Porträt der Woche

Die Gründerin

»Meine jüdischen Aktivitäten ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben«: Gabriela Fenyes (78) Foto: Heike Linde-Lembke

Porträt der Woche

Die Gründerin

Gabriela Fenyes ist Journalistin und engagiertes Gemeindemitglied

von Heike Linde-Lembke  15.02.2026 09:41 Uhr

Ich nehme regelmäßig an den Gedenkveranstaltungen in Bergen-Belsen und Neuengamme teil. Für mich ist das Erinnern sehr wichtig, und ich denke, meine Generation hat die Verpflichtung, dies an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Meine Eltern waren Holocaust-Überlebende.

Ich bin im März 1947 in Hannover geboren, meine Schwester Eva im Dezember 1949. Unsere Eltern waren ungarische Juden. Meine Mutter wuchs in einem kleinen Ort in der heutigen Slowakei auf, ihre Jugend und Ausbildung verbrachte sie in Budapest. Sie stammte aus einer sehr großen Familie, meine Mutter war die Jüngste. Mein Vater, ein Jurist, lebte in Budapest.

Für meinen Vater, der mehr als 20 Jahre älter war als meine Mutter, war es die zweite Ehe. Seine erste Ehefrau und die beiden Töchter wurden in Auschwitz ermordet. Wie in den meisten jüdischen Familien wurde mit den Kindern nicht über die Schoa gesprochen. Trotz des Leids meiner Eltern war es ein freudiges und offenes Haus. Wir hatten immer viel Besuch. Mein Vater, der leider sehr früh starb, war nie wieder in Ungarn. Aber meine Mutter ist mit meiner Schwester und mir Anfang der 60er-Jahre nach Budapest gefahren. Dort lernten wir die wenigen Familienmitglieder kennen, die die Schoa überlebt hatten.

Meine Eltern hatten sich in Bergen-Belsen kennengelernt

Seit meiner Kindheit fuhr die ganze Familie zu den Gedenkveranstaltungen nach Bergen-Belsen, dorthin, wo die britische Armee meine Mutter am 15. April 1945 aus der NS-Gefangenschaft befreite. Meinen Vater erlöste die US Army am 10. April 1945 aus dem KZ Hannover-Ahlem, einem Außenlager von Neuengamme. Gleich danach ging er nach Hannover.

Meine Eltern hatten sich in Bergen-Belsen kennengelernt, meine Mutter war nach der Befreiung dort im DP-Camp. Mein Vater ging nach Bergen-Belsen, weil er glaubte, dort seine Familie zu finden. Wie sehr sollte er sich irren! Er hatte bereits in Hannover eine Selbsthilfegruppe für Überlebende gegründet, den »KZ-Ausschuss«, deren Präsident er viele Jahre war.

Ich komme aus einem nicht religiösen, dafür aber sehr politisch geprägten Elternhaus. Die Feiertage wurden eingehalten. Meiner Mutter war es wichtig, einen engen Kontakt zur hannoverschen jüdischen Gemeinde zu pflegen. Wir nahmen an allen Veranstaltungen teil, auch am Religionsunterricht. Es war selbstverständlich, dass ich Batmizwa hatte. 1959 war ich in Hannover das erste Batmizwa-Mädchen nach der Schoa.

Ich erinnere mich sehr genau daran. Die ganze Gemeinde war versammelt, auch viele Gäste aus dem In- und Ausland. Aber niemand von den wenigen Verwandten, die überlebt hatten, konnte teilnehmen. Es war die Zeit des Kalten Krieges, Reisen waren nicht so einfach möglich. Bei all der Freude flossen viele Tränen. Von der Gemeinde erhielt ich den Pentateuch, die fünf Bücher Mose. Die Einladungskarten wurden in Israel gedruckt, ich trug ein weißes Kleid und durfte Perlonstrümpfe anziehen. Dieser Tag ist mir unvergessen.

Und dann der Schrecken! Der Anschlag auf die Lübecker Synagoge im März 1994.

Ich war auch im Jugendzentrum meiner Heimatstadt Hannover aktiv, gründete eine Kwutzah der Zionistischen Jugend in Deutschland (ZJD) und fuhr auf deren zahlreiche Machanot. Überall begegneten wir Chawerim und Chawerot. Regelmäßig bin ich in Hannover, treffe Freundinnen und Freunde, mit denen ich in der jüdischen Gemeinde aufgewachsen bin, und immer wieder heißt es: »Weißt du noch, damals …?« Das ist sehr anrührend – und manchmal muss man vor Lachen oder Weinen die Taschentücher zücken.

Von 1971 bis 1972 lebte ich in Israel, lernte Hebräisch und arbeitete journalistisch

Nach meinem Abitur in Hannover habe ich ein zweijähriges Volontariat bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Berlin absolviert. Man wurde ins kalte Wasser geworfen. Es war die Zeit der Studenten-Unruhen, und mein Volontärskollege und ich saßen nächtelang in den Vollversammlungen, mussten darüber berichten und immer wieder aus dem Audimax zur nächsten Telefonzelle rennen, um den Text durchzugeben. Handys gab es ja noch nicht. Es war eine aufregende und lehrreiche Zeit. Von 1971 bis 1972 lebte ich in Israel, lernte Hebräisch in Jerusalem im Ulpan Etzion und arbeitete journalistisch.

