Porträt der Woche

Für alt und jung

»Durch die Beschäftigung mit dem Tod haben sich mir die Fragen nach dem Leben neu gestellt«: Judit Marach (33) aus Hannover Foto: privat

Porträt der Woche

Für alt und jung

Judit Marach hat in einem Seniorenheim gearbeitet – heute ist sie Schulsekretärin

von Gerhard Haase-Hindenberg  29.03.2026 10:37 Uhr

Meine leibliche Großmutter stammte aus Marokko. Sie ist 1959 von dort nach Israel geflohen – nach Tiberias. Da war sie schon mit meiner Mutter und deren Zwillingsschwester schwanger. Ein halbes Jahr nach der Geburt ist sie überraschend gestorben, und die beiden Mädchen wurden in ein israelisches Kinderheim gebracht, wo sie einige Jahre lebten. Und dann kam eine Frau, die in Essen geboren war und die das Lager Bergen-Belsen überlebt hatte.

Nach der Befreiung war sie nach Eretz Israel gegangen, konnte aber selbst keine Kinder bekommen. Sie und ihr Mann haben meine Mutter adoptiert, für mich sind die beiden meine Großeltern. Durch diese Adoption bekam meine Mutter neben der israelischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Nach ihrem Militärdienst besuchte sie Deutschland, wo ihr Adoptivvater einen Bekannten hatte, der mit ihm im KZ gewesen war. Über diesen haben sich dann meine Eltern kennengelernt. Mein Vater stammte aus einer nichtjüdischen Flüchtlingsfamilie mit familiären Wurzeln in Ostpreußen und Schlesien. Er selbst wurde noch in Danzig geboren. Sie haben dann Mitte der 80er-Jahre in Hannover geheiratet, wo ich 1993 zur Welt kam.

Ich bin interreligiös aufgewachsen, wir wohnten gegenüber einer Kirche. Dementsprechend war der Ort des Glaubens für mich als Kind lange Zeit ein christliches Gotteshaus. Damals gab es ja nur wenige und oft kleinere jüdische Gemeinden als heute. Ich muss wohl schon acht Jahre alt gewesen sein, als meine Mutter mich einmal zu Sukkot in die Synagoge in der Haeckelstraße mitnahm. Das war für mich das allererste Mal. Ein paar Jahre zuvor war in Hannover in einer Büroetage die Liberale Jüdische Gemeinde gegründet worden.

Dorthin gingen wir dann, und ich bin als Mädchen da so reingerutscht. Bald habe ich es immer mehr als »mein Zuhause« empfunden. Mit zehn Jahren bin ich erstmals auf Machane gewesen. Das wurde von »Netzer«, der Jugendorganisation der »Union progressiver Juden« (UpJ), organisiert. Die Zeit dort bedeutete für mich eine große Reizüberflutung, vor allem wurde sehr viel Russisch gesprochen. Trotzdem war das Machane für mich faszinierend, und ich lernte die verschiedenen Brachot und viele Rituale kennen, die wir zu Hause nicht praktizierten.

Für viele der anderen Kinder war das nicht so neu wie für mich, denn sie waren komplett jüdisch aufgewachsen. Sie kannten es auch nicht, zu Weihnachten und Ostern in die Kirche zu gehen, was in meinen frühen Jahren für meine Familie normal war. Nun also war ich auf Machane und hatte mit anderen jüdischen Kindern Spaß. Im Jahr darauf habe ich bei Rabbinerin Alisa Bach den Batmizwa-Unterricht mitgemacht. Da war für mich schon klar, dass das Judentum meine Religion ist.

Ich versuche einfach ein guter Mensch zu sein – hier in diesem Leben und an jedem Tag.

Der Unterricht fand am Freitagnachmittag statt, sodass man schon eine sehr plausible Ausrede gebraucht hätte, nicht an der anschließenden Kabbalat Schabbat teilzunehmen. Es wurde zu einer Selbstverständlichkeit, beim Gottesdienst dabei zu sein und auch an den Feiertagen. Und mit meiner Batmizwa wurde ich schließlich auch ganz offiziell ins Judentum aufgenommen.

