Podiumsdiskussion

Werte vermitteln

Auf dem Podium: Ahmad Milad Karimi, Margot Käßmann und Micha Brumlik (v.l.) Foto: Rolf Walter

Prominent besetztes Podium, hochaktuelles Thema, rappelvoller Saal. Beste Voraussetzungen für eine Debatte, zu der das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk am Mittwoch in die Berliner Villa eingeladen hatte. Die Gesprächsrunde stand unter dem Titel »Zur Rolle von Religionen bei der Integration von Geflüchteten in Deutschland und Europa«.

»Religion erzählt von der Urerfahrung der Flucht«, begann Ahmad Milad Karimi seinen einleitenden Vortrag. Der in Münster lehrende afghanisch-deutsche Religionsphilosoph und Islamwissenschaftler verwies auf die Hidschra, die Flucht des Propheten Mohammeds von Mekka nach Medina, die zugleich den Beginn der islamischen Zeitrechnung markiert. Micha Brumlik, emeritierter Erziehungswissenschaftler, betonte, dass die Menschheitsgeschichte überhaupt mit einer Flucht beginnt: »Die Vertreibung Evas und Adams aus dem Paradies.«

Wirtschaft Margot Käßmann, ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und Theologin, verwies darauf, dass auch schon Abraham und Jakob im heutigen Sinne als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet werden könnten. Überhaupt gehe es heute überall nur um Macht und Geld und wirtschaftliche Interessen. »Umso mehr kommt der Religion deshalb die Rolle eines Frieden stiftenden Faktors zu.« Immer wieder betonte sie, gegen Waffenexporte zu sein und dass multikulturelles Miteinander doch eine prima Sache sei, was vor allem in Berlin wunderbar funktioniere. »Erst vergangene Woche war ich bei einem Abendessen von Islamic Relief in Neukölln. Da saßen auch Juden mit am Tisch.«

Alle drei warnten davor, die Religion von Flüchtlingen zu sehr hervorzuheben. Ahmed Karimi sagte: »Seit der Silvesternacht in Köln wollen Journalisten von mir ständig wissen, was diese Ereignisse mit dem Islam zu tun haben«, erzählt er. »Bereits die Frage beleidigt mich schon persönlich, weshalb ich auch keine Antworten gebe und nicht mit ihnen rede.«

abwanderung Micha Brumlik vermochte es, in seinen Beiträgen zur Diskussion Begriffe wie Integration mit Inhalten zu füllen. Dabei verwies er mehrfach auf Frankreich, wo der laizistische Staat in vielerlei Hinsicht auf ganzer Linie gescheitert sei und die Angst der jüdischen Gemeinschaft dort etwas sehr Reales ist. »Große Gruppen geistig und moralisch völlig verwahrloster jüngerer Männer machen dort regelrecht Jagd auf Juden.« Die Folge ist eine Abwanderung französischer Juden vor allem nach Israel. Von den Zuständen westlich des Rheins sei man jedoch in Deutschland noch weit entfernt.

Brumlik sprach sich auch gegen verpflichtende Integrationsvereinbarungen mit Flüchtlingen aus. »In einer liberalen Gesellschaft müssen wir mutig genug sein, Werte zu vermitteln«, anstatt dafür ein Papier unterschreiben zu lassen, sagte er. Menschen, die nichts vom Grundgesetz halten, würden dennoch unterschreiben. »Das hilft doch nicht«, sagte er. Die Unionsparteien hatten sich für solche Integrationsvereinbarungen ausgesprochen. Der emeritierte Professor Brumlik erklärte, vieles, was dadurch verhindert werden solle, werde gar nicht erfasst. Eine Beleidigung oder Demütigung eines anderen sei ein Verstoß gegen das Strafgesetzbuch, nicht gegen das Grundgesetz.

Zudem warnte er vor übertriebener Angst vor Antisemitismus unter Flüchtlingen. Man könne zwar nicht ausschließen, dass junge Flüchtlinge aus Ländern kommen, in denen sie gelernt haben, dass der Holocaust eine »jüdische Lüge« sei, sagte er. Der Antisemitismus unter Flüchtlingen sei aber kein Problem, das die Existenz jüdischer Gemeinden bedrohe. Der Antisemitismus in Deutschland bewege sich seit Langem auf einem Level von 20 bis 25 Prozent. Dieser Anteil habe mit Zuwanderung »so gut wie überhaupt nichts zu tun«, sagte Brumlik.

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