1973 bin ich nach Hamburg gekommen. Mehr als 30 Jahre war ich Redakteurin beim Springer-Auslandsdienst (SAD) in Hamburg. Ich trat der Hamburger WIZO bei und bekleidete von 1988 bis 1994 ein Vorstandsamt. Ich denke sehr gern an diese Zeit zurück, an unsere stadtbekannten Basare und unsere Bälle mit prominenten Showstars. Wir haben gut Geld gesammelt, das wir dem Theodor-Heuss-Müttergenesungsheim der WIZO in Herzliya spendeten.

In diese Zeit, 1991, fiel auch meine Wahl in den Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Hamburg. Ich war die erste Frau, die in der mehr als 400-jährigen jüdischen Geschichte Hamburgs ein Vorstandsamt bekleidete. Es waren herausfordernde Zeiten, denn durch die Zuwanderung der Menschen aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion wuchs die Gemeinde um mehr als das Doppelte.

Wir gründeten Gemeinden in Kiel und Flensburg

Da die Hamburger Gemeinde auch für Schleswig-Holstein zuständig war, gründeten wir Gemeinden im nördlichsten Bundesland, beispielsweise in Kiel und Flensburg. Das war eine große Herausforderung. Es gab nicht genügend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und niemand sprach Russisch. Es war »Learning by Doing«. Unterkünfte, Wohnungen und vieles mehr mussten organisiert werden. Natürlich gab es Pannen, aber auch eine große Solidarität.

In dieser Zeit schlossen wir mit der Freien und Hansestadt Hamburg den ersten Staatsvertrag, später auch mit Schleswig-Holstein. Daneben gab es den Konflikt um den ehemaligen jüdischen Friedhof Ottensen, auf dem heute das Mercado-Einkaufszentrum steht.

Ich war fast täglich dort, Vorstandskollegen führten Gespräche mit »Atra Kadi­sha«, der Organisation, die dort demonstrierte. In der Redaktion war ich kaum. Noch heute denke ich dankbar daran, wie sehr mich meine Kolleginnen und Kollegen unterstützten, insbesondere mein damaliger Chefredakteur Cord-Christian Troebst. Es ist nicht einfach, voll berufstätig ein solches Ehrenamt auszuüben, da braucht man verständnisvolle Kollegen. Ich hatte das Glück.

Ich arbeite noch in einigen Gremien mit und schreibe ab und zu für das Gemeindeblatt »Hayom«.

Und dann der Schrecken! Der Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge im März 1994. Wir standen unter Schock, und das weltweite Entsetzen war groß. Lübecks damaliger Bürgermeister Michael Bouteiller sagte: »Lübeck wird als die Stadt in die Geschichte eingehen, in der zum ersten Mal nach 50 Jahren wieder eine Synagoge brannte.«

Am Folgetag demonstrierten 4000 Menschen unter dem Motto »Lübeck hält den Atem an« in der Hansestadt. Doch im Mai 1995 folgte der zweite Anschlag. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog kam nach Lübeck, und wir sprachen mit ihm in der Synagoge.

Bis 1999 war ich im Gemeindevorstand. Es waren herausfordernde Jahre. Sie haben mich mit vielen unterschiedlichen Menschen zusammengebracht und mir immer wieder gezeigt, was für eine Bereicherung ich erleben durfte. Beispielsweise auch, als Barbara Guggenheim, Judith Landshut und ich 2018 die Idee zu Das Jüdische Kochbuch aus Hamburg hatten, es konzipierten, die Rezepte von ehemaligen Hamburger Jüdinnen und Juden aus aller Welt erhielten, auswählten und für das Buch zusammenstellten, immer begleitet von den Geschichten der Familien, die uns diese Rezepte zur Verfügung stellten und ihre anrührenden Lebensgeschichten dazu schrieben.

Ich besuche oft Lesungen und Vorträge

Meine jüdischen Aktivitäten ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Auch wenn ich kein Amt mehr in der Jüdischen Gemeinde in Hamburg ausübe, arbeite ich noch in einigen Gremien mit und schreibe ab und zu für das Gemeindeblatt »Hayom«. Ich besuche oft Lesungen und Vorträge, beispielsweise bei den Jüdischen Kulturtagen Hamburg und insbesondere im Institut für die Geschichte der deutschen Juden, dem ich mich sehr verbunden fühle.

Zu Gottesdiensten gehe ich in die Reformsynagoge im Betsaal des ehemaligen Israelitischen Krankenhauses auf St. Pauli. Ich finde es großartig, dass dies seit einigen Jahren unter dem Dach der Einheitsgemeinde möglich ist. Das Judentum ist vielfältig mit seinen unterschiedlichen Strömungen und Meinungen, das macht es auch aus. Denn letztlich gehören wir doch alle zusammen.

Aufgezeichnet von Heike Linde-Lembke

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