Porträt der Woche

Eine Geschichte des Lichts

»In Israel konnte ich fast zehn Jahre hauptsächlich von meiner Kunst leben«: Roy Shapira (45) Foto: Rafael Herlich

Porträt der Woche

Eine Geschichte des Lichts

Roy Shapira ist Maler, lebt in Frankfurt und unterrichtet hebräische Kalligrafie

von Eugen El  14.09.2024 20:49 Uhr

Schon als Kind fühlte ich mich von Europa angezogen, denn die Museen, die Kultur und das Licht faszinierten mich. Es ist ganz anders als in Israel. Ich wurde 1979 in Jerusalem geboren. Sechs Monate vor meiner Geburt waren meine Eltern ins jüdische Viertel der Altstadt gezogen, wo ich zusammen mit meinen drei Geschwistern in einer säkularen Familie aufgewachsen bin. Mein Vater war zuvor schon einmal verheiratet, aus dieser Ehe stammten zwei Halbbrüder. Nach der Scheidung heiratete er dann 1974 meine Mutter.

Sie stammt ursprünglich aus Bratislava und wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in eine Familie von Schoa-Überlebenden geboren. Mein Vater ist zehn Jahre älter als meine Mutter, er wurde 1938 in einem kleinen Ort südlich von Tel Aviv geboren. Seine Eltern wanderten vor 100 Jahren aus Belarus und der Ukraine ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina ein. Dort engagierte er sich in der Jugendbewegung Hashomer Hatzair, dadurch hat er einen sehr zionistischen und sozialistischen Hintergrund bekommen.

Eine andere Zeit

Der jüdische Teil der Jerusalemer Altstadt, in dem ich aufwuchs, war während meiner Kindheit extrem pluralistisch. Es fühlte sich wie ein Kibbuz an. Es war eine andere Zeit! Mein Vater bewachte als Reservist den Zugang zur Kotel, der sogenannten Klagemauer. Als wir noch Kinder waren, schickte er uns dahin, damit wir sie berühren. Wenn die Mauer heiß ist, sagte mein Vater, dann ist Gott drin – und wenn die Kotel kalt ist, dann ist Gott weg. Wir sahen die Klagemauer von unserem Dach aus. Und dann war da der Große Bogen der Churva-Synagoge, damals noch eine Ruine. Dort spielten wir, und für meine Generation war der Große Bogen viele Jahre ein Symbol. Heute ist er Teil der 2010 wiederaufgebauten Synagoge.

Mit dem Beginn der ersten Intifada 1987 veränderte sich das Land, auch Jerusalem und die Altstadt. Ich wuchs trotz allem in einer guten Umgebung auf. Ich habe die Hanisui High School besucht – eine kleine, experimentelle Schule mit vielen Freiheiten. Man legte dort Wert auf humanistische Bildung. In der Schulzeit waren Kunst, Theater und Film meine Leidenschaft. Als Kind träumte ich davon, Filmregisseur zu werden. Erst als Jugendlicher fand ich zur Malerei. Damals dachte ich etwas naiv, dass ich als Maler im Gegensatz zum Film auf nicht so viele Menschen angewiesen sei, um meine künstlerischen Aussagen zu verwirklichen.

Wenn die Klagemauer heiß ist, sagte Vater, dann ist Gott drin. Ist sie kalt, ist er weg.

Nach meinem Armeedienst, aus dem ich wegen Augenproblemen vorzeitig entlassen wurde, hatte ich das große Glück, auf den Lehrer Elie Shamir zu treffen. Er unterrichtete an der 1997 von dem hervorragenden Künstler und Lehrer Israel Hershberg gegründeten Jerusalem Studio School. 1999 nahm ich dort als einer der Jüngsten mein Studium auf. Zwei Jahre später stieß ich zur Meisterklasse, die ich 2006 mit einem Diplom abschloss. Wir hatten dort ein intensives akademisches Curriculum mit monatelangem Zeichenunterricht, auf den dann Ölmalerei folgte. Hershberg war in New York säkular aufgewachsen, kehrte aber später als Charedi nach Israel zurück. Ich hatte viele religiöse Kommilitonen, die eine rabbinische Erlaubnis hatten, Aktmodelle zu malen.

Künstlerischer Enkel von Gustave Courbet

Wenn man so will, bin ich ein künstlerischer Enkel von Gustave Courbet. Denn die Kenntnisse, die ich bei Israel Hershberg erwarb, kamen im 19. Jahrhundert aus Frankreich in die Vereinigten Staaten, als etwa der Künstler Edgar Degas die USA besuchte. Und der wiederum war ein Vertreter der Malerei nach Courbet. Diese Art und Weise, mit Formen und Licht zu arbeiten, kam also von der französischen Schule. Von 2005 bis 2008 erhielt ich ein Stipendium des Privatsammlers und Mäzens J.B. Silver. Er hatte zuvor schon einige meiner Gemälde erworben.

