Porträt der Woche

»Endlich mal selbst reden«

»Ob Punker oder Sportler – ich verstehe mich mit allen«: Palina Rojinski hüpft durchs Leben. Foto: Stephan Pramme

Porträt der Woche

»Endlich mal selbst reden«

Palina Rojinski arbeitet beim Fernsehen. Demnächst bekommt sie ihre eigene Show

von Alice Lanzke  03.05.2010 18:50 Uhr

Ich freue mich gerade sehr über die neue Show, die ich beim Musiksender MTV moderieren werde: Einmal in der Woche soll ich Clips präsentieren – und endlich mal selbst reden dürfen! Bei der Sendung »MTV Home«, die seit einem halben Jahr läuft, bin ich mehr die Assistentin der Moderatoren Klaas und Joko. Ich mag die beiden Jungs, und wir haben eine tolle Arbeitsatmosphäre, dennoch bin ich gespannt auf meine eigene Show. Nervosität kann man das allerdings nicht nennen, so etwas kenne ich kaum. Ich weiß nicht, ob das leichtsinnig oder mutig ist, aber ich denke vor solchen Projekten nicht viel nach. Bei mir entscheidet der Bauch.

In meinem anderen neuen Projekt, der »Crash Comedy«-Show, war ich allerdings schon ein wenig aufgeregt. Wir sind mit kleinen HD-Kameras rausgegangen auf die Straße und haben versteckt gefilmt, ohne dass die Leute es merkten. Zum Beispiel haben wir so getan, als wäre ein U-Bahn-Waggon eine Sauna – und mussten dabei völlig ernst bleiben. Wie wenn es ganz normal wäre, mit Handtuch und Badeschlappen in die U-Bahn zu steigen. Es war so schwer, nicht loszulachen! Aber es hat wirklich Spaß gemacht.

Meine Woche wird stark von der Arbeit bei MTV geprägt: Montag und Mittwoch haben wir Redaktionssitzungen, in denen wir Ideen entwickeln. Am Freitag wird dann die Sendung gedreht. Es ist zwar eine Aufzeichnung, aber wir versuchen, einen Livecharakter zu schaffen. Daher wird fast nichts wiederholt.

Seit einiger Zeit habe ich einen Blog bei »Sounds like me«. Unter dem Namen Palina Power suche ich Dinge aus, die mir gefallen, vor allem bei anderen Musikblogs, oder schreibe einfach, was ich zu sagen habe. Das beschäftigt mich fast jeden Tag.

Volksmusik Überhaupt spielt Musik eine wichtige Rolle in meinem Leben, ich höre zum Beispiel gern Klesmer und russische Volksmusik. Seit einem Jahr lege ich außerdem selbst in Clubs auf, wofür ich regelmäßig zu Hause übe. Auch mein Freund ist DJ, deswegen haben wir die ganze Ausrüstung. Er war es, der mich darauf gebracht hat. Zwar haben mir Freunde schon vorher gesagt, ich hätte einen guten Musikgeschmack, aber ohne ihn wäre es wohl ein Wunschtraum geblieben. Als DJane würde ich mich aber nicht bezeichnen, den Ausdruck finde ich furchtbar!

Wenn ich auflege – das ist ein- bis zweimal die Woche der Fall –, dann spiele ich ganz gemischte Stilrichtungen: urbanen, elektronischen House, aber auch mal Hip-Hop – eben das, was mir gefällt und vor allem die Mädels anspricht, denn die werden in den Clubs oft vernachlässigt.

Bei solchen Abenden, aber auch auf der Straße, werde ich immer öfter angesprochen und nach Autogrammen gefragt. Das finde ich unglaublich und denke: »Wie? Von mir willst du ein Foto oder eine Unterschrift haben?« Unangenehm ist mir das aber nicht – im Gegenteil: Ich finde es ganz entzückend. Mein Weg ins Fernsehen war ja nicht geplant, ich bin da eher reingerutscht. Vor MTV habe ich in einem Werbespot, Videoclips und dem Film »Männerherzen« mitgespielt. Außerdem stand ich dadurch, dass ich sehr lange rhythmische Sportgymnastik gemacht habe, schon früh in der Öffentlichkeit. Ein Kindheitstraum war es aber definitiv nicht!

ausländerbehörde Als Kind habe ich ganz andere Sachen gemacht, zum Beispiel »Ausländerbehörde« gespielt. Ich lebe seit März 1991 in Berlin, wohin meine Eltern von Sankt Petersburg kamen. Eigentlich wollten wir gar nicht auswandern, sondern nur deutsche Papiere für mich. Doch dann wurde meinem Vater die Jacke mit allen Dokumenten aus dem Auto geklaut. Als wir sie wiederhatten, besuchten meine Eltern bereits den Deutschkurs in der Berliner jüdischen Gemeinde. Und ich die Schule. Ich erinnere mich noch sehr gut an die vielen Behördengänge, die nötig waren, um die Papiere wiederzubekommen.

