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Rosch Haschana

Zwischen Angst und Wirklichkeit

Manchmal verändert sich nicht die Wirklichkeit, sondern unser Blick auf sie. Foto: Eli7be7

Vor einigen Wochen habe ich bewusst einen ungewöhnlichen Ort für ein Seminar ausgewählt. Nicht in einem klimatisierten Konferenzraum, und auch nicht in einem Hotel. Sondern hoch oben auf einem verlassenen Hügel bei Mitzpe Jericho. Ein unglaublicher Ort in der Judäischen Wüste, wo zwischen den Felsen verborgen noch alte Militärbunker liegen und die Aussicht so gewaltig ist, dass man für einen Moment unwillkürlich verstummt.

Und während ich auf diese gewaltige Landschaft blickte, sagte ich: »Es ist merkwürdig, immer, wenn man von oben in die Ferne schaut, sieht man kilometerweit. Aber die wichtigsten Dinge sieht man dabei dennoch nicht. Ich meine, man sieht nicht, was hinter dem nächsten Berg liegt. Und trotz der Weitsicht sieht man einfach nicht, was morgen oder in zwei Wochen passiert.«

Und genau deshalb stellte ich den Teilnehmern eine Frage: »Wann wart ihr das letzte Mal überzeugt, dass alles verloren ist?« Die Antworten kamen sehr schnell. Der eine erzählte von seiner Gesundheit, der andere von seinen Kindern, ein Dritter von seiner Ehe, ein Vierter von seinem Konto. Doch interessanterweise sagte fast niemand: »Aber weißt du was? Zwei Wochen später stellte sich heraus, dass alles gar nicht so schlimm war.«

Ich war ein kleiner Junge und hatte unterwegs meinen Vater aus den Augen verloren

Diese Erkenntnis versetzte mich gedanklich an einen ganz anderen Ort – diesmal nicht nach Israel, sondern nach Italien, zurück in einen Urlaub meiner Kindheit in Bibione. Ich war ein kleiner Junge und hatte unterwegs meinen Vater aus den Augen verloren. Vielleicht für drei oder fünf Minuten. Aber für mich fühlte es sich an wie Jahre.

Ich weiß bis heute noch genau, wie mein Herz raste, wie ich weinend auf der Straße stand. Ich war mir sicher, dass ich für immer verloren war. Und dann hörte ich plötzlich meinen Vater zu mir sprechen, er war die ganze Zeit nur ein paar Meter entfernt.

Immer wenn ich mich daran erinnere, muss ich schmunzeln, denn wenn wir mitten in der Wüste stehen, sehen wir keine Oasen. Was sich wenige Augenblicke zuvor wie eine absolute Katastrophe angefühlt hatte, war plötzlich verschwunden. Alles war wieder in Ordnung.

Manchmal frage ich mich, ob das nicht die Geschichte unseres Lebens ist. Wir stehen irgendwo zwischen Angst und Wirklichkeit und merken erst später, dass die Realität viel freundlicher war als unsere Fantasie.

Die Rosch-Haschana-Lesung des ersten Tages ist voller dramatischer Wendungen

Genau deshalb liebe ich die Rosch-Haschana-Lesung des ersten Tages (1. Buch Mose 21, 1–34). Nicht nur, weil sie voller dramatischer Wendungen ist. Sondern weil sie in erstaunlich wenigen Versen fast das ganze menschliche Leben erzählt.

Zuerst die Geburt von Jizchak. Alles beginnt wie bei einer fröhlichen Feier, bei der man die Ballons in den Himmel steigen lässt und alle rufen: »Masal Tov!« Sara und Awraham bekommen endlich ein Kind, obwohl längst niemand mehr damit gerechnet hat.

Doch dann knallt es plötzlich. Hagar und Jischmael werden in die Wüste geschickt. Dort geht ihnen das Wasser aus, und alles scheint auf ein Ende zuzulaufen. Doch bevor die Ballons in der Luft platzen, findet das Drama im allerletzten Augenblick dann doch noch sein Happy End.

Ein Leben im Bund mit G’tt drückt sich auch in Integrität und in Verantwortung gegenüber anderen aus

Und schließlich der Bund zwischen Awraham und Awimelech – ein gegenseitiger Friedens- und Nichtangriffspakt, in dem beide Seiten sich verpflichten, einander ehrlich und fair zu begegnen. Er zeigt, dass sich ein Leben im Bund mit G’tt nicht nur spirituell, sondern ganz konkret im Frieden, in Integrität und in Verantwortung gegenüber anderen Menschen ausdrücken muss.

Wenn man darüber nachdenkt, sind das doch eigentlich drei völlig verschiedene Geschichten. Die erste handelt von Hoffnung und einem Wunsch, der sich schließlich doch noch erfüllt. Die zweite von Angst und Rettung. Die dritte von Frieden, Verantwortung und gesellschaftlichen Werten.

