Düsseldorf

Für Ausgleich und Verständnis

Am Mittwoch vergangener Woche wurde der CDU-Politiker Armin Laschet von der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf mit der Josef-Neuberger-Medaille für sein Engagement für die jüdische Gemeinschaft und seinen Kampf gegen Antisemitismus ausgezeichnet. Und dieses Engagement ist groß. In seiner Regierungszeit als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen eröffnete das Land ein Büro in Tel Aviv.

Als 2018 die Ruhrtriennale mit dem geplanten Auftritt einer antisemitischen Band für Schlagzeilen sorgte, boykottierte er das Festival und kam als erster Ministerpräsident nicht zur Eröffnung. Im selben Jahr beschloss der nordrhein-westfälische Landtag die erste aller BDS-Resolutionen, die dazu aufforderte, Antisemiten nicht mehr öffentlich zu fördern. In der Bundestagsdebatte um die Antisemitismus-Resolution Anfang November hielt Laschet eine viel beachtete Rede gegen den Antisemitismus von rechts, links und von islamischer Seite.

Einsatz um das jüdische Leben

Mit der Verleihung der Josef-Neuberger-Medaille der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf wird der immer noch höchst aktive CDU-Bundestagsabgeordnete und Mitgründer des Abraham Accords Institute in Berlin, das den Annäherungsprozess zwischen Israel und der arabischen Welt fördern will, für diesen Einsatz um das jüdische Leben ausgezeichnet.

Unter anderem Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU), Mona Neubaur (Grüne), die stellvertretende Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens, und die Europa-Abgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), die im vergangenen Jahr mit der Josef-Neuberger-Medaille ausgezeichnet worden war, nahmen an der Ehrung Laschets in der Synagoge am Paul-Spiegel-Platz teil. Als Laudator war der Sänger Peter Maffay nach Düsseldorf gekommen. Ihn verbindet eine langjährige Freundschaft mit Laschet.

Oded Horowitz, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, eröffnete den Abend.

Oded Horowitz, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, eröffnete den Abend, der musikalisch von Miriam Camerini und Manuel Buda begleitet wurde. Horowitz erwähnte die mangelnde Solidarität mit der jüdischen Gemeinde und bemängelte, dass die Kulturszene der Stadt wie fast überall zu den Verbrechen, die am 7. Oktober 2023 geschahen, geschwiegen hätte. Darüber hinaus sei es auch an der Heinrich-Heine-Universität nicht nur im Umfeld eines Camps zu antisemitischen Zwischenfällen gekommen.

Der Gemeindevorsitzende zitierte ausführlich Ahmad Mansour, der 2015 die Josef-Neuberger-Medaille erhalten hatte: »In einem Land, das auf dem Fundament gegründet wurde, dass Juden nie wieder unsicher sein sollen und Antisemitismus nie wieder toleriert wird, marschieren Islamisten und Antisemiten offen und selbstbewusst auf deutschen Straßen, um Terror gegen Juden zu feiern – und das nicht zum ersten Mal! Seit vielen Monaten, ja seit Jahren, ist jüdisches Leben in Deutschland nur noch im Verborgenen möglich.«

Mehr als ein Freund

Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt sagte in seiner Rede zu Armin Laschet, er sei mehr als ein Freund, er sei ein Bruder. »In diesem Jahr entscheidet sich die Zukunft der Juden in Europa.« Politik, Verwaltung, Polizei und Justiz würden dem wachsenden Antisemitismus in Europa nicht Herr werden, die Lage der Gemeinden sei dramatisch: »Wenn ich mich als Jude zu erkennen gebe, lebe ich gefährlich. Das dürfen wir nicht akzeptieren.«

Deutschland erlebe nicht nur eine Regierungs-, sondern auch eine Antisemitismuskrise. Peter Maffay sprach in seiner Laudatio davon, dass er in seiner Jugend in Rumänien erlebt habe, wie es sei, als Minderheit verfolgt und drangsaliert zu werden. Mit Blick auf den Krieg sagte Maffay, ohne Vergebung und Versöhnung könne es keinen Neubeginn geben. Er wandte sich an Laschet und sagte: »Ich kenne dich als einen Menschen, der sich für Ausgleich und Verständnis starkgemacht hat.«

Armin Laschet erinnerte zu Beginn seiner Rede an Josef Neuberger, der vor den Nazis aus Deutschland geflohen war, nach dem Krieg zurückkehrte, die Gemeinde in Düsseldorf mit aufbaute, in die SPD eintrat und schließlich Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen wurde. Damals waren noch viele Nazis in der Justiz tätig: »Da saßen ja nicht nur Widerständler«, sagte Laschet. Und deren Chef sei nun ein Jude gewesen. »Eine einzigartige Karriere.«

Neuberger sei ein besonderer Mensch gewesen. Johannes Rau, Angela Merkel, Rita Süssmuth und andere hätten die Josef-Neuberger-Medaille bekommen. »In dieser Reihe stehen zu dürfen, ist eine große Ehre.« Laschet erinnerte daran, dass die Schoa noch nicht lange zurückliege. Noch immer gebe es Zeitzeugen wie Margot Friedländer, und es sei wichtig, immer wieder an die Verbrechen der Nazis zu erinnern.

