Erfurt

Die Menschen halfen einander

Blickt auf ein facettenreiches Leben zurück: Pepi Ritzmann (72) Foto: Norman Hera

Erfurt

Die Menschen halfen einander

Pepi Ritzmann über ihre Kindheit in der Gemeinde, ihre Familie und Antisemitismus. Ein Besuch vor Ort

von Blanka Weber  22.12.2025 17:04 Uhr

Gemütlich ist die kleine Küche, in der Pepi Ritzmann Zitronen-Pasta bereitet. Klassische Musik läuft im Hintergrund. Der Duft von Gewürzen und Kräutern liegt in der Luft. Wie immer: strahlendes Lächeln, offener Blick, Gäste sind willkommen, und Pepi Ritzmann zeigt ihre Welt – ihre Bücher, ihre Fotos, Bilder, die Möbelstücke und jene Kleinigkeiten, die an ihren Vater erinnern. Seit 72 Jahren lebt sie hier in der Innenstadt von Erfurt. Hinter dem Haus fließt ein Seitenarm der Gera.
31 Jahre ist es her, dass ihr Vater, Raphael Scharf-Katz, in diesem Haus starb, in dem er 1917 geboren wurde. In den 80er-Jahren war er Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Erfurt. In diesem Haus wurde 1953 auch Pepi Ritzmann geboren. An ihre Kindheit erinnert sie sich so: »Eine glückliche, unbeschwerte, liebevoll umsorgte, friedvolle Zeit mit vier Kindern in der Familie.«

Heute blickt sie auf ein facettenreiches Leben zurück. Ein Leben damals in der DDR und eben auch in der jüdischen Gemeinde. »Dabei war das Jüdischsein zunächst etwas, was für uns vier Kinder in der Familie völlig normal war, was wir aber nicht unbedingt nach außen kehrten. Es wussten nicht viele, dass wir jüdisch waren. Erst später, als mein Vater als Zeitzeuge davon in vielen Schulen erzählte, da waren wir schon zehn oder elf Jahre alt.« Raphael Scharf-Katz hatte bis 1945 mehrere Lager überlebt. Er gründete ein Fuhrunternehmen, für das ihm Amerikaner zwei Lastwagen geschenkt hatten – der Grundstein für seine zunächst kleine Firma.

Mitte der 50er-Jahre hatte die Gemeinde noch 112 Mitglieder in ganz Thüringen

»Unser Vater hat die jüdische Kultur und Tradition an uns weitergegeben, so wie er sie in seiner Familie erlebt hat. Jeden Freitag gingen wir in die Synagoge, wir feierten Purim, Pessach, Chanukka, und auch die Hohen Feiertage erlebten wir dort.« Mitte der 50er-Jahre hatte die Gemeinde noch 112 Mitglieder in ganz Thüringen, doch im Laufe der Jahre verringerte sich die Zahl auf nicht einmal 30 Mitglieder in den 80er-Jahren, erinnert sich Pepi Ritzmann.

43 Familienmitglieder wurden in der Schoa ermordet. Nur der Vater überlebte.

Vor 1945 hatte die Gemeinde 1200 Mitglieder, doch nach der Schoa kamen nur 26 Erfurter Juden zurück. »Eine Zeit, in der sich alle besonders umeinander kümmerten«, erinnert sich die heute 72-Jährige. »Wir durften alles! Unsinn machen, wir wurden immer liebevoll empfangen, die Menschen halfen einander. Für uns Kinder war das wie eine große Familie. Wir vermissten Großeltern, Tanten, Cousinen und Cousins. Doch wir Kinder wurden von der Gemeinde umsorgt, wenn der Vater unterwegs war.« Diese Fürsorge und dieses Gemeinschaftsgefühl habe sie stark verinnerlicht und sich bemüht, es an ihre Kinder weiterzugeben. Diese Kindheit, aber auch die Zeit als Jugendliche sei »eine schöne Zeit gewesen in der Gemeinde«, erinnert sie sich. »Das jüdische Leben war für uns normal, wir lernten die Gebete, aber der Hebräisch-Unterricht blieb leider in den Anfängen stecken.«

Gern denkt sie heute an die ersten jüdischen Feriencamps zurück, die Reisen dorthin per Bahn mit ihrer Tante. Das sei etwas Besonderes gewesen, und immer ging es an die Ostsee.
Ritzmanns Name stammt von Josefine und damit vom hebräischen Josepha. Sie wurde nach der Schwester ihres Vaters benannt, die den Holocaust nicht überlebt hat. Jetzt hat sie selbst zwei erwachsene Kinder. Ihr Sohn ist Künstler, die Tochter ist Anwältin – und spricht fließend Hebräisch.

