Antonia Yamin

»Die eigene Meinung bilden«

»Wir machen keine Alija-Werbung«: Antonia Yamin über ihre neue Aufgabe bei Taglit. Foto: Boaz Arad

Antonia Yamin

»Die eigene Meinung bilden«

Die Reporterin wird Leiterin von Taglit Germany und will mehr jungen Juden Reisen nach Israel ermöglichen

von Mascha Malburg  28.03.2024 11:06 Uhr

Frau Yamin, viele kennen Sie als Journalistin aus dem Fernsehen, jetzt werden Sie als Leiterin von Taglit Germany eine neue Stelle antreten. Ist das eine große Umstellung?
Ja, am 1. April geht es für mich los, ich freue mich wahnsinnig. Ich kenne Taglit schon lange. Ich habe damals bei meinem Armeedienst auch die Treffen zwischen den israelischen Soldaten und den internationalen Teilnehmern organisiert. Das war für beide Seiten immer ein Highlight. Das Team von Taglit ist schon im vergangenen Sommer auf mich zugekommen, und nach dem 7. Oktober 2023 fiel dann meine Entscheidung. Nebenbei werde ich aber weiter für den israelischen Kanal 12 aus Deutschland berichten.

Taglit erhält auch Geld von der israelischen Regierung. Gefährdet diese Doppelrolle Ihre Neutralität als Journalistin?
Meine Arbeit bei Taglit und als Korrespondentin trenne ich strikt. Das funktioniert vor allem auch wegen meiner Rolle bei Kanal 12, wo ich explizit über Deutschland, also die deutsche Gesellschaft, Wirtschaft und Politik berichte – aber nicht über Israel. Und sollte es, zum Beispiel bei einem Staatsbesuch, doch einmal einen Anlass geben, Israel zu erwähnen – wer mich kennt, weiß, dass ich kein Problem damit habe, Jerusalem zu kritisieren.

Sie haben viele Jahre sowohl für das israelische Fernsehen als auch für deutsche Medien gearbeitet. Zuletzt waren Sie als Chefreporterin bei BILD. Ist es eigentlich etwas anderes, für deutsches oder israelisches Publikum zu berichten?
Ich habe ja anfangs vor allem Reportagen aus Deutschland für Israelis gemacht, zum Beispiel über Neonazis. Da haben die Israelis die Köpfe geschüttelt und sich gefragt: So etwas gibt es noch? Sind das etwa die gleichen Ideologien wie in der Schoa? Das muss man dann einordnen: Das, was ihr hier seht, sind die klassischen »alten« Nazis, und dann gibt es aber auch rechte Parteien wie die AfD, die noch einmal anders ticken. Den Zuschauern in Deutschland und sogar Kollegen wiederum musste ich nach dem documenta-Skandal erst mal erklären, was BDS eigentlich ist oder warum das, was dort zu sehen war, ganz klar antisemitisch ist. Insgesamt sind es aber immer ähnliche Themen, die die Menschen in beiden Ländern interessieren. Ich hoffe sehr, dass durch meine Arbeit die Deutschen ein bisschen mehr über Israel verstehen, und die Israelis ein bisschen mehr über Deutschland.

Auch das Thema Antisemitismus hat Sie immer wieder beschäftigt.
Es war mir immer wichtig, darüber zu berichten. Auch weil ich Deutschland, genauso wie Israel, als meine Heimat betrachte. Ich ziehe meine Tochter hier groß, sie soll hier ein selbstverständliches jüdisches Leben aufbauen können.

Sie selbst wurden mehrfach angegriffen, als Sie auf Hebräisch aus Neukölln berichteten. Auch lange vor dem 7. Oktober.
Ja, aber ich denke, der 7. Oktober hat mein Gefühl in diesem Land wirklich noch mal sehr verändert. Dass viele meiner Freunde Angst hatten, ihre Kinder danach in die Schule zu schicken, dass auch jetzt kaum mehr jemand seinen Davidstern offen trägt – alles fühlt sich so existenziell an. Es sind nicht mehr diese sogenannten Einzelfälle: Hier wurde jemand bespuckt, dort beschimpft. Sondern du hast fast das Gefühl, dass wir als Juden, alle zusammen, gerade um unser Zuhause kämpfen müssen – in Deutschland und in Israel. Gleichzeitig denke ich oft: Warum lassen wir uns das gefallen? Wenn ich in einem Taxi sitze und mein Mann anruft, antworte ich ihm auf Deutsch, obwohl wir untereinander Hebräisch sprechen. Das nervt mich selbst. Ich denke: Wir Juden und Israelis sollten uns hier doch nicht verstecken müssen. Das darf nicht sein.