In allen Schulen, die ich aufgrund unserer Umzüge besuchte, hatte ich ausschließlich nichtjüdische Freunde. Als ich anfing, meine jüdische Identität zu entwickeln, war ich auf einer Schule mit einem sehr hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund. Seit der 6. Klasse trug ich einen ganz klassischen silbernen Davidstern. Damals gab es noch kaum Reaktionen darauf. Erst ab dem Alter von 14 Jahren wurde ich öfter mal gefragt, ob ich Jüdin sei. Aus Angst habe ich das dann immer verneint.

Zwei Jahre zuvor war ich noch auf einer anderen Schule, und dort hatte ich die Klasse zu meiner Batmizwa eingeladen. Ein Teil ist auch gekommen. Sie haben sich hinterher beschwert, dass sie während der Amida so lange stehen mussten. Aber die anschließende Feier fanden sie ganz cool. Nun war das eine sehr große Batmizwa, zu der neben der Gemeinde auch meine Familie aus Israel und teilweise auch die nichtjüdische Familie meines Vaters gekommen waren.

Eigentlich wollte ich nach der Realschule gern Hebamme werden. Da war ich 17 Jahre alt und hätte, um mit der Ausbildung beginnen zu können, ein Jahr überbrücken müssen. Das wollte ich mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) in einer Suchtklinik machen, aber man nahm mich nicht. Das war sehr enttäuschend, und ich musste eine Alternative suchen. Ich dachte mir, der Hebammenberuf gilt ja dem Anfang des Lebens, dann könnte ich mich ja vorher auch mal dem Ende des Lebens widmen. So begann ich eine dreijährige Ausbildung zur Altenpflegerin. In diesem Bereich konnte ich nämlich sofort anfangen.

Ich hatte ein sehr tolles Kollegium, und weil ich so jung war, wollten mir alle viel beibringen. Einige Jahre habe ich dann für die Diakonie gearbeitet und später auch im jüdischen Seniorenheim in Hannover. Ich war sehr glücklich in diesem Beruf. Früher hatte ich immer eine unfassbare Angst vor dem Sterben und dem Tod. Nun war dies ein ganz selbstverständlicher Teil meines Alltags geworden. Ich habe dem Thema Tod gegenüber geradezu eine Faszination entwickelt und mich mit den Zeremonien der verschiedenen Religionen beschäftigt.

Vor diesem theoretischen Hintergrund stellte sich mir die ganz praktische Frage: Was kann ich tun, um die Menschen auf diesem letzten Weg zu begleiten? Mich beschäftigten auch die Rituale danach, also wie die verschiedenen Religionen mit Trauer umgehen. Im Judentum etwa die Schiwa und später die wiederkehrende Jahrzeit als Erinnerungskultur. So bin ich auch in die Chewra Kadischa gekommen, jene Gemeinschaft, die die rituellen Vorbereitungen übernimmt.

Durch die Beschäftigung mit dem Tod haben sich mir die Fragen nach dem Leben neu gestellt. Ich weiß nicht, ob die These stimmt, wonach jeder von uns bestimmte Aufgaben im Leben hat. Ich habe mir noch keine abschließende Meinung darüber gebildet, ob wir uns nur auf einer Durchgangsstation befinden oder wirklich ins Paradies gehen.

Also versuche ich, einfach ein guter Mensch zu sein – hier in diesem Leben und an jedem Tag. Die alltäglichen Mizwot habe ich erweitert auf Menschen außerhalb der jüdischen Bubble, auf Freunde, Bekannte oder Nachbarn, indem ich Krankenbesuche mache, Einkäufe erledige und vieles mehr.

