Dresden

»Der Angriff verhinderte die Deportationszüge aus der Stadt«

»Es ist eine schwierige und zwiespältige Erinnerung«: Nora Goldenbogen Foto: Steffen Giersch

Frau Goldenbogen, am 13. Februar jährt sich der Luftangriff auf Dresden im Zweiten Weltkrieg zum 75. Mal. Welche Veranstaltungen plant die Gemeinde?
Wie in den vergangenen Jahren rufen wir auch in diesem Jahr wieder zur Teilnahme an der traditionellen Menschenkette als Zeichen gegen Rassismus, Antisemitismus und für Weltoffenheit auf. Die Aktion ist ein wichtiges Symbol gegen den Versuch von Rechtsextremisten, den 13. Februar für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Die Synagoge in Dresden wird einer der Anlaufpunkte für die Menschenkette sein. Alle, die mitmachen wollen, können sich bei uns aufwärmen. Zusammen mit anderen Gemeindemitgliedern werde ich zudem an der Gedenkzeremonie im Kulturpalast mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier teilnehmen.

Was bedeutet die Erinnerung an den Jahrestag der Zerstörung der Stadt für Dresdner Juden heute?
» Zum einen kamen am 13. Februar 1945 durch die Luftbombardements der Briten und Amerikaner 25.000 Dresdner Bürger ums Leben. Die barocke Altstadt wurde weitgehend vernichtet. Zum anderen verhinderte der Angriff die bereits geplanten Deportationszüge aus der Stadt, da die Infrastruktur am Boden lag. Dresden war in der NS-Zeit ja kein unschuldiger Ort. Die letzten Dresdner Juden bekamen durch das Bombardement die Chance zu überleben. Diese Komplexität im Gedenken und die ambivalente Gefühlslage vieler Gemeindemitglieder deutlich zu machen, ist uns ein Anliegen.

Rechtsextreme Gruppen wollen wie in den Jahren zuvor in der Stadt aufmarschieren, um das Datum für ihre Propaganda zu instrumentalisieren. Drohen Ausschreitungen?
Ich hoffe, dass es friedlich bleibt. Es ist richtig und wichtig, gegen den Aufmarsch der Neonazis zu protestieren. Wenn das aber in Gewalt umschlägt, schadet das dem Anliegen der Gegendemonstranten. Auch wenn die Teilnehmerzahl bei den rechten Umzügen in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen ist, darf man das Mobilisierungspoten-zial nicht unterschätzen. Der 13. Februar hat immer noch eine enorme Sogwirkung über das neonazistische Spektrum hinaus. Die Diskussionen um die Opferzahlen des Bombardements, die jedes Jahr aufs Neue lanciert werden, verdeutlichen das.

Welchen Einfluss haben die Ereignisse im Nachbarland Thüringen auf das Gedenken in diesem Jahr?
Die Wahl des FDP-Politikers Kemmerich zum Ministerpräsidenten mit den Stimmen der AfD war ein Coup der Rechten. Das Ganze hat gezeigt, wie anfällig unsere Demokratie für die zerstörerischen Spiele der Antidemokraten der AfD ist und wie weit diese Partei schon in der Lage ist, an das bürgerliche Lager anzudocken. Und genau diese Strategie fährt die AfD auch in Bezug auf das Gedenken hier in Dresden. Es ist doch kein Zufall, dass AfD-Chef Chrupalla erst kürzlich von über 100.000 deutschen Bombentoten sprach. Das ist so kurz vor dem Jahrestag eindeutig propagandistisches Kalkül.

Was muss Ihrer Meinung nach auf das politische Beben in Erfurt folgen?
Es muss eine Lösung geben, an der alle demokratischen Parteien beteiligt sind. Anders wird man sich aus der Pattsituation nicht befreien können. Dafür dürfen sich Linke, SPD, Grüne auf der einen und CDU und FDP auf der anderen Seite nicht den schwarzen Peter zuschieben. Ich halte die Gleichsetzung der AfD mit der Linken für falsch, das möchte ich an dieser Stelle betonen. Bürgerliche Politiker können von der Linkspartei halten, was sie wollen, aber die Demokratie wird von dieser nicht gefährdet. Die bürgerlichen Kräfte müssen sich bewegen und zu Kompromissen bereit sein. Aber auch die Linke muss sich zusammenraufen und zu politischen Gesprächen mit allen Demokraten offen sein.

Mit der Vorsitzenden des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden sprach Jérôme Lombard.

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