Geschichte

»Danken wir dem Herrn«

Die frühere Münchner Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße Foto: IKG

Vor 125 Jahren, anno 1887, wurde die Hauptsynagoge Münchens eingeweiht. Lange hat man darauf gewartet – seit Anfang der 1870er-Jahre lagen konkrete Pläne für den Bau einer neuen Synagoge vor. Münchner Juden und Jüdinnen erlebten endlich die Realisierung eines lang gehegten Traums.

»Danken wir dem Herrn«, sagte Rabbiner Joseph Perles in seiner Einweihungspredigt, »dass wir heutzutage nicht mehr wie ehedem durch äußeres Machtgebot ›dem Vogel, der von seinem Neste hinweghüpft‹ (Sprüche 27,8), gleichen, nicht mehr vogelfrei sind und zu ruhigen, gefesteten, gesicherten Zuständen gelangt sind.«

Hoffnungen Die Einweihung der Synagoge war zugleich Abschluss eines Kapitels der Münchner jüdischen Geschichte und Anfang eines neuen Kapitels mit großen Hoffnungen. »Um so mehr drängt es uns, das Unstete, Unsichere, Flatterhafte in unserem Inneren zu überwinden«, erklärte Perles seiner Gemeinde.

Dazu zitierte er aus den Psalmen (84,5): »Heil dem Menschen, der seine Kraft hat in Dir, der die Bahn in seinem Herzen trägt«, was für Perles bedeutete, es nicht dem Zufall zu überlassen, »sich hie und da bei einzelnen Anlässen aus der Plattheit des Lebens zu G’tt emportragen zu lassen.« Vielmehr sei es wichtig, dass der Betende »eine ständige, ununterbrochene Beziehung zu G’tt unterhält, auf wohl vorbereiteter geebneter Bahn«, um »in fester unverrückbarer Lebensordnung zu seinem G’tte« emporzustreben.

Darin ähnelt die damalige Gemeinde der heutigen Einheitsgemeinde. Es gibt ein reiches Gemeindeleben, in dem würdevolle G’ttesdienste, die relativ gut besucht werden, eine wichtige Rolle spielen. Aber der Gemeinde gehören ebenfalls – oder hauptsächlich – zahlreiche Mitglieder an, die die Synagoge unregelmäßig, kaum oder überhaupt nicht besuchen. Damals wie heute setzte sich die geistige Führung der Gemeinde dafür ein, die Mitglieder zu erziehen, zu inspirieren und die religiöse Praxis zu stärken.

kampagne Zwar war die Hauptsynagoge nicht wirklich orthodox – so hatte sie zum Beispiel wie die frühere Synagoge seit 1876 eine Orgel –, doch muss man die Abweichung von der Tradition in ihrem Kontext verstehen. Wie in vielen anderen deutschen Regionen war die Reformierung zahlreicher Synagogen in Deutschland nicht das Resultat einer natürlichen, organischen, von innen gesteuerten Evolution im Denken der jüdischen Bevölkerung, sondern vielmehr die Folge einer langen, harten, kalkulierten Kampagne der politischen Obrigkeit, die dies als notwendige Bedingung zur Emanzipation der Juden darstellte.

Der Historiker Falk Wiesemann schrieb dazu: »Ebenso wie die Juden den Christen in staatsbürgerlicher Hinsicht angeglichen werden sollten, so sollte auch der ausgeprägte innerjüdische Individualismus und Partikularismus in Kultus- und Erziehungsangelegenheiten einem geordneten, einheitlichen Prinzip folgenden Zustand weichen. Ähnlich wie die berufliche Betätigung wurden deshalb auch die Kultus- und Schulverhältnisse der Juden ständig überprüft und in Listen erfasst. Kaum war eine behördliche Umfrage beendet, folgte häufig bereits die nächste.«

Aufgeklärte Monarchen und Politiker waren offensichtlich gar nicht aufgeklärt, sondern einfach subtiler als im Mittelalter. So entfaltete sich die Emanzipation im 19. Jahrhundert als vergiftetes Geschenk, mit dem Juden schließlich mehr verloren, als sie bekamen. Um Bürgerrechte zu erhalten, auf die sie einen natürlichen Anspruch hatten, die ihnen aber erst spät zuteil und die erst noch viel, viel später in der Gesellschaft umgesetzt wurden, mussten Juden ihre typische Lebensweise und damit ihre religiöse Praxis und kulturelle Besonderheit preisgeben.

