Gedenken

»Ein großer Aachener«

Gäste der Gedenkveranstaltung im Gemeindehaus: Oberbürgermeister Marcel Philipp, Zeitzeugen Evelina Merova, Dita Kraus und Hans Gaertner sowie Rachel Masel und Robert Neugröschel (v.l.) Foto: Jochen Mommertz

Die Jüdische Gemeinde Aachen hat am Donnerstagabend zu einer Gedenkveranstaltung anlässlich des 100. Geburtstags von Fredy Hirsch in den Saal des Gemeindehauses am Synagogenplatz eingeladen. Hirsch war am 11. Februar 1916 geboren und im März 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet worden. Gemeinderabbiner Mordechai Bohrer sprach nach der einstündigen Feier das Kaddisch.

Bis zu seinem Tod hatte Hirsch in Theresienstadt und Auschwitz jüdische Kinder geschützt und vor dem Abtransport in das Vernichtungslager Auschwitz bewahrt. Drei der Ehrengäste, die Hirsch ihr Überleben verdanken, waren eigens aus Prag und Israel zu der Feier nach Aachen gereist – Dita Kraus, Evelina Merova und Hans Gaertner. Auch Verwandte Hirschs waren nach Aachen gekommen, so seine Nichte Rachel Masel und ihr Ehemann Ari.

menschlichkeit An der Gedenkveranstaltung nahmen darüber hinaus mehr als 150 Beter, Interessierte, Schüler und Politiker teil, darunter Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU). »Ich bin sehr dankbar, dass wir in Aachen an ihn, einen bedeutenden Sohn unserer Stadt, gemeinsam erinnern können.« Hirsch wäre gestern 100 Jahre alt geworden. Für ihn sei er »ein großer Aachener«. Denn er habe »in diesem Ozean der Brutalität für etwas Menschlichkeit gesorgt«, sagte der Oberbürgermeister in seiner Gedenkrede.

Dabei sei Hirschs Leben und Wirken lange Zeit nicht bekannt gewesen. Erst die Initiatoren eines Gedenkbuchprojekts für die Aachener Opfer der Schoa waren zufällig auf den Namen Fredy Hirsch gestoßen – dank Hinweisen von Überlebenden.

Alfred »Fredy« Hirsch wurde als Sohn eines Metzgers in Aachen geboren. Er wuchs wenige Meter vom Rathaus entfernt auf. Als Jugendlicher schloss er sich der jüdischen Pfadfinderbewegung an. Hirsch war Mitglied der Jüdischen Gemeinde Aachen und in der zionistischen Jugendbewegung aktiv.

pfadfinderbund 1933 übernahm er eine leitende Funktion bei Makkabi, organisierte Sportfeste für die Kinder und Jugendlichen und leitete ab 1933 den Jüdischen Pfadfinderbund Deutschland in Düsseldorf, berichtet Friedrich Thul, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Aachen.

Nach der Machtübernahme der Nazis half Hirsch mit, so viele Kinder und Jugendliche wie möglich außer Landes zu bringen oder nach Palästina zu schicken. 1941 wurde er nach Theresienstadt deportiert und später nach Auschwitz-Birkenau.

»Fredys Botschaft ist selbst in den Extremsituationen der Grausamkeiten von Theresienstadt und Auschwitz der beharrliche Aufruf, nicht mutlos zu werden, sich nicht aufzugeben, nicht in Lähmung und Resignation zu verharren, sondern aktiv zu sein«, sagte der Oberbürgermeister. Noch »in der Hölle« habe er den »Kindern Lebensmut vermittelt«, sagte Philipp. So erreichte er etwa im KZ Theresienstadt, dass ein Kinderblock eingerichtet wurde. Zudem sei es ihm gelungen, die Lebensumstände für die Kinder ein wenig zu verbessern. Die ihm anvertrauten Kinder hätten »für ihn immer im Mittelpunkt« gestanden.

Neben den Aachener Verfassern des Gedenkbuches sind auch Schüler aktiv, die dieselbe Schule besuchen wie einst Fredy Hirsch – das Couven-Gymnasium, das damals Hindenburg-Schule hieß. Etwa zwölf Schüler haben an der Fredy Hirsch AG teilgenommen und ebenfalls recherchiert.

Einweihung Am Freitagabend wird die Mensa des Gymnasiums bei einem Festakt in »Fredy-Hirsch-Forum« umbenannt. Zu der feierlichen Einweihung wird Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung sowie stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen, erwartet.

Bereits am Nachmittag will sich die Ministerin von den Schülern ihre Berichte zu Fredy Hirsch zeigen lassen sowie die Zeitzeugen treffen, die ebenfalls an dem Festakt teilnehmen werden. Am Abend wird der Journalist und Autor Dirk Kämper ein Gespräch mit ihnen moderieren. Kämper hatte im September das Buch Fredy Hirsch und die Kinder des Holocaust über Hirschs Leben veröffentlicht.

Lesen Sie mehr in unserer nächsten Printausgabe.

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  07.04.2026

Berlin

Trauer um Rabbiner Avraham Golovacheov

Der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin ist am Montag nach schwerer Krankheit gestorben. Vor 18 Jahren war er als Chabad-Gesandter in die deutsche Hauptstadt gekommen

 07.04.2026

Porträt der Woche

Ich bin dankbar

Svitlana Petrovska überlebte die Nazis – und floh vor Putins Krieg nach Berlin

von Rob Savelberg  06.04.2026

Kahal Adass Jisroel

Platz für die Zukunft

Die Gemeinde in Berlin plant für 26 Millionen Euro ein neues Gemeinde- und Bildungszentrum

von Christine Schmitt  06.04.2026

Schwerin

Ein Denkmal für Willy

Der ehemalige Rabbiner William Wolff wird mit einer Statue geehrt

von Axel Seitz  06.04.2026

»Meet a Jew«

Viele Fragen

Marguerite und Benjamin sind zwei Freiwillige, die im Rahmen des Zentralratsprojektes mit Jugendlichen über das Judentum ins Gespräch kommen. So wie kürzlich in Spandau mit einer Box Mazzot

von Alicia Rust  06.04.2026

Jom Haschoa

Narbe gegen das Vergessen

Wir, die Nachkommen der Zeitzeugen und der Ermordeten, dürfen das Leid unserer Großeltern nicht verstecken – wir müssen dafür sorgen, dass es unseren Kindern erspart bleibt

von Eugene Korsunsky  06.04.2026

Jewrovision

Aller guten Moderatoren sind drei

Jung, dynamisch und schlagfertig: Ein Trio wird im Mai durch die Show führen

von Christine Schmitt  06.04.2026

Neukölln

Rechts und links der Sonnenallee

Ein Stadtspaziergang führt auf jüdischen Spuren durch den ehemaligen Arbeiterbezirk

von Pascal Beck  05.04.2026