Manchmal spricht mich jemand auf der Straße an und erzählt mir seine Lebensgeschichte. Darunter waren ganz viele Fluchtgeschichten. Ein Mann kam ursprünglich aus dem Sudan. Sein Vater hatte Geld gesammelt, damit er illegal das Land verlassen konnte. Schließlich war er auf einem der Boote gelandet, die übers Mittelmeer nach Lampedusa fuhren. Er sagte mir: »Das Meer war blau, der Himmel war blau. Ich kam mir vor, als sei ich nicht mehr auf der Welt.«

In Deutschland war er dann auch in der Pflege tätig. Das ist nur eine von vielen Geschichten. Ich widme meine Zeit diesen Menschen mit ihren unterschiedlichen Problemen, in der Hoffnung, dass es ihnen dann besser geht. Einige, mit denen ich über die sozialen Medien verbunden blieb, haben später anti-israelische und antisemitische Statements gepostet. Die habe ich dann blockiert. Der Sudanese gehörte leider auch dazu.

Aufgrund einer chronischen Erkrankung war ich den körperlichen Anforderungen der Altenpflege bald nicht mehr gewachsen. Also suchte ich mir etwas Neues und wurde schließlich bei einer Zeitarbeitsfirma Personaldisponentin für Pflegeberufe. Inzwischen arbeite ich seit zwei Jahren im Sekretariat einer Schule mit einem sehr hohen Migrationsanteil.

Da ich von der Hautfarbe her ein eher dunkler Typ bin, werde ich oft gefragt, woher ich komme. Ich sage dann immer, dass ich Deutsche sei und meine Großmutter aus Marokko stammte, was ja auch nicht gelogen ist. Allerdings habe ich noch nie gesagt, dass meine Mutter aus Israel kommt. Nun trage ich einen Davidstern als kleines Tattoo hinter dem Ohr, das sichtbar ist, wenn ich einen Zopf trage. Da habe ich schon manchmal merkwürdige Blicke bekommen. Einmal wurde ich gefragt, ob ich jüdisch sei. Und als ich »Ja« gesagt habe, folgte Schweigen.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg

Maccabiah

Momente, Medaillen, Menschen

Nach zwei Wochen ist das größte internationale Sportevent in Jerusalem erfolgreich zu Ende gegangen

von Katrin Richter  15.07.2026

Programm

100 Synagogen, zwei Chemnitzer und ein Eis am Stiel: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 16. Juli bis zum 23. Juli

 15.07.2026

Jahrhundertzeugin

Wie eine Sintiza die Nazizeit überlebte und ihre Heiterkeit rettete

Frieda Daniels ist Hochseilartistin. Sie floh als Sintiza vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten. Als 93-jährige Zeitzeugin war sie nun in Heidelberg zu Gast. Eine außergewöhnliche Lebensgeschichte

von Stefanie Ball  15.07.2026

Interview

Glaubwürdigkeit schaffen

Yuki Ronen Schmidt über die Arbeit von Miphgasch/Begegnung und die eigene Rolle in dem Bildungsarbeitsprojekt

von Pascal Beck  14.07.2026

Düsseldorf

Das Om im Schalom

Die Jüdische Volkshochschule bietet Kurse an, die Yoga und Judentum verbinden. Das Online-Angebot ist auch offen für andere Gemeinden und Interessenten

von Annette Kanis  13.07.2026

Porträt der Woche

Spezialist für Musicals

Adam Benzwi ist Amerikaner und entdeckte in Berlin die Schlager der 1920er-Jahre

von Gerhard Haase-Hindenberg  12.07.2026

Berlin

Türkisches Unternehmen »Medicana« neuer Träger vom Jüdischen Krankenhaus

Die 270-jährige Tradition des Hauses bleibe bewahrt – Kritik an der Übernahme kommt von Ver.di

 10.07.2026

Entscheidung

Halberstädter Museum für jüdische Kultur wird weiter gefördert

Im Jahr 2001 wurde das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur in Halberstadt gegründet. Zum Museum gehören die frühere Mikwe sowie die Synagoge im ehemaligen rabbinischen Lehrhaus, der Klaus. Sie bekommen weiterhin eine Förderung.

 09.07.2026

Speyer, Worms und Mainz

SchUM-Stätten feiern fünfjährigen »Welterbe-Geburtstag«

Vor fünf Jahren erhielten sie wegen ihrer wichtigen Bedeutung für das mittelalterliche Judentum den Welterbe-Titel. Nun feiern die SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz die Aufnahme auf die Unesco-Welterbeliste mit einer Veranstaltung in Speyer

 09.07.2026