Tu Bischwat

Wurzeln des Lebens

Wollen wir Tu Bischwat dieses Jahr auf einem fremden Mond namens Pandora feiern? Warum nicht? Schließlich wissen alle, die »Avatar«, den 3-D-Film, der bereits über eine Milliarde Dollar eingespielt hat, gesehen haben, dass auf Pandora Bäume verehrt werden.

In dem Film beten bläuliche Menschen, die Navi, Bäume an. Hier auf der Erde wird das jüdische Volk, das den einen oder anderen eigenen Nawi (hebr.: Prophet) vorzuweisen hat, am 30. Januar Tu Bischwat feiern, das Neujahr der Bäume. In Liedern und in Sederfeiern bringen auch Juden eine Art von Liebe zu den Bäumen zum Ausdruck. Warum? Bäume bedeuten eine Verpflichtung. Einen Baum zu pflanzen, ist erst der Anfang einer langjährigen Beziehung. Ist das nicht eine Art von Liebe?

Der Feiertag ist für jüdische Umweltschützer zu einem jährlichen Anlass geworden, den Schutz der Bäume und der Umwelt zum Thema zu machen. Doch auch schon bevor die Angst vor steigenden Meeresspiegeln die Menschen umtrieb, hat es eine handfeste, erdverbundene Liebe zu Bäumen gegeben. Gehört die Baumliebe zu unseren Wurzeln, wie die Newiim Teil unserer Überlieferung sind?

Tradition Zedern aus Libanon dienten als Baumaterial für die Errichtung des Tempels. Für die täglich in ihm dargebrachten Opfer wurde ein steter Nachschub an Holz benötigt. Sowohl Reichtum als auch militärische Macht hingen in der Eisenzeit von der Holzkohle ab, mit deren Hilfe Silber geschmolzen wurde und Waffen geschmiedet wurden.

In der Tora gibt es ein Gesetz, das die Zerstörung von Bäumen sogar in Kriegszeiten verbietet (5. Buch Moses 20,19). Die Liebesverse in Schir Haschirim, dem Hohelied, verwenden Baummetaphern für das junge Liebespaar: »Ein Apfelbaum unter Waldbäumen ist mein Geliebter unter den Burschen. In seinem Schatten begehre ich zu sitzen ...« (2,3). Überraschend ist das nicht, sind wir doch ein Volk, dessen Standardmetapher für die Tora, für höchstes Wissen und Leben »Etz Chajim« lautet: Baum des Lebens.

Vor zwei Jahren versuchte ich meine Nachbarn zu überzeugen, einer von der Stadt subventionierten Organisation zu erlauben, an der Straße vor ihren Häusern Bäume zu pflanzen. Obwohl viele sich über den Baum vor ihrer Tür freuten, gab es andere, die Bäumen gegenüber eher zwiespältige Gefühle hegten.

Einige der Einwände: Bäume müssen gewässert werden, ihre Zweige blockieren die Aussicht und ihre Wurzeln blockieren den Abwasserkanal. Blätter und Blüten verkleben die Autos mit ihrem Saft. Außerdem müssen Bäume gestutzt und beschnitten, bei Sturm überwacht und vor Krankheit geschützt werden. Und genau wie in »Avatar« sehen emsige Stadtplaner in ihnen nichts als ein Hindernis.

Warum dann diese Liebesaffäre? Bäume machen viel Arbeit. Was geben sie uns dafür? Schatten, Obst, Verbundenheit mit einem Ort, saubere Luft: Darüber wissen wir alle Bescheid. Moderne dänische Möbel, Schabbatkerzenhalter aus Olivenholz aus Israel: Auch das kennen wir.

Gefühle Bäume spenden Hoffnung – wie der uralte Kastanienbaum, der Anne Frank in dem Versteck, in dem sich die Familie vor den Nazis verbarg, ein wenig Glück spendete. In ihrem Tagebuch schreibt sie unter dem Datum 13. Mai 1944 zum letzten Mal über den Baum: »Unser Kastanienbaum steht von unten bis oben in voller Blüte und ist viel schöner als im vergangenen Jahr.«

Der Baum ist jetzt krank und bedarf spezieller Pflege, doch seine Nachfahren, Schösslinge, sollen in die ganze Welt verschickt werden, an mehr als 200 Schulen und Gedenkstätten, darunter elf Orte in den Vereinigten Staaten, die sich laut einem Artikel in der New York Times »mit den Folgen der Intoleranz« beschäftigten.