Kurs Zwar gab es diese Missstände überwiegend während des ersten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts. Die Judenpolitik Bayerns änderte sich ab 1837 mit der Installierung des Ministeriums Abel, das von einem katholisch-reaktionären Kurs geprägt war. Allerdings hatte die Politik des ersten Drittels jenes Jahrhunderts Kultus und Erziehung der israelitischen Kultusgemeinden der Großstädte bereits dauerhaft geprägt.

Außerdem mussten sich die jüdischen Gemeinden nicht nur der Politik des Königreichs Bayern unterwerfen, sondern auch derjenigen Städte, die ebenfalls nur eine bestimmte Art von Judentum öffentlich erlauben wollten. Dies äußerte sich zum Beispiel in den wiederholten, Jahre andauernden Weigerungen der Stadt München, den Bau einer neuen Hauptsynagoge zuzulassen.

Aber wider diesen politischen Druck versuchte man, in München die Verbindung mit der Tradition aufrechtzuerhalten. So berichtet das »Synagogen-Chor-Komitee« am 1. März 1838 in der Allgemeinen Zeitung des Judenthums: »Deshalb gefällt der Gottesdienst in München so sehr, weil er uns das Alte gelassen, und es als ein Neues uns wiedergegeben hat (...) [Es wird] bei ruhigem, würdevollem Benehmen der Betenden das Gebet ganz nach alter Weise und Sitte, ohne Abänderung und Abkürzung verrichtet.«

Kritik In diesem Bericht kritisierte das »Synagogen-Chor-Komitee« sogar den eigenen Chor, weil an »Sabbaten und Festtagen (...) in den Responsionen, bei den Benedeiungen, sowie bei den andern sehr zahlreichen und schönen Gesängen der Chor die Gemeinde [vertritt]. (...) Er wird dadurch oft zur Unterhaltung, statt dass er die Gemeinde zum andächtigen Wettgesänge stimmen und aneifern sollte.«

Übrigens genossen die Gemeinderabbiner der Kultusgemeinde auch ein hohes Ansehen in der orthodoxen Synagoge Ohel Jakob, die fünf Jahre nach der Hauptsynagoge errichtet wurde, was deren überwiegend traditionelle Ausrichtung eindrücklich bezeugt.

Seit die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern nach dem Krieg wiedererrichtet wurde, ist sie eine Einheitsgemeinde, eine Gemeinde, in der alle Juden willkommen sind. Mit ihren drei Synagogen bietet sie G’ttesdienste an, bei denen sowohl gesetzestreue sowie eher säkular lebende Juden das alte, bewährte, authentische Judentum nach Belieben beleben können. Die IKG bietet aber nicht nur G’ttesdienste an, sondern auch Kultur, Bildung und Erziehung, damit alle, ungeachtet, ob sie den Weg zur Synagoge bereits gefunden haben, emporgetragen werden können.

Erhalt Obwohl wir weltweit noch an der Zwangsschwächung der jüdischen Institutionen im 19. Jahrhundert leiden – der Prophet Jeremiah bemerkte (31,29): »Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Kindern sind die Zähne stumpf geworden« –, liegen jene dunklen Zeiten, die wohlgemerkt in die Epoche der Aufklärung fallen, hinter uns. Jüdische Einheitsgemeinden sind für den Erhalt der jüdischen Identität wichtiger denn je. Einzig in Europa findet man Gemeinden, in denen ein derart hoher Anteil der jüdischen Bevölkerung Mitglieder sind.

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