Wajikra

Zeichen der Zuwendung

Foto: Getty Images

Wajikra

Zeichen der Zuwendung

So wie sich die Engel gegenseitig rufen, wird Mosche vom Ewigen gerufen

von Rabbinerin Gesa Ederberg  24.03.2023 09:23 Uhr

Am Schabbat Wajikra beginnen wir die Lesung des gleichnamigen dritten Buches der Tora. Nachdem das erste Buch der Tora, Bereschit, die Geschichte der Schöpfung und die komplizierte Familiengeschichte von Awraham und Sara und ihren Nachkommen erzählt hat und das zweite Buch, Schemot, die Geschichte vom Auszug aus Ägypten bis zur Gabe der Tora am Berg Sinai, ist das Buch Wajikra voller kleinteiliger Vorschriften für alle möglichen Themen. Besonders wichtig sind dabei die Vorschriften für die Priester – und zwar vor allem die für den Stamm Levi –, daher auch der lateinische Name des Buches, Leviticus.

Als der Tempel in Jerusalem noch stand, beschrieben diese Vorschriften die Details des Opferdienstes im Tempel, die täglichen Opfer, die Dank- und Schuldopfer, ihre genaue Ausführung und ihre Bedeutung. Es war also eine Anleitung, die täglich gebraucht wurde.

UNTERSCHIEDE Heute finden keine Opfer mehr statt, und es ist einer der weniger bekannten Unterschiede zwischen den verschiedenen Strömungen im Judentum, was wir davon halten. Die Orthodoxie betet täglich, und besonders im Mussafgebet, dem »Zusatzgebet« an Schabbat und Feiertagen, darum, dass der Tempel wieder erbaut wird und die Opfer wieder möglich sein werden – und deshalb ist es vielen, gerade den Nachkommen der Kohanim und Leviim, sehr wichtig, diese Texte genau zu studieren, damit sie jederzeit bereit sind, den Dienst im Tempel wiederaufzunehmen.

Für die Reformbewegung sind die Opfer unwichtig. Man geht davon aus, dass der Tempel nicht wiederaufgebaut werden soll. Daher wird in den meisten Reformgemeinden das Mussafgebet komplett weggelassen.

Für Masorti wiederum, die konservative Ausrichtung des Judentums zwischen Reformbewegung und Orthodoxie, ist die Erinnerung an die Opfer wichtig. Man erinnert sich daran, dass es ein religiöses Zentrum gab und Menschen einst im Tempel dienten. Deshalb werden die Texte des Mussafgebets zu den Opfern umformuliert in die Vergangenheitsform – mit dem Wunsch, dass die heutigen Gebete genauso von Herzen kommen sollen wie damals die Opfer.

Doch zurück zu den Themen des Buches Wajikra. Einen großen Raum nehmen auch alle möglichen Vorschriften zu Hautkrankheiten, Schimmel in Häusern sowie Geschlechtskrankheiten ein. Es waren die Priester, die dafür zuständig waren, Krankheiten festzustellen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen – und bis vor wenigen Jahren las sich das alles wie seltsame archaische Rituale: Die Menschen, die krank waren, mussten sich für eine festgelegte Zeit absondern, dann wurde von den Priestern überprüft – man könnte auch sagen getestet –, ob die Symp­tome verschwunden waren, woraufhin es noch eine weitere Quarantänezeit gab. Und auch die Reinigung von Dingen, die berührt worden waren, sowie regelmäßige Waschungen gehörten dazu.

LESART Auch für die Gelehrten der rabbinischen Zeit waren viele Themen des Buches Wajikra nicht mehr direkt relevant – und deshalb finden sich gerade hier viele mystische und allegorische Erklärungen, die dazu dienen, auch diese Texte für ihre Zeit relevant werden zu lassen. Diese rabbinische Lesart beginnt tatsächlich schon mit dem ersten Wort unseres Wochenabschnitts: »Wajikra« – auf Deutsch: »Und Er (Gott) rief«.

Damit verschiebt sich natürlich der Schwerpunkt des ganzen Buches: Aus Dienstvorschriften für die Priester – Leviticus – wird das »Gerufensein«, die Aufforderung Gottes, sich in bestimmter Weise zu verhalten – zunächst an Mosche gerichtet und dann auch an das ganze Volk.

Die Midrasch-Sammlung Leviticus Rabba fragt, was so besonders daran ist, dass Gott Mosche »ruft«. Schließlich rief Gott Adam, Gott rief Noach, und Gott rief Awraham. Und schon im zweiten Buch der Tora wird Mosche das erste Mal »gerufen«.

Als Mosche sich dem brennenden Dornbusch nähern möchte, wird genau dasselbe Wort verwendet: »Wajikra Elohim mitoch ha-sne« – Gott rief ihn aus dem Dornbusch heraus, und Gott sagte: »Mosche, Mosche«, und er (Mosche) sagte: »Hineni – hier bin ich.« Damit steht Mosche in einer Reihe mit Awraham und anderen Propheten, die von Gott gerufen werden und ihre Bereitschaft mit einem »Hineni« ausdrücken.

ALEF Was also ist das Besondere am »Wajikra« am Anfang des dritten Buches der Tora? Das Gerufenwerden Mosches am Anfang unseres Wochenabschnittes wird deutlich hervorgehoben: Der letzte Buchstabe des Wortes »Wajikra«, ein Alef, wird in einer Torarolle und auch in vielen gedruckten Ausgaben klein geschrieben.

