Wohlbefinden

»Verbinde dich mit etwas Größerem«

»Alles wird gut. Wir werden auch das überwinden«: Levi Shmotkin (28) lebt in Los Angeles und stammt aus einer bekannten Chabad-Familie.

Rabbiner Shmotkin, wie geht es Ihnen?
Sehr gut, wunderbar, Gott sei Dank.

Verstehen Sie, wenn viele Menschen diese Frage in der derzeitigen Situation – mit dem Krieg in Israel und vor dem Hintergrund zunehmender antisemitischer Bedrohung in der Diaspora – anders beantworten?
Ich verstehe die Sorgen. Nehmen wir das Thema Antisemitismus. Es gibt einerseits den Kampf dagegen, und andererseits geht es darum, sicherzustellen, dass der Antisemit weniger Macht über mich hat, dass er weniger in meinem Kopf präsent ist und weniger Angst in mir auslöst. Die erste Frage ist also, wie man den Antisemitismus eindämmt. Es gibt Organisationen, die daran arbeiten. Das liegt außerhalb meines Fachgebiets. Mich beschäftigt vielmehr die zweite Ebene: Wie können wir dem Antisemiten weniger Einfluss darauf geben, wie wir uns fühlen und wie wir unser Leben gestalten?

Greift das angesichts der konkreten antisemitischen Bedrohung nicht etwas zu kurz?
Die Frage der Sicherheit ist wichtig. Ich ignoriere das nicht. Aber das Ausmaß, in dem es uns verunsichert, hat auch mit unserem Gefühl zu tun, dass wir akzeptiert werden wollen. Wir waren als Juden im Laufe der Geschichte immer eine Minderheit. Natürlich verspürt man als Minderheit zwangsläufig den Wunsch, akzeptiert und geschätzt zu werden. Deshalb legen wir Juden mehr als andere Völker großen Wert darauf, was andere über uns sagen.

Warum?
Wegen dieses Komplexes, der damit einhergeht, eine Minderheit zu sein. Nach Auffassung des Lubawitscher Rebben, Menachem Mendel Schneerson, lässt sich das nicht heilen, indem man sich noch mehr verbiegt, sondern nur dadurch, dass man eine gesunde Beziehung zu seiner Identität pflegt. Es geht darum, stolz darauf zu sein, wer man ist, und zu spüren, dass das jüdische Volk am meisten durchgemacht hat und wir die widerstandsfähigste Nation der Geschichte sind. Wir haben reiche Schätze, die wir der Welt geschenkt haben und auf die wir stolz sein können – sie machen uns stark.

Wie lässt sich diese Erkenntnis erreichen?
Der Weg dahin führt über konkrete Taten: eine Mizwa erfüllen, Tefillin anlegen, Schabbatkerzen anzünden, die Tora studieren. Und wenn man das tut, ist das nicht nur gut für die eigene Spiritualität. Man verschafft sich damit auch ein tiefes, existenzielles Gefühl von Stolz auf die eigene Identität. Wenn man sich in seiner Haut wohlfühlt, kümmert es einen weniger, was andere über einen denken. Das beste Gegenmittel gegen den Antisemitismus besteht also darin, unsere Identität zu bekräftigen und uns tiefer mit ihr zu verbinden. Ich glaube, das löst 75 Prozent des Problems. Antisemitismus ist das, was uns erschüttert, was uns innerlich auffrisst. Aber das sollte nicht so sein.

Aber das wird uns vor Attacken wie beispielsweise kürzlich in London nicht retten. Sehen Sie nicht die konkrete Bedrohung?
Doch, es gibt sie. Wir müssen auf der Hut sein. Aber wenn es um Sicherheit geht, die in Synagogen und anderen jüdischen Einrichtungen gewährleistet werden muss, ist es auch notwendig, sich der Zuverlässigkeit Gottes bewusst zu werden, der über das jüdische Volk wacht. Ich habe heute mit Teenagern gesprochen. Einige finden die aktuelle Situation beängstigend und geraten in Panik, weil sie so etwas noch nie erlebt haben. Ihnen fehlt ein längerer Zeitraum zum Vergleichen, ein Kontext. Doch wenn man einen größeren historischen Bogen spannt, erkennt man: Es gab schon immer Antisemiten, es gab immer Hass, es gab immer Gefahr. Das macht es nicht weniger schlimm, aber es gibt einem mehr Vertrauen. Alles wird gut. Wir werden auch das überwinden. Es tut weh. Wir werden tun, was wir können. Deshalb ist es wichtig, den Kontext und die größere Perspektive im Blick zu behalten und sich nicht im Moment zu verlieren oder in Panik zu geraten.

Sie haben in Ihrem Buch »Letters for Life« geschrieben, dass auch Sie in Ihrer Jugend eine Phase »emotionaler Taubheit« durchgemacht haben. Wie sind Sie damit umgegangen?
Mir wurde klar, dass es eine tiefere Welt gibt, die Gott jedem von uns geschenkt hat. Mit ihr muss man sich auseinandersetzen. Doch dafür braucht man Werkzeuge. Gedanken wandern. Gefühle wandern. Sie entwickeln ein Eigenleben. Und man muss lernen, damit umzugehen. So wie man lernen muss, Fahrrad zu fahren, muss man auch lernen, seine Gedanken und Gefühle zu lenken. Sonst verliert man sich, man fällt gewissermaßen vom Fahrrad. So kam es, dass ich die Briefe des Rebben las, in denen er 3000 Jahre jüdischer Weisheit aufgreift und sie den Menschen näherbringt, die ihm aus aller Welt geschrieben haben. Er lehrte, die Perspektive zu wechseln. In manchen Briefen riet er zu mentalen Übungen, andere Ratschläge betrafen das Verhalten, etwa sich an einen Zeitplan zu halten. Ich begann, diese Dinge in meinem Leben umzusetzen, und das führte mich aus diesem depressiven Zustand heraus, aus dem Gefühl der Energielosigkeit.

