Porträt der Woche

Der Vermittler

»Hierzulande ist das Jüdischsein keine Selbstverständlichkeit wie in meiner Heimat New York«: Robert Ogman (46) Foto: Dominique Brewing

Gitarre und Geschrei. Das war mein Drive, als ich mit der Schule fertig war. Mit einer Punkband bin ich durch die amerikanischen Südstaaten und den Mittleren Westen gezogen. Ich wollte die Welt, die ich als gebürtiger New Yorker nicht kannte, erkunden und sie auch ein Stück weit reparieren. Zu dieser Zeit habe ich Gelegenheitsjobs angenommen, um die Miete zu zahlen – auf der Baustelle, im Callcenter und so weiter. Das eigentlich Ziel aber war es, so wenig wie möglich zu arbeiten, um mehr Zeit zum Reisen, Schreiben und zur Teilnahme an Lesekreisen zu haben.

Danach begann ich zu studieren – Soziologie, Geschichte und Philosophie an der »New School« in New York. Die 1933 gegründete »Universität im Exil« war Zufluchtsort vieler europäischer Wissenschaftler, die vor dem Nationalsozialismus geflohen waren. Ich beschäftigte mich vor allem mit dem Werk von Hannah Arendt und mit ihrer Theorie des Totalitarismus. Arendt hatte nach ihrer Flucht an der New School unterrichtet. Später absolvierte ich ein Masterstudium in Politik in Potsdam und promovierte im Fach Soziologie in England. Ich bin also als Sozialwissenschaftler und Publizist unterwegs.

Der Liebe wegen in Deutschland

Dass ich überhaupt in Deutschland gelandet bin, habe ich der Liebe zu verdanken. 2005 lernte ich meine Frau in New York kennen. Sie stammt vom Bodensee und war zum Studium in den USA. 2006 gingen wir erst einmal nach Berlin. Ich hatte mich in die Stadt verliebt. Man hörte jede Sprache auf der Straße. Die Miete konnte man sich damals noch leisten. Und Baulücken wurden von kreativen Anwohnern als Kinderspielplatz oder Party-Location neugestaltet.

Die Stadt war lebendig, und wie wichtig mir mein Judentum ist, fiel mir erst zu dieser Zeit in Deutschland auf. Ich begann, mich mit der Geschichte Berlins zu beschäftigen, und arbeitete schließlich als Stadtführer. Meist begleitete ich Familien aus dem Ausland, die Nachfahren von Holocaust-Überlebenden waren, zu Orten der jüdischen Geschichte und Gegenwart.

Zunächst erinnerte mich die multikulturelle Hauptstadt sehr an New York City, doch mit der Zeit wurden die langfristigen Auswirkungen der Schoa überdeutlich, sodass mir die Städte bald so unterschiedlich wie Tag und Nacht erschienen. Denn in New York steht gefühlt an jeder Ecke eine Synagoge. In Berlin dagegen sind die wenigen Synagogen auf Ruinen der alten Synagogen gebaut.

Hierzulande ist das Jüdischsein keine Selbstverständlichkeit. Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen. Denn die jüdischen Gemeinden befinden sich oft – so viele Jahrzehnte nach der Schoa – noch immer im Prozess des Wiederaufbaus. Das war für mich ein Kulturschock. Ich musste mich in diesem völlig anderen Kontext komplett neu orientieren. Nach dem Wegzug aus Berlin 2015 hatte ich langsam eine neue Rolle für mich gefunden, und zwar in der Bildungs- und Vermittlungsarbeit.

Dass ich überhaupt in Deutschland gelandet bin, habe ich der Liebe zu verdanken.

Wir sind nach Schwäbisch Hall gezogen, ein Ort, an dem die einstige Synagoge heute noch besichtigt werden kann. Sie steht aber nicht mehr am historischen Standort, sondern in einem Museum, in dem sie praktisch ausgestellt ist. Ein zwiespältiges Gefühl beschleicht mich dabei. Es ist eine gute Sache, die Synagoge dort zu präsentieren. Das Landjudentum gehört schließlich zur Geschichte und zum kulturellen Erbe dazu. Andererseits bekommt man vielleicht den – falschen – Eindruck, dass das Judentum vergangen sei. Das hat mich immer an den Umgang mit den Ureinwohnern in meinem Herkunftsland erinnert.

Wie geht man mit diesen Ambivalenzen konstruktiv um? Solche Fragen beschäftigen mich bis heute. Als ich dann damals als freier Mitarbeiter der Landeszentrale für politische Bildung begann, Workshops über jüdisches Leben und Antisemitismus an Schulen zu geben, hörte ich oft die Bemerkung, ich sei der erste Jude, den man bewusst kennengelernt habe. Das war für mich auch sehr neu, denn in den Gegenden, wo ich aufgewachsen bin, gehörte das jüdische Leben selbstverständlich zum Alltag. Aber man sieht im deutschen Alltag tatsächlich wenige Zeichen jüdischen Lebens.

