Frankfurt

»Ein immenser Verlust«

Abschied: Aus Platzmangel mussten viele Frankfurter die Trauerreden auf dem Vorplatz verfolgen. Foto: Rafael Herlich

Die Stühle in der Trauerhalle aus braunem Klinkerstein auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Frankfurt sind alle besetzt. An diesem Dienstagnachmittag drängen trotzdem immer mehr Menschen in den Saal, stehen schließlich an den Wänden dicht an dicht. Sie alle wollen sich von Benjamin »Beni« Bloch verabschieden, ihn auf seinem letzten Weg begleiten.

Einige Hundert kommen in Frankfurt zur Beerdigung des langjährigen Direktors der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) zusammen. Manche verfolgen die Trauerreden auf dem Vorplatz, wo sie per Video übertragen werden. Bloch war am Samstag im Alter von 76 Jahren nach langer schwerer Krankheit verstorben.

»Beni war eine Institution, ohne die jüdisches Leben in Frankfurt, ja in Deutschland, ärmer gewesen wäre«, sagte der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Salomon Korn, in seiner Trauerrede. Er erinnerte an einen stets loyalen, zuverlässigen, engagierten und ausgleichenden Vorstandskollegen, der Konflikte auch durch seine »legendäre Benische Art« zu lösen vermochte, mit seinem »unaufdringlichen Durchsetzungsvermögen«, »Widerstand zwecklos«. Soziale Arbeit habe für Bloch bedeutet, »den Verarmten von Hilfe unabhängig machen«, würdigte Korn dessen Selbstverständnis bei seiner Tätigkeit für die ZWST.

musikzionist Seine frühsten Erinnerungen an den damals noch jugendlichen Bloch führen ihn zurück in die 50er-Jahre und ins Jugendzentrum im Frankfurter Baumweg, erzählte Korn. Bloch habe dort mit seinem Akkordeon israelische Volkslieder gespielt und sei so – ob gewollt oder nicht – ein »musikalischer Botschafter Israels« in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt gewesen. Ein »Musikzionist«, der den Takt vorgab, für Stimmung sorgte, neugierig machte auf den noch jungen Staat. Funktionen ließen sich ersetzen, sagte Korn, Menschen nicht, das mache Blochs Tod erneut deutlich. »Unser Bewusstsein sträubt sich von nun an, Benis Abwesenheit akzeptieren zu müssen.«

Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) sagte, er verneige sich »in Trauer und Dankbarkeit« vor Bloch, den er als Freund und als »ein Teil auch von meinem Großwerden« bezeichnete. Er erinnerte an dessen »anpackendes Wesen«, seine Verdienste bei der Integration neuer Mitglieder und in der Jugendarbeit sowie an die gemeinsame Zeit im Gemeinderat. »Er fehlt uns«, sagte Feldmann.

Hessens neuer Antisemitismusbeauftragter Uwe Becker war ebenfalls zur Trauerfeier gekommen.

Auch Frankfurts Kirchendezernent und neuer hessischer Antisemitismusbeauftragter Uwe Becker (CDU) nahm an der Trauerfeier teil. Abraham Lehrer, Präsident der Zentralwohlfahrtsstelle, würdigte die Lebensleistung Blochs für die ZWST. »Alles, was die ZWST ausmacht, haben wir Beni zu verdanken«, sagte Lehrer, sichtlich bewegt. Schon vor einiger Zeit habe er ihm den Titel »Mr. ZWST« verliehen.

Bloch habe seine Karriere 1974 als Jugendreferent begonnen und in dieser Funktion etwa die Machanot »fest auf zwei Beine gestellt«: moderne Pädagogik und jüdische Tradition. Bei Reisen zu den »Stätten des Grauens« in Polen habe er den Jugendlichen stets aus Briefen seines Onkels vorgelesen, die dieser in der Vorahnung seines Todes geschrieben hatte, obwohl das für Bloch selbst schmerzhaft gewesen sei.

»Beni Bloch dachte stets mit seinem jüdischen Kopf.« Abraham Lehrer

Nicht nur in der Jugendarbeit habe Bloch viel erreicht, sondern sich zudem immer wieder gefragt: Was können wir für die Bedürftigen in unseren Gemeinden tun? Die Betreuung von Schoa-Überlebenden und deren Treffpunkte hätten ihm besonders am Herzen gelegen, sagte Lehrer. Bloch habe stets »mit seinem jüdischen Kopf gedacht und gehandelt«. Manche seiner Verdienste »werden wir wohl erst in Zukunft richtig erkennen können«, sagte Lehrer. Er werde sich künftig oft die Frage stellen: »Was hätte Beni dir gesagt?«

Jugendarbeit »Sein Tod ist für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ein immenser Verlust«, sagte Zentralratspräsident Josef Schuster über Bloch. Seine Jugendarbeit habe Generationen geprägt. Er forderte, sich an Blochs Engagement auch für ältere und behinderte Menschen ein Beispiel zu nehmen. Bloch habe sich durch seinen Einsatz um die jüdische Gemeinschaft »in ganz besonderer Weise verdient gemacht«.

Wie kein anderer habe er sich für die Liebe zu Israel und zugleich für jüdisches Leben in Deutschland eingesetzt, sagte Schuster. Bloch sei dabei ein »lebendes Beispiel« gewesen, dass dies »kein Spagat« sein müsse. Der Abschied sei »auch für mich persönlich schmerzhaft«, sagte der Zentralratspräsident. »Bei der sehr kleinen Familie Schuster war Beni Bloch fast ein Familienmitglied.«

Im Namen der Zionistischen Weltorganisation (WZO) und der Jewish Agency bedankte sich WZO-Vorsitzender Avraham Duvdevani bei Bloch zunächst auf Englisch für die »tägliche« Zusammenarbeit in den vergangenen 45 Jahren: »Ohne seine Mitwirkung geschah nichts.« Duvdevani fügte hinzu, er sei auch im Namen von Hunderten Israelis gekommen, die an diesem Tag weinten, »weil wir Beni verloren haben«. Anschließend richtete Duvdevani auf Hebräisch persönliche Worte an den langjährigen Freund.

Bescheidenheit »Beni war stark, hätte er aber heute hier gestanden, hätte er selbst auch geweint«, sagte der Frankfurter Rabbiner Avichai Apel in seiner Rede. An seinem 75. Geburtstag habe er sich mit Tränen in den Augen über ein weiteres Lebensjahr mit seiner Frau Mirijam gefreut. Bloch war »groß, aber sehr bescheiden«, sagte Apel. In der Synagoge habe er immer am Rand gesessen. Er sei streng gewesen, habe aber ein Herz für alle gehabt.

Zehntausende Jugendliche, Studenten und Erwachsene haben durch Beni Bloch eine jüdische Identität gefunden.

Zehntausende Jugendliche, Studenten und Erwachsene hätten dank Bloch eine jüdische Identität gefunden. »Beni, du hast keine eigenen Kinder gehabt, wir alle sind aber deine Kinder«, sagte Apel. »Wir schulden dir viel.« Wenn man bedenke, wie produktiv jede einzelne Minute in Blochs Leben gewesen sei, wäre dieser über 120 Jahre alt geworden und nicht nur 76.

Apel erzählte auch von seiner letzten Begegnung mit Bloch am Freitagabend vor dessen Tod, als dieser »mit dem letzten Atem« noch Schabbatlieder habe singen wollen. »Aber du konntest leider nicht mehr viel singen.« Zum Abschluss und vor dem Gebet sagte Rabbiner Apel: »Jetzt bist du in der Ruhe, die du dir niemals erlaubt hättest.«

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