Zu dem wochenlangen Ärger mit den Ämtern kam auch noch, dass wir aus unserer Wohnung geworfen wurden: Meine Eltern gehörten zu den ersten russischen Zuwanderern und waren daher Anlaufstelle für viele, die folgten. Dementsprechend voll war es bei uns immer, und oft wurden Feste gefeiert. Nach dem Rauswurf hat uns die Gemeinde aufgenommen, meine Eltern sind Mitglieder. Wir haben dann in einem Wohnheim in Schöneberg gelebt, zu dem auch ein Kindergarten gehörte mit einem Teich und Enten. Ich fand das damals unglaublich. In Russland hatte es so etwas nicht gegeben, dort waren meine Kindermöbel aus der DDR das Größte.

Mit der Auswanderung nach Deutschland wurde auch der Bezug zum Judentum in meiner Familie stärker. Für mich steht allerdings der kulturelle Aspekt im Vordergrund, weniger die Religion. Ich finde den typisch jüdischen Zusammenhalt in den Familien schön.

Meine Schwester besucht die Jüdische Oberschule. Durch sie bekomme ich viel von den Feiertagen und Bräuchen mit. Oft gehe ich auch zu den Elternabenden, da mein Deutsch besser ist als das meiner Mutter und meines Vaters. Interessant ist, worüber da diskutiert wird: Zu 80 Prozent geht es ums Essen. Das finde ich amüsant, aber sympathisch.

Ich selbst habe wegen der Sportgymnastik seit meinem zehnten Lebensjahr nicht mehr zu Hause gewohnt, sondern in verschiedenen Internaten. Deswegen habe ich auch keine Bindung zu einer bestimmten Schule. Stattdessen war ich immer das Bindeglied zwischen den Gruppierungen an der jeweiligen Schule. Ob Punker oder Sportler – ich habe mich immer mit allen gut verstanden. Das ist sicherlich etwas, das mich als Person stark geprägt hat.

karriere Im Moment geht es mir vor allem darum, das, was ich beruflich mache, weiter auszubauen. Auf jeden Fall möchte ich aber mein Studium abschließen: Ich studiere Literatur und Geschichte an der Humboldt-Universität. Außerdem will ich versuchen, meine schauspielerische Karriere voranzutreiben. Vor Kurzem hatte ich ein Casting, bei dem ich zum ersten Mal gemerkt habe, dass die Schauspielerei ein harter Beruf sein kann. Auf der anderen Seite ist er aber auch sehr vielseitig, ich mag die Arbeit und die Atmosphäre am Set.

Ich möchte im Leben immer wieder neue Dinge entdecken und glaube, dass das als Schauspielerin gut möglich ist. Man kann sich auf eine andere Weise entwickeln als etwa als Moderatorin. Genauso wird aber auch das Musikauflegen Teil meines Alltags bleiben, und vielleicht schreibe ich ja mal ein Buch.

Über so etwas mache ich mir Gedanken, wenn ich mit meiner Bulldogge Ivan spazieren gehe, zum Beispiel im Grunewald. Da lasse ich die Großstadt hinter mir und begegne stattdessen Wildschweinen und Hirschen. Das mag ich an Berlin: Die Stadt bietet unglaublich viel Abwechslung. Ich habe keinen typischen Kiez, sondern bin überall unterwegs. Ich selbst wohne in Kreuzberg, meine Eltern am Kurfürstendamm – und ich mag beides, auch wenn es ganz verschiedene Welten sind.

Ich könnte mir nicht vorstellen, irgendwo anders in Deutschland zu leben. Durch die Sportgymnastik habe ich ganz unterschiedliche Ecken des Landes kennengelernt, etwa Konstanz oder Hamburg. Das sind auch schöne Städte, ohne Frage. Aber auf Dauer würde ich dort nicht leben können, ich brauche einfach die Großstadt, die breiten Straßen und das Weite. Berlin ist ja schon kleiner als Petersburg! Aber das hat auch einen Vorteil: Hier treffe ich überall Leute, die ich kenne.

Aufgezeichnet von Alice Lanzke

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