Hat das auch Ihre Entscheidung mitgeprägt, bei Taglit anzufangen?
Absolut. Ich sehe, wie Juden sich weltweit zurückziehen. Junge Menschen an den Universitäten, die ihren Kommilitonen nicht mehr erzählen, dass sie Juden sind. Und wenn sie doch für sich einstehen, werden sie krankenhausreif geprügelt.

Sie waren die erste Reporterin, die Lahav Shapira interviewt hat, nachdem der FU-Student in Berlin vor einer Bar brutal geschlagen und getreten wurde.
Ich habe Lahav an dem Tag interviewt, an dem er am Gesicht operiert werden musste. Das war heftig. Ich habe mich gefragt: Was wird mit meiner Tochter, die hier in Deutschland aufwächst? Wird sie einmal hier studieren und diesem Hass begegnen? Das können wir einfach nicht zulassen. Für kein Kind unserer jüdischen Gemeinschaft.

Welche Rolle kann dabei Taglit spielen?
Die Mission von Taglit ist es, allen jungen Jüdinnen und Juden die Möglichkeit zu bieten, ihre eigene Beziehung zu Israel zu finden. Das normale Programm ist eine zehntägige Reise durch das Land, komplett geschenkt. Man hat Begegnungen mit den Israelis, mit Soldaten, mit Studenten, mit Gleichaltrigen. Unsere Teilnehmer sind zwischen 18 und 26 Jahre alt. Wer bei Taglit mitmacht, ist also reif genug, sich seine eigene Meinung zu bilden. Viele junge Juden hatten vielleicht vorher nie die Möglichkeit, dieses Land zu entdecken, zu dem sie in Deutschland viele schwierige Fragen gestellt bekommen. Nach dem Trip können sie selbstbewusst sagen: »Hey, hört mal zu, Israel ist gar nicht so, wie die Hater im Internet oder antisemitische Kommilitonen es behaupten.« Wir haben momentan ein Volontariatsprogramm, mit dem Menschen für zwei Wochen ins Kriegsland reisen und zum Beispiel bei der Ernte helfen. Dadurch erfahren auch deutsche Juden aus erster Hand, was am 7. Oktober geschehen ist, sie können selbst mit Überlebenden sprechen. Viele bestärkt es, zu sehen, dass wir als Gemeinschaft zusammenhalten, obwohl wir so verwundet wurden. Das normale Taglit-Programm rollt genau in diesen Tagen wieder an, es gibt eine Gruppe aus Deutschland, die gerade in Israel ist. Wir lassen uns nicht einschüchtern!

Taglit will junge Juden für Israel begeistern. Manche Teilnehmer entscheiden sich später, im Land zu bleiben. Steht das nicht im Widerspruch zu dem Interesse der jüdischen Gemeinden in Deutschland, hier das Judentum lebendig zu halten?
Diese Frage hat mich auch beschäftigt, aber in den Gesprächen mit meinem zukünftigen Team war schnell klar: Wir machen hier keine Alija-Werbung. Dafür wäre ich auch sicher die falsche Person. Schließlich lebe ich trotz meines israelischen Passes hier in Deutschland. Bei Taglit geht es darum, junge Menschen zu empowern, selbstbewusste jüdische Persönlichkeiten zu werden – egal wo. Ich sehe übrigens viel mehr, dass Menschen, die ihr Judentum zuvor eher versteckt haben, vielleicht auch wenig darüber wussten, nach Taglit zurückkehren und in ihrem Freundeskreis, in der Gemeinde, an der Uni stolz sagen können: »Ich bin Teil dieses Volkes, das in Israel, aber auch auf der ganzen Welt lebt.«

2017 wurde Taglit vor allem in den USA stark kritisiert, nachdem es seine Reiseveranstalter angewiesen hatte, keine Treffen mehr mit Palästinensern zu organisieren. Wie stehen Sie dazu?
Gerade sind wir in einer besonderen Situation, und es kann sein, dass die Sicherheit für solche Treffen nicht gewährleistet ist. Aber prinzipiell hat Taglit immer sehr davon gelebt, dass die Teilnehmer auch zu den verschiedenen Minderheiten Israels gereist sind, und ich finde auch Begegnungen mit Palästinensern wichtig. Die Teilnehmer sollen einen allumfassenden Blick auf das Land bekommen und so viele kritische Fragen stellen, wie sie haben. Wir reisen ja immer auch mit israelischen Soldaten umher, und dann entstehen früher oder später immer Diskussionen. Aber genau davon lebt dieser Austausch. Genau das ist Taglit.

Das Gespräch führte Mascha Malburg.

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