Jewgeni Kutikov

Für jeden hat er Rat und Tipps

Gemeindechef Jewgeni Kutikov kümmert sich. Foto: Uwe Steinert

Jewgeni Kutikov

Für jeden hat er Rat und Tipps

Der 49-Jährige ist neuer Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Potsdam e.V.

von Olaf Glöckner  26.08.2019 18:12 Uhr

Im provisorischen Gemeindedomizil, der Alten Feuerwache in der Werner-Seelenbinder-Straße, ist Jewgeni Kutikov seit Jahren fast täglich anzutreffen. Er berät spontan in juristischen, sozialrechtlichen und lebenspraktischen Fragen – so gut es eben geht. Manchmal wird die Zeit knapp. Doch niemand verlässt Kutikovs Büro ohne ein aufmunterndes Wort.

Kutikov – von vielen einfach nur »Shenja« genannt – ist der neue Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Potsdam e.V. Sein langjähriger Vorgänger Michail Tkach hat letztens seinen 80. Geburtstag gefeiert und den Staffelstab übergeben. Sie sind ein eingespieltes Team, und so bemerkt der neue Vorsitzende: »Eigentlich hat sich nichts geändert, wir haben nur die Rollen getauscht.« In kurzen Abständen klingelt das Bürotelefon. »Die Anrufe teilen wir uns natürlich auch gerecht auf«, scherzt Kutikov weiter.

Weißrussland Der 1960 im weißrussischen Gomel geborene freundliche Mann mit der ruhig-beharrlichen Klartext-Stimme lebt seit 23 Jahren in Potsdam. »Mitte der 90er-Jahre sind wir nach Deutschland gekommen, meine Eltern hatten diese Entscheidung schon vorher getroffen.« Kutikov ist – wie seine Frau Irina auch – studierter Bauingenieur und Pädagoge. Die Töchter Julia und Caroline hat es ihrerseits zur Sozialpädagogik und Medizintechnik hingezogen.

»Mit Technik habe ich auch immer noch viel zu tun«, sagt der Vorsitzende und lacht, »aber eher im Privaten. Den Bastelkeller in unserer Potsdamer Wohnung möchte ich nicht missen.« Gibt es im Haushalt der Gemeindemitglieder Probleme mit Computer oder Laptop, wird Shenja gern zu Rate gezogen.

Gleich nach seiner Ankunft in Potsdam ist Jewgeni Kutikov Mitglied der Jüdischen Gemeinde geworden. In die Vorstandsarbeit ist er dann allmählich hineingewachsen. Es ist ihm fremd, sich in Szene zu setzen, doch er verfügt über ein großes organisatorisches Talent.

In seiner Gemeinde sollen sich Juden wohlfühlen, wünscht sich Kutikov.

Kutikov sieht die Gemeinde als einen Ort, an dem sich alle Potsdamer Juden wohlfühlen sollen – egal, welcher religiösen oder auch säkularen Richtung sie sich zurechnen. »Die Gemeinde ist Verein und religiöse Gemeinschaft zugleich, und natürlich verstehen wir uns als Einheitsgemeinde. Jeder Jude und jede Jüdin sind hier willkommen. Doch wie sie ihre Religion dann hier leben und gestalten wollen, ist ihre eigene, individuelle Sache.«

Aufgaben Besondere Prämissen für die Gemeindearbeit der kommenden Jahre will Jewgeni Kutikov nicht benennen. »Viele Aufgaben haben für mich gleichrangige Bedeutung«, erläutert er. »Eine gute Arbeit und Begleitung für unsere älteren Mitglieder sind beispielsweise genauso wichtig wie die Unterstützung des Jugendzentrums ›Lifroach‹.« Es ist seit Langem eine Erfolgsgeschichte und gibt den rund 400 Mitgliedern der Potsdamer Gemeinde Mut für die Zukunft.