Von 1987 bis 1994 leitete ihr Vater die Jüdische Gemeinde in Erfurt

»Ich musste mich immer behaupten, versuchte, Konflikte zu lösen.« Das Leben habe sie gelehrt, nach vorn zu blicken, nicht zu hadern, die Zeit zu nutzen und zu versuchen, optimistisch alle Hürden zu nehmen. Ihr Credo: »Immer schauen, wie man eine Situation verbessern kann, wie man Menschen helfen kann.« Mehr als fünf Jahrzehnte hat sie in einer großen Klinik im chemisch-analytischen Bereich gearbeitet, Abläufe koordiniert und begleitet. Aber vielleicht wäre sie auch mit einem künstlerischen Beruf glücklich geworden, denkt sie heute manchmal. Das Leben in der DDR musste jedoch funktional sein, für sie und auch für ihren Vater. Von 1987 bis 1994 leitete er die Jüdische Gemeinde in Erfurt und war damals längst schon in Rente.

»Ich erinnere mich noch gut, wie er aussah. Er war nicht sehr groß, schlank. Auch an meine leibliche Mutter erinnere ich mich, ebenso an die herzensgute Stiefmutter, die wir später hatten.« Raphael Scharf-Katz war Ende der 30er-Jahre der letzte jüdische Schüler seines Jahrgangs gewesen, der Abitur machte. Eigentlich strebte er anschließend einen Abschluss an der Technischen Hochschule in Stuttgart an. Aber es kam anders.
Zuerst wurden seine Eltern nach Krakau deportiert. Er sah sie nie wieder, ebenso wie seine Schwester und deren Familie. Er begann ein Studium in Stuttgart, musste die Hochschule aber 1938 verlassen und machte ein Praktikum in einer Krakauer Schlosserei. Alles, was er dort lernte, sollte sich beim Überleben in den späteren Lagern immer wieder als Glücksfall erweisen. Von einer einst großen Familie blieb nur er übrig. »43 enge Familienmitglieder sind umgekommen, mein Vater ist der einzige Überlebende.«

Zwei alte silberne Schabbatleuchter ihres Vaters stehen in ihrem Wohnzimmerregal

Wenn Pepi Ritzmann heute an ihren Vater denkt, gehen ihr allein beim Blick auf dessen Bücher, Notizen und Schreibtisch-Utensilien viele Gedanken durch den Kopf, vor allem aber jener: »Es kann mir keiner beantworten – warum ist es uns damals nicht gelungen, mit ihm mehr über diese schwere Zeit zu sprechen?« Zwei alte silberne Schabbatleuchter ihres Vaters stehen in ihrem Wohnzimmerregal. »Ich denke jeden Tag an ihn.«

Ein Leben ohne Kunst, Kultur und Gespräche wäre für sie nicht vorstellbar.

Auf den neuen und alten Antisemitismus heute blickt sie mit Sorge, verfolgt die politischen Statements der Parteien und nimmt sehr differenziert wahr, welche Reaktionen es gibt, welcher Zungenschlag manch einem Artikel innewohnt oder als Gedanke in einer Äußerung mitschwingt.

Was ihr Kraft gibt, ist die Musik. Vielleicht gibt es auch einen tieferen Grund dafür: Ihre einzige Tante aus dem großen Kreis der weitgehend ausgelöschten Familie war klassische Pianistin. Heute genießt Pepi Ritzmann Konzerte, wann immer es geht, besucht Lesungen, geht ins Kino. Ein Leben ohne Kunst und Kultur, steten Austausch, Gespräche und wertvolle Menschen ist für sie nicht denkbar.
Ob sie jetzt im Alter noch mehr über ihre jüdischen Wurzeln nachdenke? »Ja, obwohl mein Jüdischsein eigentlich immer präsent war. Auch den Kindern habe ich diese Werte vermittelt.«

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