In dieser Zeit schloss ich mein Studium ab, arbeitete an einem größeren künstlerischen Projekt und lebte für einige Monate in Florenz und Barcelona. Schließlich verbrachte ich ein halbes Jahr in Berlin und lernte die Stadt etwas kennen. Da begann gewissermaßen meine Romanze mit Deutschland.

In Israel hatte ich fast zehn Jahre hauptsächlich von meiner Kunst gelebt. Ich wohnte damals in Jaffa, hatte Ausstellungen, verkaufte Werke und unterrichtete. Dass ich einmal nach Frankfurt kommen würde, hätte ich mir nie vorstellen können. Meiner Freundin folgend, war ich mehrmals in Deutschland zu Besuch – hauptsächlich in Berlin, wo ich mich sehr zu Hause fühlte. Einige Monate vor Beginn der Corona-Pandemie – unsere Beziehung war noch relativ frisch – wurde meiner Partnerin klar, dass sie nach Frankfurt zurückkehren musste. Und das war meine Gelegenheit. Ich hatte gute Dinge über Frankfurt gehört. Überhaupt ist Berlin nicht der richtige Ort für mich als figurativer Künstler: Diese Stadt ist sowohl künstlerisch als auch sozial experimenteller. Große Partys mochte ich ohnehin nie.

In Frankfurt hatte ich das Glück, Jutta Josepovici zu begegnen. Sie leitet die Beratungsstelle der Jüdischen Gemeinde. Viele gute Dinge sind passiert, seitdem ich sie traf. Zu dieser Zeit gab es eine Vakanz im Seniorenklub der Gemeinde, da der langjährige Kunstlehrer Ami Blumenthal verstorben war. Ich war sehr glücklich, den Kunstunterricht im Seniorenklub übernehmen zu dürfen. Das half mir bei der Akklimatisierung in Frankfurt. Seitdem versuchen wir, meine Kenntnisse der Malerei und Zeichnung mit Juttas guten Ideen und jenen vieler guter Menschen um uns herum – wie etwa Klubleiterin Inna Dvorzhak – zu verbinden.

Als Jude, der in einer säkularen Familie in Israel aufgewachsen ist, hat man eine völlig andere Perspektive auf das Judentum.

Jutta und ich entwickelten unter anderem die Idee, das Konzept eines Mal­events, bei dem die Teilnehmer ein vorgegebenes Motiv malen, auf den jüdischen Kontext zu übertragen. Daraus wurde die Malworkshop-Reihe »Zwaim Jafim«. Dort malen wir mit den Teilnehmern im Alter zwischen zwölf bis 120 Motive mit Bezug zu israelischer Kultur und jüdischen Feiertagen.

Mittlerweile hat der Zentralrat der Juden eine Förderung zugesagt, damit wir das Konzept auch anderen Gemeinden zur Verfügung stellen können. Ich hoffe, behilflich sein und auch anderen Künstlern begegnen zu dürfen. Zusätzlich zu den Malkursen unterrichte ich hebräische Kalligrafie an der Jüdischen Volkshochschule.

Nähe zur jüdischen Tradition

Als Jude, der in einer säkularen Familie in Israel aufgewachsen ist, hat man eine völlig andere Perspektive auf das Judentum. Ich konnte viel Nähe zur jüdischen Tradition spüren und zugleich Abstand halten. Als Kind musste man in Israel die Tora und ihre Geschichten lernen. Mein Vater wuchs zwar in einer wenig religiösen Umgebung auf, aber er las den Tanach gern von einem historischen Standpunkt aus.

Biblische Motive und Geschichten begegnen uns auch vielfach in der Kunstgeschichte. Das fasziniert mich immer wieder. Als Künstler interessiere ich mich zwar für das Erzählen von Geschichten, in der Malerei geht es aber vor allem um visuelle Wahrnehmung: darum, die Geschichte des Lichts zu erzählen.

In Frankfurt fühle ich mich inzwischen sehr wohl. Ich mag die Stadt und das, was ich tue, sowie die Menschen, mit denen ich arbeite. Die Gemeinde fühlt sich wie ein Zuhause an. In meiner künstlerischen Arbeit versuche ich derweil, einen weiteren, von der Gemeinde unabhängigen Zweig aufzubauen – mit einem eigenen Atelier, Unterricht und perspektivisch vielleicht auch mit einer Aktzeichengruppe. Bei alldem versuche ich, Zeit für meine eigene Kunst zu finden. Alles in allem leben wir in wirklich komplizierten Zeiten, und ich hoffe, dass sie sich bald zum Besseren wandeln.

Aufgezeichnet von Eugen El

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