Bildung

»Die jüdische Sicht stärken«

Eduard Steinberg Foto: privat

Bildung

»Die jüdische Sicht stärken«

Eduard Steinberg über den neu gegründeten Verband jüdischer Pädagogen, Ausbildung von Lehrern und Fakten statt Meinungen

von Katrin Richter  22.06.2026 17:45 Uhr

Herr Steinberg, Sie sitzen im Vorstand des »Verbands der jüdischen Lehrkräfte und in Bildung und Erziehung Tätiger in Deutschland«. Was sind Ihre Ziele?
Wir möchten einen Ort für Austausch schaffen und eine starke öffentliche Stimme sein, vor allem gegen Antisemitismus und Rassismus und gegen jegliche Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Unser An-
liegen ist es, die jüdische Perspektive nachhaltig zu stärken – in Schulen, Bildung und in den Medien, die im Unterricht genutzt werden. Wir haben gemerkt, dass in den vergangenen Jahren Perspektiven eingenommen wurden, die einfach verzerrend wirken. Außerdem möchten wir eine Interessenvertretung sein, die Kollegen, wie etwa bei der Frage nach der Feiertagsbefreiung, unterstützt und bundespolitisch vertritt.

Welche Erfahrungen aus der Praxis als Lehrer haben Sie zur Gründung motiviert?
Dass das jüdische Leben immer nur aus einer bestimmten Sparte vermittelt wird. In Geschichtsbüchern findet ein Jude immer nur dann statt, wenn er als Opfer, als Ausgegrenzter dargestellt werden soll – sei es in der Antike, im Mittelalter, während der Pest oder natürlich während der Schoa. Das bedeutet, dass Schülerinnen und Schüler jüdisches Leben nach 1945 in Deutschland überhaupt nicht kennen und wahrnehmen, weil das im schulischen Kontext keine Rolle spielt. Dazu kommt, dass immer mehr jüdische Lehrkräfte Antisemitismus seitens der Schülerschaft wie auch aus dem Kollegium erleben und kaum Unterstützung erhalten.

Was muss sich in der Ausbildung ändern?
Themen wie der Nahostkonflikt und die Geschichte Israels, die bis heute in den Medien eine zentrale Rolle spielen, müssen im Lehramtsstudium verpflichtend behandelt werden, sodass die Fachkräfte, wenn sie dann in den Schulen beispielsweise Politik unterrichten, in der Lage sind, diesen Konflikt angemessen aus unterschiedlichen Perspektiven zu vermitteln. Das ist bisher nicht so.

Warum eigentlich nicht?
Es ist ein Randthema, das vor dem 7. Oktober 2023 die Schülerinnen und Schüler kaum beschäftigt hat. Seit fast drei Jahren ist es medial sehr präsent, aber wahrscheinlich haben sich die Hochschulen und Universitäten nie wirklich Gedanken darüber gemacht, dass das im Kontext »Politik in den Schulen« relevant werden würde. Das Thema Nahost wurde mal in einigen Lehrplänen als Option aufgenommen. Mittlerweile ist aber selbst das nicht mehr der Fall.

Wie fühlen sich Schüler?
Es gibt eine sehr große Unsicherheit. Viele jüdische Kinder zeigen ihr Judentum kaum mehr öffentlich. Es gibt Kinder, die sehr interessiert sind, immer wieder nachfragen, auch hinterher, wenn sie Nachrichten gesehen haben. Manche Schüler übernehmen bestimmte Ansichten aus ihrem familiären Umfeld und verbreiten diese, ohne sie zuvor kritisch zu hinterfragen, unter ihren Freunden. Weil immer mehr Meinungen statt Fakten geteilt werden, kommt es in Schulklassen häufig zu Konfliktsituationen.

Mit dem Lehrer sprach Katrin Richter.

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