Workshops und Vorträge

Nach den Workshops folgten regelmäßige Vorträge zu diesen Themen, und in der Corona-Zeit auch zu Verschwörungstheorien, die ich an Hochschulen und anderen Bildungsstätten gab. Für das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung hatte ich dann begonnen, Lehrkräfte fortzubilden. Wir sprachen auch in vielen Schulklassen über die Herausforderungen, dem Antisemitismus im Schulalltag entgegenzutreten.

Ein Projekt führte zum nächsten. Bald beriet ich Kommunen und Hochschulen in diesen Themenbereichen. So soll etwa in Bruchsal am Platz der alten Synagoge ein Lern- und Denkort entstehen. Ich durfte das Bildungskonzept dafür mit erstellen. Auch eine Ausstellung zur Geschichte des badischen Judentums ist dort geplant, bei der ich ebenfalls mitarbeite. Bei all diesen Projekten stelle ich immer wieder fest, wie viele tolle Initiativen es in diesem Land gibt, die ich unterstützen kann.

Ganz oft werden mir bei solchen Begegnungen oder Veranstaltungen ganz persönliche Fragen gestellt. Mit der Zeit wob ich Biografisches in meine Vorträge ein, um die Themen vielschichtig zu beleuchten. Mal ging es um die Flucht- und Auswanderungsgeschichte meiner Familie aus Polen und Rumänien Anfang des 20. Jahrhunderts sowie Fragen zum amerikanischen Judentum – ein anderes Mal um die überraschende Entdeckung neuer Verwandtschaften in Israel und mein Verhältnis zum jüdischen Staat. So kann ich einige Perspektivwechsel ermöglichen und Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt des jüdischen Alltags geben, was in den Diskursen so oft fehlt.

Zurzeit habe ich eine spannende Tätigkeit bei der KulturRegion-Stuttgart, wo ich das Projekt zum jüdischen Leben in der Region leite.

Zurzeit habe ich eine spannende Tätigkeit bei der KulturRegion-Stuttgart, wo ich das Projekt zum jüdischen Leben in der Region leite. Hier beleuchten wir die Gegenwart und Geschichte durch verschiedene Formate und verstärken auch die Vernetzung und Begegnung jüdischer und nichtjüdischer Personen in fünf Landkreisen. An mehreren Schulen unterstützen wir Jugendliche bei der Umsetzung von Filmprojekten. In einem dieser Filme geht es um die Jewrovision und den diesjährigen Erfolg des Stuttgarter Jugendzentrums »Halev«. Bei einem anderen Film begibt sich die Gruppe auf die Spuren der mittelalterlichen Synagoge in Schwäbisch Gmünd.

Wir planen auch eine große Plakatkampagne in der Region, in der wir die deutsch-jüdischen Verflechtungen beleuchten wollen. Als Beispiel nehmen wir das Dirndl. Denn wer weiß schon, dass diese Tracht ihre Bekanntheit den Bielefelder Kaufleuten Moritz und Julius Wallach zu verdanken hat?

Gegenüberstellung von »deutsch« und »jüdisch«

Die jüdischen Brüder eröffneten 1900 in der Münchner Residenzstraße das »Volkskunsthaus Wallach« und wurden mit ihren Kreationen königliche Hoflieferanten. 1930 gelang ihnen mit dem Dirndl der Durchbruch, als sie die Bühnenkostüme der Operette Im weißen Rössl schneiderten. Die Plakatkampagne wird diese Geschichte in ihrer multikulturellen Perspektive erzählen sowie die Gegenüberstellung von »deutsch« und »jüdisch« infrage stellen.

Darüber hinaus wollen wir die erste »Lange Nacht der Synagoge« ini­tiieren: An sieben Orten in der Region, wo es aktive und ehemalige Synagogen gibt, sollen Veranstaltungen stattfinden – als ein Bildungsangebot für die Region und Möglichkeit der Begegnung. Neben Synagogenführungen wollen wir auch Konzerte, Lesungen sowie Puppentheater für Kinder veranstalten. Wir wollen damit zur Stärkung des jüdischen Lebens in der Region beitragen – in enger Zusammenarbeit mit der Israelitischen Religions­gemeinschaft Württembergs.

Wo die Reise hingeht, werden wir sehen. Als Jugendlicher wollte ich die Welt auf den Kopf stellen. Jetzt ist mein großer Wunsch ebenso radikal wie damals: Ich möchte, dass das jüdische Leben in Deutschland ganz normal sein wird. Doch der dramatische Anstieg des Antisemitismus seit dem Terroranschlag vom 7. Okto­ber lässt mich daran zweifeln. Auch die jüngsten Wahlerfolge der AfD in Thüringen, Sachsen und Brandenburg stellen uns vor große Herausforderungen.

Diese Partei möchte alle Errungenschaften der Erinnerungsarbeit rückgängig machen. Es wird notwendig sein, die Demokratiebildung noch stärker auszuweiten, um die Gesellschaft wehrhafter gegen Menschenfeindlichkeit jeglicher Couleur zu machen. Das Judentum existiert seit mehr als 3000 Jahren. Auch diesmal werden wir standhaft bleiben und den Sturm überstehen.

Aufgezeichnet von Brigitte Jähnigen

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