»Ein Jude kann sicherer in Abu Dhabi leben als in Teilen Berlins.«

Armin Laschet

Erschüttert hätte ihn, was nach dem 7. Oktober 2023 passiert sei: »Da hätte ich nun wirklich gedacht, nach einem solchen Massaker, bei dem 1200 Jüdinnen und Juden ermordet werden, brauchen wir nicht mehr zu diskutieren, hier muss doch jeder solidarisch sein.« Die Solidarität habe nicht lange gehalten. In Paris wären Hunderttausende auf die Straße gegangen, in Berlin seien es am Brandenburger Tor gerade einmal 10.000 oder 20.000 Demons­tranten gewesen. »Der Antisemitismus ist heute lebendiger als vor dem 7. Oktober.«

»Der Antisemitismus war immer da«

Es gebe unterschiedliche Formen des Antisemitismus. Bestimmte Politiker, sagte Laschet mit Blick auf die AfD, würden sagen, das Problem sei mit der Zuwanderung gekommen. Das sei falsch. »Der Antisemitismus war immer da.« Die Synagogen hätten immer geschützt werden müssen. Es gebe einen rechten Antisemitismus, einen von Teilen der radikalen Linken ausgehenden sowie einen migrantischen. Egal, wie man zu Israel stehe: »Es gibt keinen Grund, auf der Sonnenallee Süßigkeiten zu verteilen, wenn Menschen ermordet werden.«

Neu sei für ihn gewesen, dass es auch einen akademischen Antisemitismus gebe. Junge Studierende der Berliner Humboldt-Universität seien zum Auswärtigen Amt gezogen und hätten »Free Palestine from German Guilt« gerufen. »Das ist Höcke auf Akademisch.« Aber für Laschet, der im Kern ein zutiefst optimistischer Mensch ist, gibt es immer auch Hoffnung. In den Vereinigten Arabischen Emiraten würden nun die Kinder in der Schule vom Holocaust erfahren, was in der arabischen Welt bislang nicht der Fall gewesen sei.

Und in Abu Dhabi seien in einem Quartier eine Moschee, eine Kirche und eine Synagoge gebaut worden. »Jeden Samstag Schabbat und jüdisches Leben in einem arabischen Land. Ich behaupte, ein Jude kann sicherer in Abu Dhabi leben als in Teilen Berlins.«

Bildung

Mathe, Kunst, Hebräisch

Diese Woche ist die Jüdische Grundschule in Dortmund feierlich eröffnet worden. Warum entscheiden sich Eltern, ihr Kind auf eine konfessionell geprägte Schule zu schicken – und warum nicht?

von Christine Schmitt, Katrin Richter  31.08.2025

Essay

Wie eine unsichtbare Wand

Immer sind Juden irgendetwas: Heilige oder Dämonen, Engel oder Teufel. Dabei sind wir ganz normale Menschen. Warum nur gibt es immer noch Erstaunen und teils Zurückweisung, wenn man sagt: Ich bin jüdisch?

von Barbara Bišický-Ehrlich  31.08.2025

Porträt der Woche

Sprachen, Bilder, Welten

Alexander Smoljanski ist Filmemacher, Übersetzer und überzeugter Europäer

von Matthias Messmer  31.08.2025

Vor 80 Jahren

Neuanfang nach der Schoa: Erster Gottesdienst in Frankfurts Westendsynagoge

1945 feierten Überlebende und US-Soldaten den ersten Gottesdienst in der Westendsynagoge nach der Schoa

von Leticia Witte  29.08.2025

Würdigung

Tapfer, klar, integer: Maram Stern wird 70

Er ist Diplomat, Menschenfreund, Opernliebhaber und der geschäftsführende Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses. Zum Geburtstag eines Unermüdlichen

von Evelyn Finger  29.08.2025

Interview

»Physisch geht es mir gut, psychisch ist ewas anderes«

Sacha Stawski über den Angriff auf ihn und seine Kritik an Frankfurts Oberbürgermeister

von Helmut Kuhn  28.08.2025

München

»In unserer Verantwortung«

Als Rachel Salamander den Verfall der Synagoge Reichenbachstraße sah, musste sie etwas unternehmen. Sie gründete einen Verein, das Haus wurde saniert, am 15. September ist nun die Eröffnung. Ein Gespräch über einen Lebenstraum, Farbenspiele und Denkmalschutz

von Katrin Richter  28.08.2025

Zentralrat

Schuster sieht Strukturwandel bei jüdischen Gemeinden

Aktuell sei der Zentralrat auch gefordert, über religiöse Fragen hinaus den jüdischen Gemeinden bei der Organisation ihrer Sicherheit zu helfen

 27.08.2025

Gedenken

30 neue Stolpersteine für Magdeburg

Insgesamt gebe es in der Stadt bislang mehr als 830 Stolpersteine

 26.08.2025