Landesregierung zu haben. Einzig das gute Abschneiden der AfD bereitet Sorgen

von Barbara Traub  11.03.2026

Berlin-Neukölln

Wer ist dieser Mann?

Er lehrte arabische Schüler die Geschichte des Holocausts, organisierte einen Austausch mit Israelis und hielt Drohungen stand. Hudhaifa Al-Mashhadanis Geschichte faszinierte die Medien, begeisterte Politiker und schenkte ihm das Vertrauen jüdischer Organisationen. Aber ist alles daran wahr?

von Mascha Malburg  11.03.2026

Berlin

150 Rabbiner am Brandenburger Tor

Ein Fototermin setzt ein Zeichen: Rabbiner zeigen, wie jüdisches Leben heute Europa prägt. Was beim Treffen sonst noch auf dem Programm steht

 11.03.2026