Das alles liest sich fast wie ein ganzes Leben in einem einzigen Kapitel. Und vielleicht liegt gerade hier das Geheimnis, warum dieser Toraabschnitt ausgerechnet an Rosch Haschana gelesen wird.

Neujahr ist der Tag, an dem wir uns fragen, wer wir wirklich sind

Neujahr ist nicht nur das Fest des Gerichts. Es ist der Geburtstag der Welt. Der Tag, an dem wir uns fragen, was aus unserem Leben werden soll, wer wir wirklich sind und wohin wir wollen, jeder Einzelne. Und genau an diesem Tag erzählt uns die Tora nichts von Engeln oder großen Offenbarungen. Sie erzählt von Menschen: Sie erzählt die Geschichte von einem Ehepaar, das Jahrzehnte auf ein Kind wartet. Sie berichtet von einer Mutter, die überzeugt ist, dass ihr Sohn sterben wird. Und dann die Erzählung von zwei Männern, die nach Jahren der Spannungen lernen, miteinander zu leben.

Mit anderen Worten: Die Tora spricht an Rosch Haschana nicht über den Himmel. Sie spricht über uns, sie spricht mit uns über unser Leben.

Gerade die Geschichte von Hagar hat mich in den vergangenen Jahren aus therapeutischer Sicht sehr beschäftigt. Vielleicht, weil sie sich beinahe wie eine moderne psychologische Fallstudie liest: Mutter und Sohn sind allein und verlassen in der Wüste. Das Wasser ist aufgebraucht. Die Sonne brennt. Und dann legt Hagar ihren Sohn unter einen Strauch und entfernt sich von ihm, weil sie es nicht ertragen kann, ihren Sohn sterben zu sehen. Sie wendet sich ab, setzt sich hin und weint.

Aber wenn man jetzt genau hinsieht, passiert bei dem nahenden Happy End etwas recht Merkwürdiges: Denn zunächst verändert sich die Realität überhaupt nicht. Es erscheint kein Lastwagen mit Wasser und auch kein Rettungsteam. Die Situation bleibt zunächst also exakt dieselbe.

Was sich allerdings verändert, ist Hagar selbst: »Und G’tt öffnete ihre Augen.« Das ist ein bemerkenswerter Satz. Denn die Tora sagt nicht, dass G’tt einen Brunnen erschuf. Der Brunnen war bereits da. Hagar konnte ihn nur nicht sehen! Genau hier wird die Geschichte plötzlich überraschend modern.

Psychologen sprechen von einem Phänomen, das man »kognitive Veren­gung« nennt

Psychologen sprechen von einem Phänomen, das man »kognitive Veren­gung« nennt. Unter starkem Stress schrumpft unser Blickfeld. Wir sehen dadurch weniger Möglichkeiten, weniger Alternativen und vor allem weniger Hoffnung.

Das ist übrigens auch sehr chassidisch. Rabbi Nachman von Bratzlaw betonte: Wer Angst hat, sieht nie die ganze Wirklichkeit, er sieht die Gefahr. So ging es mir damals in Bibione. Menschen in Krisen verlieren oft nicht zuerst ihre Lösungen – sondern die Fähigkeit, sie wahrzunehmen.

Die Geschichte von Hagar erinnert uns deshalb: Dass wir den Brunnen nicht sehen, bedeutet noch lange nicht, dass er nicht da ist. Fakt ist: Die meisten Brunnen unseres Lebens tauchen nicht plötzlich auf. Der Brunnen ist die ganze Zeit da. Wir haben nur noch nicht die Augen, ihn zu sehen.

Jischmael wird in dieser Szene übrigens nicht nach seiner Zukunft beurteilt, also nicht nach dem, was einmal aus ihm werden könnte, sondern nach dem, was er in diesem Augenblick ist.

Menschen leben oft in zwei Gefängnissen: in der Vergangenheit und in der Zukunft

Das widerspricht fast allem, was Menschen normalerweise tun. Sie leben mehrheitlich in zwei Gefängnissen: in der Vergangenheit (»Was habe ich falsch gemacht?«) und in der Zukunft (»Was wird aus mir werden?«).

Doch G’tt begegnet dem Menschen immer in der Gegenwart. Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieser Lesung: nicht dort, wo wir gestern gefallen sind. Auch nicht dort, wo wir morgen vielleicht wieder etwas unglücklich stehen. Sondern Er ist genau »dort, wo Er ist« (»ba’ascher Hu scham«), dort, wo wir jetzt gerade sind. Und vielleicht entdecken wir gerade dort auch den Brunnen, der die ganze Zeit da war.

Der Autor ist Rabbiner sowie Paar- und Familientherapeut in Jerusalem.

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