Westfalen

Engagement bringt Erfolg

Mitmachen: Schüler informieren sich gegenseitig darüber, was Rechtsradikalismus, Homophobie und Antisemitismus in der Gesellschaft anrichten können. Foto: imago

Die Polynomdivision, die Bewässerungswirtschaft in Murcia, der Stemmaufschwung rückwärts in den Stütz – manchmal ist es schwer zu verstehen, was man mit dem Wissen aus der Schule im Leben anfangen soll. An mehr als 840 Lehranstalten in Deutschland wird aber etwas in den Unterricht getragen, dessen Wert in der Gesellschaft nicht zu hoch eingeschätzt werden kann: Das Projekt »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage«, das inzwischen rund 500.000 Kinder und Jugendliche kennengelernt haben, soll Rassismus, Gewalt und Mobbing zurückdrängen. Auch die Wolfhelmschule in Olfen, zwischen Dortmund und Münster, hat sich diesem Vorhaben verschrieben.

Seit 15 Jahren besteht die Initiative »Schule ohne Rassismus«. Um mitzumachen, müssen mehr als 70 Prozent der Schulangehörigen – Sekretärin, Hausmeister, Lehrer, Schüler – eine Unterschrift abgeben. In Olfen geschah das vor zehn Jahren. »Zwischendurch ist das mal ein biss- chen eingeschlafen«, sagt Bärbel Zimmer, Lehrerin an der Gesamtschule. »Das ist ja immer abhängig davon, wer aus dem Kollegium sich dafür engagieren kann und möchte.«

Und so klebt die Plakette des Projekts als Auszeichnung zwar schon seit langer Zeit an dem verwinkelten Gebäude, doch wurde die damit einhergehende Verpflichtung »erst vor drei oder vier Jahren wieder erfüllt«, so Zimmer. Ein neuer Kollege kam an die Schule und initiierte gleich mehrere Projekte. Zuletzt informierte Lehrer Bernd Baesken rund 20 Oberstufenschüler in deren Freizeit so ausführlich über rechtsradikale Symbole, Homophobie und andere Themen, dass die Jugendlichen zu ihren Mitschülern in den siebten Klassen gingen, um mit ihnen zu diskutieren und Fragen zu beantworten. Das verlief erfolgreich und wurde von den Jüngeren so gut aufgenommen, dass die Nachwuchslehrer in diesem Jahr vor den Sommerferien auch in die sechsten Klassen gehen sollen.

szene Wenn es in der Wolfhelmschule zur großen Pause klingelt, sieht es auf dem Hof zunächst aus wie gewohnt. Die Kinder toben und spielen Fangen. Doch schon bald entdeckt man einen Unterschied zu Schulen im nahe gelegenen Ruhrgebiet: Offensichtlich sind hier kaum Schüler mit Migrationshintergrund. »Das stimmt, wir sind in einer komfortablen Situation, wenn wir über das Thema Rassismus diskutieren. Denn offene Konflikte dieser Art gibt es in der Schule nicht«, sagt Bärbel Zimmer. Doch in die Köpfe einiger Jugendlicher scheint auch in Olfen rechte Propaganda bereits Einzug gehalten zu haben.

»In den mittleren Klassen tauchen hin und wieder Hakenkreuz-Schmierereien auf. Das sind oft genug sicher nur Kindereien«, meint die Lehrerin. »Aber schlimm wird es, wenn Leute von außen auf die Schüler einwirken.« Zimmer berichtet, dass sie selbst schon namentlich auf einer rechtsradikalen Internetseite erwähnt wurde, weil sie jüdische Themen im Unterricht behandelt.

Auch tauchten schon Fremde in der Nähe des Schulhofs auf und verteilten rechtsradikale Musik an die Schüler. »Und es gibt Leute, die abends nach Olfen kommen und versuchen, hier eine Szene zu etablieren. Wir wissen sogar, dass in der zwölften Klasse Schüler sitzen, die der Polizei wegen solcher Dinge namentlich bekannt sind«, berichtet Zimmer. »Hier ist es anders als in den größeren Städten. Wir müssen uns nicht mit konkreten Fällen auseinandersetzen, sondern mit einem braunen Sumpf.«

bewusstsein Durch das Projekt »Schule ohne Rassismus« und das Engagement einiger Lehrer im Unterricht hätten die Schüler allerdings bereits ein Bewusstsein dafür entwickelt, welche Parolen auf Laternen geklebt werden und was damit bezweckt werden soll.

»Viele melden sich zum Beispiel in solchen Situationen gleich und begleiten dann auch den Hausmeister, um diese Aufkleber abzukratzen«, sagt Bärbel Zimmer. Sie selbst versucht schon früh, im Unterricht den Antisemitismus zu behandeln. »Eben nicht erst in der zehnten Klasse.« Denn je jünger die Schüler seien, desto aufgeschlossener würden sie sich mit dem Thema auseinandersetzen, und man könne sie schneller dafür sensibilisieren.

Bärbel Zimmer unterrichtet Deutsch und Englisch. »Aber wer mich im Unterricht hat, bekommt gleich noch eine Geschichtslehrerin dazu«, sagt sie. Texte jüdischer Autoren haben bei ihr schon in der fünften und sechsten Klasse Platz. Mit Judith Kerrs Buch Als Hitler das rosa Kaninchen stahl kann sie einsteigen, es folgen Jakob Wassermann – und sehr oft Ruth Weiss. Die Schriftstellerin und Journalistin ist seit einigen Jahren ein häufiger Gast an der Wolfhelmschule.

Sie liest aus ihren Büchern und beantwortet die Fragen der Kinder und Jugendlichen. Auch am 28. Januar zur Feier anlässlich des Auschwitz-Gedenktags wird sie kommen. Dann mit einer besonderen Aufgabe: Sie wird die Schirmherrschaft über das Projekt »Schule ohne Rassismus« in Olfen übernehmen. Ruth Weiss wurde 1924 geboren und lebte bis zum Alter von zwölf Jahren in Deutschland. Sie hat also miterlebt, wovor man Kinder auf den Schulhöfen bewahren sollte.

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