Interview

»Der Kopf der Schlange wurde endlich abgeschlagen«

Armin Levy Foto: Heike Linde-Lembke

Herr Levy, am frühen Sonntagmorgen stand fest, dass Ali Chamenei bei dem gemeinsamen Angriff der USA und Israel getötet wurde. Wie haben Sie auf diese Nachricht reagiert?
Endlich erreichen uns gute Nachrichten. Meine älteste Cousine schrieb in unserer Familien-WhatsApp-Gruppe in einer alten, fast poetischen Sprache: »Es kommt eine Nachricht.« In unserer Familie bedeutet das: Etwas hat begonnen. Was in den vergangenen Tagen geschehen ist, ist bemerkenswert. Es war eine entschlossene und wirkungsvolle Aktion der USA und Israels. Für mich persönlich hat das eine tiefere Bedeutung. Ich bin ein Kind von Eltern, die jahrzehntelang unschuldig unter dem Vorwurf, »Spione für den Westen und für Israel« zu sein, inhaftiert und schließlich hingerichtet wurden. Schuschan Purim ist die Jahrzeit meiner Eltern. Nach vielen Jahren der Haft wurden sie getötet. Deshalb bringen die aktuellen Ereignisse eine spürbare Erleichterung. Es ist noch nicht vorbei. Aber der Kopf der Schlange wurde endlich abgeschlagen.

Lesen Sie auch

Wie, denken Sie, wird es nun weitergehen?
Die Regimeanhänger und auch das Regime haben keine Zukunft. Aber ich vermute, dass sie bis zur letzten Munition und bis zum letzten Soldaten kämpfen werden. Die Menschen im Iran müssen sehr vorsichtig sein, denn ich ahne, dass die kommenden Tage sicherlich sehr hart sein werden. Ich denke aber, dass Iran wieder Iran werden kann, ohne ein islamistisches Regime und auch ohne Diktatur. Bis dahin ist es sicherlich noch ein langer Weg. Wir haben noch einige Schritte, die gegangen werden müssen, bis man sagen kann: Nun kann das Land demokratisch weitergeführt werden. Die Bilder aus Israel und dem Iran, in denen feiernde und tanzende Menschen zu sehen sind, geben mir allerdings Kraft. Und ich muss sagen, dass ich mich noch nie über den Tod eines einzelnen Menschen gefreut haben, außer über diesen. Die Welt nach dem Tod Chameneis wird ein sichererer Ort sein, wenn das islamistische Regime im Iran fällt und der Weg für Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie endlich frei wird.

Was möchten Sie Kritikern der militärischen Aktion antworten, die es auch in Deutschland gibt?
Diese Kritik kommt größtenteils aus dem politisch linken Milieu. Die, die kritisieren, würden selbst nicht eine Stunde in einem solchen Land und in einer solchen Situation leben wollen. Die sitzen einfach hier, genießen Demokratie und Freiheit und – Entschuldigung, dass ich das so sage – labern. Die Menschen im Iran brauchen Freiheit, aber das verstehen linke und auch linksextreme Aktivisten nicht. Das passt nicht in deren Weltbild. Sie üben zwar Kritik, aber seit Wochen sind sie, während Iraner unter Lebensgefahr auf die Straßen gehen und protestieren, verschwunden. Jede Situation auf der Welt wird von den »Aktivisten« kommentiert, aber wenn es um das iranische Volk geht, schweigen sie, weil ein freier, demokratischer und westlicher Iran nicht in ihr Bild passt. Die 90 Millionen Menschen im Iran sind seit 47 Jahren Geisel dieses Regimes. Politische Debatte bringen keine Freiheit in Iran. Schon gar nicht, wenn es um Diktatoren geht, die das eigene Volk auf der Straße erschießen lassen und die die Proxys in der Region finanziell unterstützen. Ich denke, dass man diese Kritik der Menschen ignorieren muss. Ich habe nie in meinem Leben ein Volk gesehen, das jubelt und feiert, wenn sein Land angegriffen wird. Und Israel steht fest an der Seite der Menschen im Iran.

Vermissen Sie den Iran?
Ich trage die tiefe Sehnsucht in mir, mich endlich am Grab meiner Eltern würdevoll von ihnen verabschieden zu können. Sie liegen auf dem jüdischen Friedhof in Teheran begraben, ebenso meine Großeltern väterlicherseits – im aschkenasischen Teil, da sie aus osteuropäischen Ländern stammten. Die Verwandten mütterlicherseits ruhen auf dem historischen alten Friedhof in Isfahan. Das Erste, was ich tun würde, sobald es einen freien Iran gibt, wäre dorthin zu reisen und mich von meinen Eltern zu verabschieden.

Mit dem Hamburger sprach Katrin Richter.

Leipzig

In sichere Hände

Die Israelitische Religionsgemeinde bekommt eine hebräische Bibel von 1906 geschenkt

von Thyra Veyder-Malberg  14.03.2026

Tel Aviv

Irgendwie Alltag – bis zum Alarm

Eigentlich wollte Jacob Horowitz nur den Halbmarathon in Tel Aviv laufen. Doch dann begann der Krieg mit dem Iran. Wie sich die vergangenen Wochen zwischen Purim, Schutzraum und verschobener Evakuierung anfühlen, das hat er für uns aufgeschrieben

von Jacob Horowitz  12.03.2026

Sport

Vereint am Ball

Jüdische Hobby-Fußballer feiern ihre Gemeinschaft – und möchten in schwierigen Zeiten ein Zeichen setzen

von Christine Schmitt  12.03.2026

Berlin

Interaktives Projekt zur jüdischen Geschichte des Scheunenviertels

Im Scheunenviertel in Berlin-Mitte gibt es seit Mittwoch zehn Straßenmarkierungen auf Jiddisch, Deutsch und Englisch. Über ein interaktives Erinnerungsprojekt wird so an die jüdische Geschichte der Spandauer Vorstadt erinnert

von Markus Geiler  11.03.2026

Solingen

100 Porträts jüdischer Künstlerinnen im Zentrum für verfolgte Künste

Die Ausstellung erzählt von künstlerischen Lebenswegen zwischen Krieg, Verfolgung und Neubeginn, wie das Museum ankündigte

 11.03.2026

Programm

Kakaniens Kinder, Jakobs Zelte und Israels Superfood: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 12. bis zum 19. März

 11.03.2026

Hilfe

Gestrandet in Deutschland

Viele Israelis wurden im Ausland vom Beginn des Krieges mit dem Iran überrascht. Sie finden Unterstützung bei der israelischen und jüdischen Gemeinschaft vor Ort

von Joshua Schultheis  11.03.2026

Meinung

Jüdisches Leben gehört zum Ländle

Nach der Wahl in Baden-Württemberg kann die jüdische Gemeinschaft darauf vertrauen, auch künftig einen zuverlässigen Partner in der Landesregierung zu haben. Einzig das gute Abschneiden der AfD bereitet Sorgen

von Barbara Traub  11.03.2026

Berlin-Neukölln

Wer ist dieser Mann?

Er lehrte arabische Schüler die Geschichte des Holocausts, organisierte einen Austausch mit Israelis und hielt Drohungen stand. Hudhaifa Al-Mashhadanis Geschichte faszinierte die Medien, begeisterte Politiker und schenkte ihm das Vertrauen jüdischer Organisationen. Aber ist alles daran wahr?

von Mascha Malburg  11.03.2026