München

Bücher für alle

Nathan Cohen (5.v.r.) im Kreis der Dozenten und Mitarbeiter des Lehrstuhls Foto: Tom J.M. Hauzenberger/IKG-Kulturzentrum

Beim diesjährigen Scholem Alejchem-Vortrag in jiddischer Sprache kam – bei tropischer Hitze – vieles zusammen: ein »grojser ojlem«, das heißt viel Publikum, der Initiator dieser alljährlich einmal stattfindenden Vortragsreihe Michael Brenner, der seinen derzeitigen Forschungs- und Lehraufenthalt in Washington, für unverzichtbare Termine in München unterbrochen hatte, seine Vertretung Martina Niedhammer, die den Abend mit der Erkenntnis »In Jiddisch lässt sich alles sagen« eröffnete, und ein Referent, Nathan Cohen, der mit seinem Wissen, Humor und Enthusiasmus ein populärwissenschaftliches Thema auf höchstem Niveau präsentierte.

In zweifacher Weise spielte auch »ondenk«, das Gedenken an Verstorbene, eine große Rolle. Zum einen ist der Scholem-Alejchem-Vortrag seit 2023 dem Andenken an die Jiddistin und Mitschöpferin der Reihe, Evita Wiecki (1968–2022), gewidmet. Zum anderen wird die Veranstaltung jedes Jahr zu Ehren verstorbener Jiddisch-Sprechender gefördert. In diesem Jahr geschah dies durch die Kuszner-Stiftung zum Gedenken an Henrik Kuszner (1919–2010) und seine Ehefrau Edit.

Die Nachfolgerin im Amt der Jiddisch-Dozentin am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur, Daria Vakhrushova, stellte den Referenten vor. Nathan Cohen lehrt am Rena Costa Center for Yiddish Studies am Department of Literature of the Jewish People der Bar-Ilan-Universität. Seit 1998 ist er Mitherausgeber der Zeitschrift »Yad Vashem Studies«. Schwerpunkte seiner Forschung sind die Kulturgeschichte der Juden Osteuropas im 19. und 20. Jahrhundert, moderne jüdische Literatur, jüdisches Leben in Polen der Zwischenkriegszeit und jiddische Literatur und Kultur während der Schoa.

Der Scholem-Alejchem-Vortrag ist seit 2023 dem Andenken an die Jiddistin und Mitschöpferin der Reihe, Evita Wiecki, gewidmet.

Für sein Vortragsthema »Bücher für alle – populäre jiddische Literatur in Osteuropa, 1860–1914« bereitete Cohen einen höchst informativen Handzettel vor. Darin fasste er zusammen, welche Bereiche die jiddischsprachige Literatur einnahm. Zu den frühen Werken gehören »maye-bikhlekh« (Geschichtenbüchlein) im ausgehenden 18. Jahrhundert, gefolgt von einer ab Mitte des 19. Jahrhunderts enorm anwachsenden weltlichen jiddischen Zeitungs- und Buchproduktion.

Dabei ließen sich die zeitgenössischen Publizisten von bereits vorhandenen Werken inspirieren, schufen aufs jüdische Leben adaptierte Versionen von Robinson Crusoe, der natürlich auch auf der einsamen Insel Schabbat hielt, sowie Max und Moritz, die es nicht mit dem Lehrer Lämpel, sondern einem »melamed« (Lehrer in der jüdischen Grundschule) zu tun hatten.

Hohe Auflagen erzielten nicht nur jiddische und nichtjüdische Klassiker von Scholem Alejchem und Mendele Mojcher-Sforim bis zu Alexandre Dumas und Jonathan Swifts »klejne menschalach«, frei nach Gullivers Reisen, sondern auch sogenannte »shund-literatur«, zu welcher Kriminalgeschichten à la Sherlock Holmes zählten. Nora Niemann

Nathan Cohens Vortrag ist auf der Website des Instituts für Jüdische Geschichte und Kultur der LMU zugänglich.

Anoha

Mit allen Sinnen

Im Museum erleben Kinder die Geschichte der Arche Noah spielerisch – und lernen dabei etwas über Vielfalt, Respekt und ein gutes Miteinander

von Alicia Rust  18.08.2026

Berlin

Gedenkzeichen für erste Rabbinerin der Welt

Regina Jonas wurde 1942 in das KZ Theresienstadt verschleppt und 1944 in Auschwitz-Birkenau ermordet. Ende August wird ihrer mit einem Gedenkzeichen gedacht

 18.08.2026

Gespräch

Albrecht-Weinberg-Gefährtin: Erinnerung an Holocaust darf nicht enden

Im Mai starb der Holocaust-Überlebende Albrecht Weinberg. Gerda Dänekas war bis zum Schluss an seiner Seite, Pflegerin und engste Freundin. Im Interview spricht sie über das Vermächtnis eines der letzten Zeitzeugen und einen Film über ihn - und sie

von Karen Miether  18.08.2026

Orthodoxie

»Koschere Haare sind teuer«

Chaya Chapoval über steigende Scheitelpreise, die Arbeit hinter einer Perücke und Rabbiner-geprüfte Haarteile

von Mascha Malburg  17.08.2026

Freiburg

Geschichten eines Onkels

Aviva Rabinovich recherchierte das Schicksal ihres Verwandten Konrad Goldmann – und widmet ihm zusammen mit dem Regisseur Nathan Lifschitz einen Dokumentarfilm

von Anja Bochtler  17.08.2026

Brandenburg

An einem Mittwoch in Cottbus

Was geschieht an einem ganz normalen Tag in einer jüdischen Gemeinde? Wir waren vor Ort und begegneten Menschen zwischen Chorproben und Amtsterminen

von Leon Stork  16.08.2026

München

Für die junge Generation

Künftig wird Rabbiner Elie Dues als Jugendrabbiner die religiöse Arbeit der Israelitischen Kultusgemeinde unterstützen

von Luis Gruhler  16.08.2026

Porträt der Woche

»Mein Glück war Alfred«

John Günther ist Künstler, religiös und lebte 62 Jahre mit seinem Mann zusammen

von Heike Linde-Lembke  16.08.2026

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026