Hochzeit

Ein zweites Mal getraut

Mit Versprechen und Ring: Nur wer sich für die Chuppa entscheidet, gilt nach der Halacha als verheiratet. Foto: Gregor Zielke

»Seid fruchtbar und mehret Euch und füllet die Erde«, so steht es in der Tora. Der Mensch soll nicht allein sein, sondern heiraten, um für den Fortbestand des Lebens und des Glaubens zu sorgen. Als verheiratet gilt im Judentum aber nur das Paar, das gemeinsam unter die Chuppa getreten ist und den Segen des Rabbiners empfangen hat. »Wer zivil getraut wurde, hat zwar einen Partner, ist halachisch gesehen aber nicht verheiratet«, erklärt Rabbiner Benjamin David Soussan. Wenn ein nur standesamtlich liierter Partner stirbt, sei der Verwitwete nach jüdischem Recht nicht einmal zur Trauer verpflichtet, ergänzt der Rabbiner.

Wie enttäuschend: Da ist man behördlich beurkundet seit vielen Jahren ein Ehepaar – aber eben doch nicht so richtig. Manche Eheleute wollen das ändern und holen mitunter noch Jahrzehnte nach ihrer gesetzlichen Heirat die Chuppa nach. Zum Beispiel Paare aus der ehemaligen Sowjetunion, die in ihrer Heimat keine Möglichkeit hatten, die Ehe nach jüdischem Ritus einzugehen. Aber auch Eheleute, die zum Judentum konvertiert sind oder denen die Religion heute wichtiger ist als in jungen Jahren.

Spät entschlossen Die Erfahrungen mit solchen späten Eheschließungen sind sehr unterschiedlich. In manchen Gemeinden gab es solche Fälle noch nie: »Bisher haben bei uns nur junge Paare geheiratet«, berichtet Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Halle. Auch bei der Liberalen Jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München ist es die Regel, dass frisch Verliebte die standesamtliche Trauung gleich mit der Chuppa verbinden. Mit spät Entschlossenen hatte Rabbiner Tom Kucera es in der bayerischen Landeshauptstadt noch nie zu tun.

»Es kommt vor, dass Paare ihr jüdisches Ehegelöbnis nachholen, aber selten. Von einem Trend kann man wirklich nicht sprechen«, heißt es im Rabbinat der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund. William Wolff, Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern, konnte in zehn Jahren nicht mehr als zwei oder drei Ehepaare aus der ehemaligen Sowjetunion trauen.

»Ich glaube, die Leute wissen gar nicht, dass es so eine Möglichkeit gibt. Und viele stehen dem Judentum auch so fern, dass sie gar nicht auf die Idee kämen, sich nach jüdischem Ritus nochmal trauen zu lassen«, meint Rabbinerin Yael Deusel aus Bamberg. Immerhin konnte sie Anfang des Jahres ein Paar jüdisch verheiraten – anlässlich seiner Goldenen Hochzeit. Zivile Ehejubiläen sind ein beliebter Anlass, das Eheversprechen unter dem Hochzeitsbaldachin zu erneuern, egal, ob es sich um den 15. oder den 50. Hochzeitstag handelt.

Tradition Inwieweit die Religion bei der Entscheidung für die jüdische Zeremonie eine Rolle spielt, vermag Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky aus Düsseldorf nicht zu beurteilen. »Das Bedürfnis nach einer traditionellen jüdischen Eheschließung entsteht oft nicht aus religiösen Gründen, sondern aus einem jüdischen Gefühl heraus«, vermutet er. Landesrabbiner William Wolff teilt diesen Eindruck: »Wer die religiöse Trauung nachholt, hat das Gefühl, etwas versäumt zu haben, oder dass ihm ein Teil seines Erbes im Kommunismus weggenommen wurde.«

Zuwanderer erleben in Deutschland oft zum ersten Mal jüdisches Gemeinschaftsgefühl und jüdische Feste – auch Hochzeiten. »Das gefällt den Menschen, es bewegt sie, und sie möchten so etwas auch für sich selbst. Sie stellen fest, dass ihrer Ehe noch etwas fehlt: das Jüdische«, erklärt Aharon Ran Vernikovsky. Das gilt besonders, wenn die Eheleute Kinder haben, die dem Glauben zugewandt sind. »Oft wollen sich dann auch die Eltern stärker religiös engagieren. Manchmal möchten die Kinder, dass die Eltern jüdisch heiraten«, schildert Zsolt Balla, Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzig, seine Erfahrungen.

Emotion Die Rabbiner sind sich einig: Späte jüdische Eheschließungen sind besonders bewegend. Zsolt Balla traute Anfang dieses Jahres in einer langen Zeremonie gleich sechs gestandene zivile Ehepaare nach jüdischem Ritus. »Vorher haben alle ein bisschen Angst gehabt«, sagt der Gemeinderabbiner und lächelt. »Es war ein sehr feierliches und beeindruckendes Ereignis.« Balla hofft, dass sich im Laufe des Jahres noch drei weitere standesamtlich verheiratete Paare trauen.

Rabbiner Soussan hat in seiner Laufbahn nach eingehender Prüfung der jüdischen Identität schon viele reife Paare verheiratet. »Das war immer eine große Freude. Da sind sie zusammen alt geworden, und dann stehen sie da wie am ersten Tag und heiraten wirklich noch einmal. Oft waren sogar schon die Enkelkinder dabei. Und alle waren sehr stolz!«

Ermunterung Die Erfahrung in den Gemeinden zeigt: Wie stark das Interesse an der religiösen Zeremonie ist, hängt oft vom Engagement des Rabbiners ab. Mancher Rabbiner geht von sich aus auf Ehepaare zu und ermuntert sie zu diesem Schritt. Durchaus mit Erfolg, wie das Beispiel Leipzig zeigt.

Rabbiner Balla hat sich vorgenommen, noch mehr Gemeindemitglieder für die »wunderbare Sache« der jüdischen Eheschließung zu gewinnen. Auch Aharon Ran Vernikovsky ist »sehr dafür«, die jüdischen Hochzeitsriten nachzuholen. »Ich finde es richtig, beides zu machen: die standesamtliche und die jüdische Trauung.«

Wer sich allerdings nur für die Chuppa entscheidet, ist ebenfalls gültig verheiratet – nach halachischen Regeln. »Wenn man sich dann scheiden lassen möchte, braucht man einen ›get‹, einen jüdischen Scheidebrief – eine sehr komplizierte Sache«, warnt Rabbiner Vernikovsky. Aber wer mag an so etwas schon denken, wenn er unter den Hochzeitsbaldachin tritt?

Tu Bischwat

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