Sie schreiben, immer mehr Menschen erlebten einen solchen depressiven Zustand. Woran liegt das?
Es ist Entfremdung. Vielleicht ist Isolation das treffendere Wort. Wenn man den Kontakt zu Gott verliert, verliert man auch den Kontakt zu seiner Aufgabe in dieser Welt. Man verliert den Bezug zur Gemeinschaft, zur Verantwortung, anderen zu helfen. Und man verliert sich zunehmend in den eigenen Gedanken und Gefühlen. Das erzeugt einen Teufelskreis. Ich glaube, genau das erlebt die Gesellschaft gerade.

Die Regale der Buchhandlungen sind voll mit Ratgebern. Worin unterscheidet sich Ihr Buch davon?
Viele der heutigen Ratschläge sind stark nach innen gerichtet: Wenn du ein Problem hast, setze dich damit auseinander. Da ist viel Wahres dran. Aber ein Großteil der seelsorgerischen Energie des Rebben besteht darin, zu sagen: Nutze die Kraft deiner Emotionen und erweitere sie, um dich mit etwas Größerem zu verbinden, um anderen zu helfen und deine Rolle in dieser Welt zu erfüllen, statt im eigenen Gefängnis zu verharren. Ein weiterer Punkt ist, dass die zugrunde liegende Energie dieser Briefe der Glaube ist. Viele Bücher versuchen heute, aus wissenschaftlichen Gründen das Spirituelle vom Emotionalen zu trennen. Das Besondere an den Ratschlägen des Rebben ist jedoch die Schnittstelle zwischen Geist und Gefühl, mit dem Glauben als tragender Kraft. Und das bedeutet: Wer an Gott glaubt, glaubt auch an den Menschen.

Das müssen Sie erklären.
Das Grundprinzip des Rebben war: Hinter jeder Herausforderung steht ein Gott, der alles orchestriert, der Dirigent der Welt. Wenn man also eine bestimmte Herausforderung hat, dann kann man sie auch bewältigen. Sonst hätte man sie gar nicht erst erhalten. Wenn der Rebbe an Menschen schrieb, vermittelte er ihnen genau diese Zuversicht: Du hast diese Herausforderung, aber du kannst sie meistern. Er war davon zutiefst überzeugt und glaubte, dass jeder Mensch eine Bestimmung hat. Wenn du auf dieser Welt bist, gibt es etwas, das nur du tun kannst. Diese Haltung verändert die Art der Heilung grundlegend.

Wie sehen das Ihre Leserinnen und Leser?
Tausende Menschen auf der ganzen Welt schreiben mir und berichten, wie sehr dieses Buch ihr Leben verändert hat, weit über ihre Erwartungen hinaus. Ich glaube, der Grund ist, dass sich Menschen nach jemandem sehnen, der an sie glaubt.

Der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn hat zur deutschen Ausgabe des Buches kommentiert, ihm sei noch nie zuvor eine solche Tiefe begegnet, die weit über den Glauben hinausgeht. Dieses Buch sei nicht nur für Gläubige ein Leitfaden, ob jüdisch oder nicht. Stimmen Sie dem zu?
Ja, absolut. Denn die menschliche Erfahrung und die Ideen sind universell. Natürlich gilt: Je mehr Hintergrundwissen man hat, desto tiefer versteht man es. Aber ich habe in dem Buch auch versucht, es so zugänglich wie möglich zu machen und den Hintergrund zu liefern, den der Leser braucht. Ich hatte immer den Leser im Hinterkopf, der noch keine Vorkenntnisse hat. Man möchte mit jemandem beginnen, der bei null anfängt. Auch er sollte in der Lage sein, das Thema Glauben zu verstehen.

Sind spirituelle Überzeugungen unabhängig von der religiösen Bindung?
Der Rebbe war ein Gläubiger, und das durchdringt jeden Teil seiner Seelsorge. Man muss den Glauben nicht akzeptieren, man muss nicht an die Prinzipien glauben, aber die Energie und das Selbstvertrauen, die daraus entstehen, sind etwas, das jeder spüren wird, wenn er die Ratschläge des Rebben in dem Buch liest.

Zum Schluss also die Frage: Wie kann man angesichts der beängstigenden Nachrichten aus Israel und aller Welt emotionalen Halt finden und positiv bleiben?
Letztendlich ist es eine Frage des Vertrauens. Natürlich gibt es Gefahren. Selbstverständlich müssen wir praktische Schritte unternehmen. Aber es gibt auch ein Vertrauen in die göttliche Widerstandsfähigkeit des jüdischen Volkes. Es bricht nicht alles zusammen, oder? Wir werden das durchstehen. Allein dieses Vertrauen hilft einem, mit den konkreten Umständen des Augenblicks auf gesündere Weise umzugehen. Wir haben in den vergangenen ein, zwei Jahren so viele Wunder gesehen, durch die Israel heute in einer viel stärkeren Position ist als vor dem 7. Oktober 2023. Ich denke, wir haben guten Grund, Vertrauen und Dankbarkeit zu empfinden.

Mit dem amerikanischen Rabbiner und Autor sprach Detlef David Kauschke. Das Buch »Letters for Life« ist in deutscher Übersetzung unter dem Titel »Worte fürs Leben« erschienen.

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