Bäume fördern Verständnis und Freundschaft zwischen Nachbarn. Meine Eltern hatten hinter ihrem Haus in Anaheim in Kalifornien einen Feigenbaum im Garten. In den 90er-Jahren zogen immer mehr libanesische und palästinensische Familien in die Nachbarschaft.

Die libanesische Familie, die gegenüber meinen Eltern eingezogen war, hatte ihren eigenen Feigenbaum gepflanzt. Als mein Vater Murray letztes Jahr verstarb, fand ich heraus, dass er und der Nachbar ein wunderbares Verhältnis gehabt hatten. Sie tauschten zur Erntezeit Obst und Familienneuigkeiten aus.

Bäume schenken uns ein Gespür für die Zeit und einen Hauch von Ewigkeit. Irgendwo in den White Mountains in der Nähe von Bishop, Kalifornien, lebt ein Baum mit dem Namen Methuselah. Die Borstenkiefer wurde nach dem ältesten lebenden Menschen in der Bibel benannt und gehört zu den ältesten lebenden Dingen auf der Erde. In den 50er-Jahren entnahm der staatliche Forstdienst Methuselah eine Probe, und die Experten schätzten sein Alter auf 4.789 Jahre. Er wuchs lange vor der Zeit von Moses.

Ich habe die Borstenkiefern in einem Jahr besucht. Sie waren knorrig, krumm, uralt. Wenn etwas so lange leben kann, können auch unsere Traditionen und Erinnerungen lange Zeit überdauern.

Liebe Wir lieben unsere Bäume. Wir sitzen nicht im Schneidersitz um sie herum und beten sie an wie in »Avatar«. Dennoch existiert eine Verbindung, eine Beziehung mit unseren Erinnerungen und mit unserer Humanität.

Am diesjährigen Tu Bischwat können Sie sich Ihre eigenen Spezialeffekte schaffen – ganz ohne Raumschiff und 3-D-Brille: Nehmen Sie eine Schaufel in die Hand, graben Sie ein Loch und pflanzen Sie irgendetwas, das in die Zukunft wachsen wird.

Feiertage

Rosch Haschana für Anfänger

Vom Lichterzünden bis zum Taschlich: eine kleine Einführung für weniger erfahrene Synagogenbesucher

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  11.09.2026 Aktualisiert

Rosch Haschana

»Wenn ich einmal reich wärʼ …«

An Neujahr, so sagt der Talmud, legt Gʼtt die Summe fest, die wir im kommenden Jahr verdienen werden. Warum wir trotzdem arbeiten, planen und gut haushalten sollten

von Rabbiner Dovid Gernetz  11.09.2026

Teschuwa

Auf die echte Erneuerung!

Statt einfach nur unsere schlechten Laster loszuwerden, bedeutet die Mizwa vielmehr das Finden unseres wahren Ichs

von Rabbiner Jaron Engelmayer  11.09.2026

Neujahr

Stunde null

Zu Rosch Haschana können wir alljährlich durch Teschuwa unsere guten Potenziale hervorrufen

von Rabbinerin Elisa Klapheck  11.09.2026

Rosch Haschana

Jahr der Einheit

Wenn wir uns gegenseitig stärken, werden wir viel erreichen

von Rabbiner Avichai Apel  11.09.2026

Ernte

Von Möhren und Mehrn

Unsere Redakteurin will zu Rosch Haschana eine selbst gezogene Karotte essen. Ein jiddisches Wortspiel brachte sie auf die Idee – und auf einen Weg, auf dem sie manches über das Judentum und über sich selbst lernte

von Mascha Malburg  11.09.2026

Spiritualität

Eine Reise zum Ich

Unser Autor verbrachte die Feiertage als Kind in der Enge der jemenitischen Gemeinschaft von Kiryat Arba. Dann verließ er die religiöse Welt – und fand sie an Rosch Haschana in der Ukraine wieder

von Yonatan Amrani  11.09.2026

Zuwendung

Hagars Schicksal

Am Neujahrstag erzählt der Toraabschnitt von Saras ägyptischer Magd, der Mutter Jischmaels. Oft übersehen, ist sie eine Figur, die uns mahnt, die Augen offen zu halten und uns anderen Völkern nicht zu verschließen

von Paige Harouse  11.09.2026

Tekia

Wenn das Schofar zur Hoffnung ruft

Warum auch in bewegten Zeiten Zuversicht wachsen kann

von Rabbiner Raphael Evers  11.09.2026