»Hierher kommen Teenager und junge Erwachsene gleichermaßen gern. Natürlich wollen die jungen Leute einen attraktiven Zeitvertreib, dazu gehören auch Tanzen, Sport, Musik und Party. Es wird ihnen aber auch viel an jüdischer Tradition vermittelt, teilweise geschieht dies auch untereinander. Einige junge Leute besucht ›Lifroach‹ auch dann noch, wenn sie weggezogen sind, woanders studieren oder Familien gegründet haben«, erzählt Kutikov.

Viele Israelis, die es nach Berlin zog, leben in Potsdam.

Vom Zuzug zahlreicher Israelis nach Berlin profitiert auch Potsdam, denn auch hier sind einige von ihnen heimisch geworden. »Wir zählen so um die 20 israelischen Familien in der Stadt. Die meisten haben Kinder, interessieren sich für organisiertes jüdisches Leben, und zusammen mit Rabbi Nachum Presman tun wir unser Bestes, sie willkommen zu heißen.«

Synagoge Bleibt noch das ungelöste Synagogenproblem. Schon 2012 sollte ein jüdisches Bethaus in der Potsdamer Innenstadt nahe des Stadtschlosses seine Pforten öffnen. Inzwischen gibt es weitgehenden Konsens über den geplanten Bau. »Allen Beteiligten ist klar, dass wir zu einem Ergebnis kommen müssen, und der zeitliche Rahmen ist so zu halten, dass die Synagoge 2022 auch wirklich eröffnet werden kann«, sagt der Vorsitzende. »Über Details der Fassadengestaltung wird noch diskutiert.« Das Äußere soll etwas Markantes, Unverkennbares ausstrahlen. »Ich denke, wir sind da auf einem guten Weg.«

Kutikov schaut auf die Uhr. Drei Auswärtstermine stehen an. Im Flur warten Gemeindemitglieder mit dringenden Fragen. »Shenja« wird seine Mittagspause wohl wieder einmal abkürzen müssen.

Thüringen

Das Erbe der Simsons

Beim jährlichen Moped-Treffen in Suhl feiern Zehntausende den »Sound des Ostens«. Doch hinter der Kultmarke steht die Geschichte einer von den Nazis vertriebenen jüdischen Unternehmerfamilie

von Helmut Kuhn  30.07.2026

Fußball

Rot-Weiß verbindet

Vergangene Woche gründete sich mit den »FCB Chaverim« der deutschlandweit erste jüdische Fanklub des FC Bayern München

von Luis Gruhler  30.07.2026

Erinnerung

Für immer

Manchmal sind es die kleinen Dinge, von denen wir uns nie trennen würden. Wir haben Gemeindemitglieder gefragt, welche Gegenstände ihnen viel bedeuten

von Christine Schmitt  30.07.2026

Unterfranken

Dem Hass die Stirn bieten

Nach dem brutalen Angriff auf ein Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft riefen prominente Redner bei einer Mahnwache in Würzburg zum Widerstand gegen Antisemitismus auf

von Stefan W. Römmelt  30.07.2026

CSD

Vom Feiern zum Schock

Auch viele queere Jüdinnen und Juden tanzten fröhlich auf Berliner Straßen – bis der Anschlag geschah

von Christine Schmitt  29.07.2026

Lesen

Zehn Welten

Die Journalistin Anna Lutz hat Jüdinnen und Juden porträtiert und darüber ein Buch veröffentlicht. Entstanden sind Geschichten zwischen Nähe und Distanz

von Leon Stork  28.07.2026

Kino

»Das ist das Vermächtnis meines Vaters«

Alice Brauner setzt als Produzentin die Familientradition fort. Ein Gespräch über ihren neuen Film »Block 10«, Herausforderungen für Schauspieler und intensive Recherchen

von Christine Schmitt  28.07.2026

München

Vorhang auf für die Kids

Zum Start der Sommerferien führen die Kinder der Sinai-Grundschule ein Musical in englischer Sprache auf

von Luis Gruhler  28.07.2026

Worms

Ein Turm in der Erde

Seit ein paar Wochen können Besucher wieder die Mikwe besichtigen. Ein Ort mit einer langen Geschichte. Doch der Klimawandel hinterlässt seine Spuren

von Mascha Malburg  28.07.2026