Jewrovision

Chancen für die Kleinen

Aufwendige Bühnentechnik bei der Jewrovision 2014 Foto: Georg Hilgemann

Der Countdown läuft: In den großen und kleinen Jugendzentren zählt man die Tage bis zur Jewrovison. Viele Jugendliche können es kaum erwarten, bis »ihr« Film über die Leinwand flimmert und sie anschließend auf der Bühne stehen.

Doch die Chancen, zu gewinnen, werden trotz aller Bemühungen um gleiche Behandlung in manchen kleineren Gemeinden nicht hoch eingeschätzt. Die Rangliste der bisherigen Gewinner führt das Jugendzentrum Jachad aus Köln mit vier ersten Plätzen an, gefolgt von Olam (Berlin) mit drei Siegen, Kadima (Düsseldorf), Neshama (München) und Emuna (Dortmund) mit jeweils zwei ersten Plätzen.

Wiesbaden Zu dem Song Contest am 21. Februar sind etwa 200 Kinder und Jugendliche angemeldet. Insgesamt 15 Jugendzentren sind dabei – drei weniger als im vergangenen Jahr. »Wir sind diesmal nicht mit von der Partie«, sagt Steve Landau, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden. Es habe sich einfach nicht ergeben, meint er. Die Kinder, die das Jugendzentrum besuchen, hätten nicht den Wunsch geäußert, mitzumachen.

Aus dem Umkreis des Jugendzentrums hieß es, die anderen Gemeinden seien sehr groß – und könnten es sich im Gegensatz zu den kleineren leisten, den Wettbewerb professionell vorzubereiten. Einige Gemeinden verfügen über einen eigenen Tanzcoach, einen Choreografen oder einen Cutter für den Film, andere haben unter den Jugendlichen keine solchen Talente und machen alles in Eigenregie.

Bei dem Mini-Machane, zu der insgesamt 1000 Jugendliche erwartet werden, ist Wiesbaden allerdings dabei – das wollten sich die Kinder nicht entgehen lassen. »Wir organisieren den Bustransfer und sammeln alle aus der Region ein«, sagt Steve Landau. Einmal habe das Team sogar einen Sieg geschafft: »Wir waren Gewinner der Herzen.« Denn sie hätten eher jüngere Jugendliche dabei gehabt und deshalb einen Sonderpreis bekommen. Im Jugendzentrum sei sonntags viel los. Ehrenamtlichliche Madrichim betreuen die Kinder. Vor Kurzem gab es einen Familienbrunch. Etwa 900 Mitglieder zählt die Gemeinde Wiesbaden.

Berlin Ganz anders ist die Situation in der Haupstadt: In Berlin leben mehr als 1000 jüdische Kinder und Jugendliche. Etliche besuchen regelmäßig das Jugendzentrum Olam, nehmen an der rhythmischen Sportgymnastik und lateinamerikanischen Tanzkursen teil. An fünf Tagen in der Woche ist das Juze geöffnet. Wer für Berlin auf der Bühne stehen möchte, muss sich bewerben und bei einem Casting glänzen. Die jüdische Gemeinde ist mit mehr als 10.000 Mitgliedern die größte in Deutschland.

»Größere Städte haben den Vorteil, dass sie über eine bessere Infrastruktur verfügen«, weiß Mike Delberg, ehemaliger stellvertretender Leiter von Olam. Seine Erfahrung sei, dass man zehn Kinder braucht, um einen guten Act auf die Beine zu stellen. »Die müssen gut drauf sein, und einer muß richtig singen können – dann klappt es.« Der 25-Jährige, der in lateinamerikanischen Tänzen etliche Wettbewerbe gewonnen hat, bietet seine Hilfe an. Er ist einer von mehreren Coaches, die vom Zentralrat der Juden in Deutschland zur Verfügung gestellt werden.