Es gibt wenige Stellen in der Tora, die auf solch eine Weise grafisch hervorgehoben werden, und wenn, dann meist dadurch, dass die Buchstaben extra groß geschrieben werden, um Verwechslungen zu vermeiden.

Das kleine Alef gibt Anlass zu vielen rabbinischen Erklärungen, von denen hier zwei vorgestellt werden sollen: Der Buchstabe Alef hat eine besondere Bedeutung – es ist nicht nur der erste Buchstabe des hebräischen Alfabets, sondern auch der erste Buchstabe der Asseret ha-Dibrot, der Zehn Gebote, die mit dem Wort »Anochi« – Ich – beginnen. Gott sagt: »Ich bin der Ewige, dein Gott.« Das Alef steht also für das Ich, in diesem Fall für das des Menschen, der von Gott gerufen wird.

EGO Um den Ruf Gottes wirklich zu hören, muss das Ich, das Ego, verstehen, dass es im Vergleich zu Gott klein ist – und deshalb wird das Alef hier klein geschrieben, als ein Ausdruck dafür, dass Mosche bescheiden war. Später, im 4. Buch Mose 12,13, heißt es dann ausdrücklich, dass Mosche bescheiden war – ein großes und ungewöhnliches Kompliment für eine so herausragende Führungsperson.

Eine zweite Erklärung stammt von Raschi, einem Kommentator aus dem elften Jahrhundert. Er schreibt: Das Rufen (Wajikra) ist ein Ausdruck der Zuwendung. So wie sich die Engel gegenseitig »rufen« (Jeschajahu 6,3), so ruft Gott auch Mosche, bevor er ihm dann einzelne Dinge sagt. Im Gegensatz dazu heißt es von Gottes Begegnung mit dem heidnischen Propheten Balaam: »Wajikar« (ohne Alef) – er traf ihn nur zufällig (4. Buch Mose 23,4). Das Alef ist also klein geschrieben, um uns auf den Unterschied zwischen den beiden Begriffen aufmerksam zu machen.

Der Kommentar Kitzur Baal Haturim aus dem 14. Jahrhundert kombiniert beide Erklärungen: Mosche wollte aus Bescheidenheit auch über sich selbst nur »Wajikar« schreiben, und Gott forderte ihn auf, das Alef hinzuzufügen – aus Bescheidenheit schrieb er es aber nur klein.

Die Schreibweise eines einzigen Buchstabens in der Tora wird so zum Ausgangspunkt grundsätzlicher Überlegungen, ganz gemäß dem rabbinischen Grundsatz: Dreh die Tora um und um, denn alles ist in ihr drin: Stell sie auf den Kopf, um sie neu zu verstehen, um aus den Texten, die auf den ersten Blick nicht für heute geschrieben zu sein scheinen, immer wieder Neues zu lernen.

Die Autorin ist Rabbinerin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

inhalt
Der Wochenabschnitt Wajikra steht am Anfang des gleichnamigen dritten Buches der Tora und enthält Anweisungen dazu, wie, wo und von welchen Tieren die verschiedenen Opfer dargebracht werden sollen. Es werden fünf Arten unterschieden: das Brand-, das Schuld-, das Friedens- und das Sündenopfer sowie verschiedene Arten von Speiseopfern.
3. Buch Mose 1,1 – 5,26

Tasria-Mezora

Die Macht des Wortes

Was wir sagen, kann verletzen oder heilen. Die Tora fordert, Schaden zu vermeiden und Gutes zu stiften

von Avi Frenkel  17.04.2026

Talmudisches

Dämonen

Was sind sie, und wie schütze ich mich vor ihnen? Unsere Weisen gaben Antworten

von Rabbinerin Yael Deusel  17.04.2026

Amida

Stehen vor Gott

Das Hauptgebet im Judentum ist Gespräch, Selbstprüfung und kollektive Stimme Israels. Sein Ursprung jedoch ist bis heute ungeklärt

von Sophie Goldblum  16.04.2026

Warschau

Absage an Antisemitismus: Polnische Bischöfe besuchen Synagogen

Vor 40 Jahren umarmte Papst Johannes Paul II. in Roms Hauptsynagoge den dortigen Oberrabbiner. In Polen erinnern nun Bischöfe an diesen Meilenstein in den katholisch-jüdischen Beziehungen. Es gibt aber auch Misstöne

von Oliver Hinz  14.04.2026

Video

Pessach verstehen: Bedeutung, Bräuche und Traditionen

Rabbiner Dovid Gernetz erläutert die religiöse und historische Bedeutung von Pessach

von Jan Feldmann  01.04.2026

Chol HaMoed

Warum der Esel?

Das Grautier steht in der biblischen Geschichte für die Kraft, die den Menschen an seine niederen körperlichen Bedürfnisse bindet

von Vyacheslav Dobrovych  01.04.2026

Schemini

Fremdes Feuer

Wer mehr tut als geboten, läuft Gefahr, dass Frömmigkeit zur Selbstdarstellung wird

von Rabbiner Bryan Weisz  01.04.2026

Meinung

Hauptsache, Israel steht am Pranger!

Palmsonntag in Jerusalem und auf Social Media: Ein Rückblick

von Wolf J. Reuter  01.04.2026

Mascha Malburg

Jerusalem ist allen heilig

Regelmäßig knirscht es vor Ostern zwischen Christen und den israelischen Behörden. Unsere Redakteurin wünscht sich nach dem neuesten Vorfall an der Grabeskirche mehr gegenseitiges Verständnis

von Mascha Malburg  31.03.2026