München-Schwabing

Ein Stück Hoffnung

Die letzten Worte der Tora sind noch ungeschrieben, als die neue Rolle in der Synagoge Sha’arei Zion in der Georgenstraße eintrifft. Es ist üblich, dass die finalen Buchstaben erst bei der Einweihung vom Sofer, dem Schreiber, zum Abschluss einer langen und mühevollen Arbeit mit Kiel und Tinte aufs Pergament gebracht werden.

Rabbiner Eliezer Chitrik war zu diesem Zweck eigens aus Nürnberg angereist, zuvor war die Rolle bereits fast vollendet aus Israel übernommen worden. »Vor den Augen von ganz Israel«, so schließt das 5. Buch Mose mit den hebräischen Buchstaben Aleph und Lamed. Es ist ein besonders schönes Symbol für die Spender Gerald und Hermann Rosenberg, denn die beiden Buchstaben erinnern an die Namen ihrer Eltern Oskar Ascher und Elsa Lea Rosenberg, zu deren Andenken sie sich für die Spende einer Torarolle entschieden hatten.

Aufbaugeneration der Münchner Kultusgemeinde

Oskar Rosenberg hatte das Warschauer Ghetto überlebt und gehörte Mitte der 50er-Jahre zur Aufbaugeneration der Münchner Kultusgemeinde. Er blieb in der Gemeinde noch über viele Jahrzehnte präsent und starb erst 2014 im Alter von 100 Jahren. Die Söhne Gerald und Hermann wurden in München geboren und wuchsen mit der Synagoge in der Georgenstraße auf. Gerald, selbst für einige Jahre im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde aktiv, lebt seit Langem in Tel Aviv und kam für die Feierlichkeiten zurück in die Synagoge seiner Kindertage.

Das Schreiben einer Sefer Tora ist im Judentum eine der wichtigsten Mizwot.

Seit dem Umzug der Gemeinde von der Reichenbachstraße zum Jakobsplatz bildet die 1963 eröffnete Stadtteil-Synagoge in Schwabing den am längsten durchgängig genutzten religiösen Versammlungsort der IKG. War das Gebäude bereits vor zehn Jahren glanzvoll renoviert worden, so sind von den vorhandenen Torarollen der Synagoge nur noch zwei Rollen koscher und damit für den rituellen Gebrauch geeignet. Kleine Beschädigungen, die einen Buchstaben unleserlich hinterlassen, bedeuten nämlich, dass eine Sefer Tora nicht mehr genutzt werden darf. Auch aus diesem Grund war die Ergänzung durch ein neues Exemplar dringend notwendig gewesen.

Doch das Schreiben einer Rolle geht über diesen praktischen Zweck natürlich weit hinaus. Vielmehr ist die handschriftliche Herstellung der Sefer Tora eine der wichtigsten Mizwot, gar »das Wichtigste im Judentum«, wie Gerald Rosenberg meint. Eigentlich hätte das persönliche Anliegen der beiden Brüder bereits im vergangenen Jahr Wirklichkeit werden sollen.

»Ein richtig freudiges Fest«

Die Rolle sollte noch rechtzeitig zu Hermanns 70. Geburtstag fertiggestellt werden. Dann aber kam der 7. Oktober 2023 dazwischen. »Wir haben uns daraufhin entschlossen, es so weit zu verschieben, bis sich die Zeiten einigermaßen normalisiert haben«, erklärte Gerald weiter. Denn die Einweihung »soll ein richtig freudiges Fest sein«.

Dass das gelungen war, daran ließen die Feierlichkeiten in der Georgenstraße schließlich keinen Zweifel. DJ Golan Yonathan aus Wien sorgte mit seiner Musik für die richtige Stimmung, nachdem die ersten Gebete gesprochen worden waren. Die Räumlichkeiten waren so gut gefüllt, dass die Anwesenden sich um den Tisch drängen mussten, um einen Blick auf die Rolle zu erhaschen, in der Rabbiner Chitrik die letzten Buchstaben vollendete.

DJ Golan Yonathan sorgte mit seiner Musik für die richtige Stimmung.

Danach wurden die Namen derjenigen Gemeindemitglieder ausgerufen, die symbolisch mitschreiben sollten: Sie durften Rabbiner Chitriks federführende Hand berühren und die hebräischen Worte sprechen, mit denen der Sofer seine Arbeit einleitet. Nach Gemeinderabbiner Shmuel Aharon Brodman, Rabbiner Salman Zizov und Rabbiner Israel Diskin wurde natürlich auch den Brüdern Rosenberg diese besondere Ehre zuteil.

Nachdem die Sefer Tora in ihren neuen dunklen Mantel eingerollt war und die silberne Krone nebst kleinen Glocken aufgesetzt wurden, begann der besonders feierliche Teil der Zeremonie: Wie zu Simchat Tora, das nur wenige Wochen zurücklag, wurde der Toraschrein geöffnet, um die sieben Hakafot zu tanzen, das heißt, alle Torarollen der Synagoge um die Bima, das Lesepult, zu tragen.

Entscheidung zur Finanzierung der neuen Torarolle

Der DJ drehte noch einmal besonders auf, und Slava Satanovsky, IKG-Vorstandsmitglied und Vorsitzender der Kultuskommission, führte die fröhlichen Runden an, bis die Feier sich schließlich mit dem abschließenden Festmahl ein Stockwerk weiter unten fortsetzte. In seiner frei gehaltenen, sehr persönlichen Rede berichtete Gerald Rosenberg über den Hintergrund der Entscheidung zur Finanzierung der neuen Torarolle, die sein Bruder und er gemeinsam getroffen hatten.

Auch Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, nahm an den Feierlichkeiten teil, wenn auch ganz privat. Sie zeigte sich sehr erfreut und dankbar darüber, dass in dieser »sonst so schweren Zeit ein Stück Hoffnung gefeiert« werde. Mit der neuen Schriftrolle sehe sie die Gemeinde, so Knob­loch, »im Innersten gestärkt, denn unser Glauben und unsere Traditionen werden gestärkt«. Die Feier in der Georgenstraße bleibe ihr »darum als besonders erhebender und glücklicher jüdischer Augenblick« im Gedächtnis.

Sport

Maccabiah Chai!

170 Athletinnen und Athleten sind in Israel beim größten jüdischen Sportevent – Wir stellen Ihnen sechs vor

von Katrin Richter, Helmut Kuhn  01.07.2026

Sachsen-Anhalt

»Eine offene Tür ist unsere Antwort«

Landesverbands-Geschäftsführerin Rimma Fil über wachsenden Antisemitismus, Sorgen vor der Landtagswahl und den festen Willen der jüdischen Gemeinden, sichtbar zu bleiben

von Christine Schmitt  01.07.2026

Verlegung

Magdeburg erhält 900. Stolperstein

Seit 2007 wird in Magdeburg mit Stolpersteinen an Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Die nunmehr 47. Verlegung wurde auf zwei Tage verteilt

 01.07.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 30.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Erinnerung

Kunst mit Haltung

Das musikalisch-szenische Projekt »Und dennoch morgen« der Europäischen Janusz Korczak Akademie feierte im Gasteig Premiere

von Ellen Presser  28.06.2026