»Seit zwei Jahren gibt es bei uns ein Coachingprogramm. Gemeinden können um einen Coach bitten, der zu zwei Trainingseinheiten kommt«, sagt Marat Schlafstein, Jugendreferent beim Zentralrat und Organisator der Jewrovision. Etwa fünf bis sechs Gemeinden, vor allem kleinere, hätten dieses Angebot angenommen.

freiburg Und auch sonst hat der Zentralrat einiges unternommen, um die Chancen für die kleineren Gemeinden zu erhöhen. Beispielsweise muss das Juze, das die Jewrovision gewinnt, den nächsten Wettbewerb jetzt nicht mehr auf eigene Kosten ausrichten. Außerdem gibt es nun eine professionelle Bühnentechnik für alle. Und auch die Jury, die immer wieder in der Kritik stand, sie sei parteiisch, ist nun neu zusammengesetzt.

Mehrere Promis aus ganz Deutschland werden bei der Entscheidung ihr Statement abgeben. Zusätzlich werden die Stimmen der Jugendzentren zu einer zusammengefasst. Bisher hatte jedes Juze sein Votum abgegeben. Außerdem wird der Videopreis erstmals unabhängig von der Show verliehen.

»Wir sind eine kleine Gemeinde«, sagt David Weiss vom Jugendzentrum Freiburg. Dort dürfen alle Kinder mitmachen, die dazu Lust haben. Zusätzlich kommen zu den Probentagen noch Jugendliche aus den umliegenden Regionen angereist. Ein Mädchen fährt extra von Baden-Baden nach Freiburg, das dauert in jede Richtung eine Stunde. Die Kinder, die zwischen sieben und zehn Jahre alt sind, wirken beim Video mit.

authentisch Ab elf Jahren dürfen sie mit auf Mini-Machane. »Wir bündeln alle Kräfte«, sagt David Weiss. Beispielsweise werden die Kostüme selbst geschneidert. Die Kulissen hatten sie bisher ebenfalls gemeinsam geplant und gebaut. Das sei ihnen nun doch zu kompliziert geworden, weshalb sie jetzt auf eine Kulisse verzichten. Mit einem Beitrag im unteren vierstelligen Bereich unterstützt die Gemeinde die Teilnahme. Sehr authentisch sei der Auftritt des Jugendzentrums, meint der Leiter. Aber: »Gewonnen haben wir noch nie – es ist schwierig, mit den großen Zentren mitzuhalten.«

Vor drei Jahren standen Jugendliche aus Essen das letzte Mal auf der Bühne bei der Jewrovision. »Unsere Kinder haben nicht so viel Interesse gezeigt, weshalb sie nicht angemeldet sind«, sagt Schalwa Chemsuraschwili, stellvertretender Vorsitzender der Gemeinde. Sie seien derzeit dabei, ein Madrichim-Team aufzubauen. Das Jugendzentrum ist immer sonntags geöffnet.

»Es ist schwieriger für die kleineren Gemeinden«, meint auch Mary Brunck, die seit eineinhalb Jahren das Jugendzentrum Köln leitet. In Köln haben die Tänzer große Fortschritte gemacht, die Jugendlichen seien sehr motiviert und ließen sich gut anleiten. Sie habe staatliche Gelder beantragt, um Materialien finanzieren zu können, sagt Brunck.

unterstützung Auch die Leiterin des Kölner Juze sucht besondere Talente unter den Jugendlichen – etwa, ob jemand einen Film schneiden kann. Die Gemeinde unterstützt das Projekt mit 1000 Euro: »Die Jugendarbeit ist dem Vorstand und der Repräsentanz sehr wichtig, und das merkt man immer wieder.«

Irina Kazakov, Leiterin des Juze Düsseldorfs, meint, die Chancen seien gleich: »Es wird ja auch der Zusammenhalt bewertet.« Und da sich in den kleineren Juzes die Kinder gut kennen, komme schneller ein guter Teamgeist zustande. Mike Delberg wiederum sieht auch Vorteile für die kleineren Gemeinden: »Man gönnt ihnen mehr, und sie bekommen rascher Sympathie.« Bei den größeren Jugendzentren seien die Erwartungen auf einen Sieg von vornherein höher, weiß der Berliner.

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