Projekt Gescher

Brücken nach Israel

Fünf Workshops liegen bereits hinter ihnen. Trotzdem zeigen die rund 30 Teilnehmer des Vorbereitungsseminars noch keinerlei Ermüdungserscheinungen. Alle sind auch am frühen Montagmorgen wieder voll bei der Sache, hören den Referenten aufmerksam zu und stellen eifrig Fragen zu Israels Politik und Gesellschaft. »Dabei ist das Programm ganz schön straff«, bringt es Janina Keylis auf den Punkt. »Gestern begannen wir bereits um zehn Uhr am Vormittag. Schluss war erst gegen 22 Uhr abends«, sagt die Mitarbeiterin des Zentralrats der Juden in Deutschland.

»Gescher« lautet der hebräische Name des ehrgeizigen Projekts, das sie gemeinsam mit Marat Schlafstein, dem Referenten für Jugend- und Gemeindearbeit, betreut und begleitet – zu deutsch »Brücke«. Es richtet sich an junge jüdische Erwachsene in ganz Deutschland, die schon heute haupt- oder ehrenamtliche Funktionen in ihren Gemeinden übernommen haben. In Berlin kamen sie zusammen, um sich auf eine achttägige Reise nach Israel vorzubereiten, die am 18. September beginnt.

Start-up-NAtion In Tel Aviv und Jerusalem werden die jungen Leute auf israelische Politiker und Sicherheitsexperten treffen, Unternehmen aus der Start-up-Nation kennenlernen, aber auch Einrichtungen besichtigen, die von der World Zionist Organisation (WIZO), dem Israelischen Nationalfonds Keren Kayemeth LeIsrael (KKL) oder Keren Hayesod (KH) betrieben werden – etwa ein Altersheim, wo Senioren, die ursprünglich aus Deutschland stammen, ihren Lebensabend verbringen.

»Gescher ist ein rein jüdisches Programm«, betont Daniel Botmann, einer der Initiatoren. »Und anders, als man vielleicht auf den ersten Blick vermuten könnte, geht es nicht darum, junge Juden aus Deutschland zur Alija zu motivieren«, so der Geschäftsführer des Zentralrats. »Wir wollen mit unserem Projekt den Anstoß für eine intensivere Zusammenarbeit zwischen der jüdischen Gemeinschaft hier in Deutschland und dem Staat Israel geben.«

Seiner Meinung nach war es vor über 20 Jahren um das Engagement für den jüdischen Staat schon einmal besser bestellt. Das hat ganz konkrete Ursachen: Zu Beginn der 90er-Jahre setzte die massive Zuwanderung von Juden aus der Sowjetunion nach Deutschland ein. »Damals waren die Gemeinden hierzulande mit der Mammutaufgabe konfrontiert, die vielen Menschen zu integrieren«, sagt Botmann.

Und auch diese mussten erst einmal richtig ankommen und sich zurechtfinden. »Doch dieser Prozess scheint mittlerweile weitestgehend abgeschlossen«, glaubt der Zentralratsgeschäftsführer. »Deshalb ist es an der Zeit, den Fokus wieder mehr auf das Engagement für Israel zu richten.« Zudem sei eine junge Generation von selbstbewussten Juden herangewachsen, die sich anschickt, in den Gemeinden Verantwortung zu übernehmen. »Genau diese Entscheidungsträger von morgen wollen wir nun gezielt ansprechen.«

Sinn und Zweck von »Gescher« ist aber nicht nur, das Interesse an Israel zu steigern. Darüber hinaus soll auch ein Gedankenaustausch stattfinden, wie so etwas im Alltag in den Gemeinden gelebt werden kann. »Ein starker jüdischer Staat und eine starke Diaspora – das müssen keine Gegensätze sein«, zeigt sich Daniel Botmann überzeugt und berührt damit eines der Zukunftsthemen überhaupt: Wie soll das Verhältnis zwischen Israel und den jüdischen Gemeinschaften in der Welt aussehen?

Paria-Rolle Antworten auf diese und andere Fragen gaben Referenten wie der Rechtsanwalt Nathan Gelbart, zugleich Vorsitzender von Keren Hayesod Deutschland. Er verwies auf die Paria-Rolle, in die der jüdische Staat oftmals von der Weltgemeinschaft gedrängt wird. »Engagiert euch!«, forderte er deshalb die Teilnehmer des Vorbereitungsseminars auf. »Denn Israel ist in seinem Kampf gegen all diese Versuche einer Delegimitierung seiner Existenz häufig auf sich allein gestellt.«

Darum kommt der Unterstützung aus der Diaspora in dieser Frage eine wichtige Rolle zu: »Das Engagement in einer jüdischen Gemeinschaft ist allein schon aus diesem Grunde nicht von einem Einsatz für Israel zu trennen.« Wie gelebte jüdische Solidarität aussehen kann, machte der Religionslehrer Beni Pollak in an zahlreichen Beispielen aus dem Alltag in der israelischen Gesellschaft deutlich, wobei seine Leidenschaft und seine Verve die Zuhörer sichtlich faszinierten.

Die Erwartungen der Teilnehmer wurden nicht enttäuscht. »Wir bekommen hier wichtige Tools in die Hand, die für eine zukünftige Projektarbeit in unseren Gemeinden von großem Nutzen sein können«, lautet das Fazit von Leonid Guretzky aus München. »Zudem bin ich mir sicher, dass wir von dem Know-how unserer Gesprächspartner vor Ort in Israel eine Menge lernen können«, so der Leiter des Verbands Jüdischer Studenten in Bayern (VJSB).

Networking Darüber hinaus ist allen das Networking sehr wichtig: »Wir lernen uns untereinander besser kennen und erfahren auf diese Weise, was in den einzelnen Gemeinden in Sachen Israel-Arbeit passiert. Das kann nur hilfreich sein«, findet Leonid Guretzky. Auch Alexander Breitberg aus Nürnberg wünscht sich einen größeren Stellenwert Israels im täglichen Gemeindeleben: »Auf diese Weise werden Brücken zwischen Juden in Deutschland und Juden in Israel gebaut.« Genau das ist das Ziel von Gescher.

Um das Projekt verwirklichen zu können, hatte der Zentralrat die Jewish Agency und das in New York beheimatete weltweite Netzwerk »Genesis Philanthropy Group« ins Boot geholt. Sie unterstützen das Projekt ideell, vor allem aber finanziell. Sonst wäre ein Teilnehmerpreis von 450 Euro nicht möglich.

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