Aufbruch

Unerträgliche Heimat

Auswanderung heute: jemenitische Familie bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen in Tel Aviv, Juni 2012 Foto: Flash 90

Lech Lecha – auf Deutsch: Geh, zieh weg! – sind die ersten Worte unserer Parascha. Der Aufruf, den Avram von Gott erhält, Land und Heimat zu verlassen, ist zugleich die erste Verheißung des Segens, den Avram erwartet, und der Grundstein für die Entstehung von Am Jisrael, dem Volk Israel.

Haben wir schon mal ernsthaft bedacht, warum Avram auf diese Aufforderung eingeht, ohne zu widersprechen? Allein die Tatsache, dass sich jemand ohne Widerrede dem Befehl beugt und auf den Weg macht, löst die Frage nach dem Warum aus.

Viel wichtiger wird die Frage, wenn wir bedenken, dass Avram zu diesem Zeitpunkt bereits 75 Jahre alt war – ein stolzes Alter damals. Im weiteren Verlauf wird er später in noch höherem Alter zweifacher Vater. In der Tat, damals herrschten andere Zeiten, und die Altersangaben in der Bibel waren wohl andere als heute. Dennoch: Nur wenige 75-Jährige würden die Aufforderung befolgen, alles zurückzulassen und aus ihrem Haus und Land wegzuziehen.

Wir können es uns heute nicht vorstellen, in diesem Alter alles aufzugeben und ein neues Leben zu beginnen. Doch Avram steht auf, nimmt seine Frau, seinen Neffen sowie sein Eigentum und geht weg. Ohne Gott zu widersprechen, ohne nachzufragen, wohin der Weg führen soll, geht er und sieht sich nicht einmal um. Der Midrasch HaHefez betont, das Land sei Avrams Heimat gewesen, denn er nannte es auch »das Land seines Vaters«. Avrams Familie lebte also seit mindestens zwei Generationen dort.

Wir sollen unseren Blickwinkel auch darauf richten, dass die Ursprünge Avrams im heutigen Irak liegen. Wenn wir die Mentalität der Bevölkerung in unsere Betrachtung einbeziehen, wissen wir, dass für sie die Heimat und das Haus, das ihr Vater erbaut hat, eine besondere Bedeutung haben. So einfach verlässt dort niemand sein Zuhause. Die Menschen in dieser Region neigen vielmehr zu Sesshaftigkeit, sie pflegen Familientraditionen und sind bereit, vieles in Kauf zu nehmen, um einen Wegzug zu vermeiden.

unrein Um zu verstehen, warum Avram alles stehen und liegen lässt und fortgeht, versucht uns der Midrasch eine Antwort zu geben: »von einem unreinen in ein reines Land«. Und der Erzähler des Midrasch stellt sich selbst die Frage: »Was ist ein unreines Land?«: eines, in dem Götzendienst betrieben wird.

Ist das einzig und allein der Grund, aus seinem Geburtsland wegzugehen? Ist das Verhalten der Nachbarn so wichtig? Muss ich mir morgen eine neue Wohnung suchen oder gar in eine andere Stadt ziehen, wenn meine Nachbarn anfangen, Steine anzubeten und Holzstatuen zu preisen, oder im Innenhof Voodoo-Rituale vollziehen? Ich muss meinen Wohnort nicht verlassen. Solange meine Nachbarn mich nicht in ihr Tun einbeziehen, ist mir egal, was sie treiben.

War Avram einer anderen Situation ausgesetzt als ich, sodass er sich zum Gehen gezwungen sah? Durchaus! Denn im Gegensatz zu mir, der in monotheistischem Glauben aufgewachsen und gefestigt ist, war Avram der erste Mensch, der im Laufe seines Lebens erst lernte, nur den einzigen und allmächtigen Gott anzubeten. Avram verteilte seinen Glauben nicht wie seine Nachbarn auf 667 Götter, er betete keine Götzen an. Er war ein Einzelgänger, der vermutlich isoliert lebte und von seiner Umgebung dementsprechend betrachtet wurde.

Avram war Außenseiter, der erste Jude unter der Masse von Nichtjuden. Und so sehen wir in dieser Geschichte auch den Beginn der jüdischen Schicksalsgemeinschaft. Avram durchlebte, was uns bis heute verfolgt: Unverständnis und Feindschaft gegenüber unserer Lebensweise. Diese Tatsache macht verständlich, warum er gehen wollte und der Aufforderung ohne Widerrede folgte. Er wollte seine Umgebung verlassen, die ihn als Monotheisten nicht akzeptierte.

anderssein Die Geschichte von Avrams Auszug aus Charan liegt mehr als 3500 Jahre zurück, aber sie hat an Aktualität und Bedeutung nichts verloren. Gerade heute ist sie mehr denn je typisch für das jüdische Volk. Im Laufe unserer Geschichte hat es immer wieder Auszüge und Umzüge gegeben. Viele von uns, ob jung oder alt, sind selbst aufgestanden, haben alles liegen lassen und sind nur mit dem Persönlichen und Nötigsten ausgezogen. Wir haben Russland verlassen und die Ukraine, Usbekistan oder Deutschland und haben uns auf den Weg gemacht in eine ungewisse Zukunft – nur aus einem einzigen Grund: Wir sind anders und deshalb nicht willkommen.

Doch gerade dieses Anderssein ist unsere Identität. Es ist die Identität Avrams, der trotz seines hohen Alters ein neues Leben anfängt. Wir können von diesem Wochenabschnitt lernen, dass die Geschichte sich immer wiederholt und dass auch heute ein 75-Jähriger einen Neuanfang schaffen kann, trotz aller Schwierigkeiten, die damit verbunden sind.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Lech Lecha erzählt, wie Avram, Sarai und Lot ihre Heimatstadt Charan verlassen und nach Kanaan ziehen. Eine Hungersnot führt sie weiter nach Ägypten. Um sein Leben zu retten, gibt Avram dort Sarai als seine Schwester aus. Sie müssen Ägypten verlassen. Avrams ägyptische Magd Hagar schenkt ihm einen Sohn, Jischmael. Der Ewige schließt mit Avram einen Bund und gibt ihm einen neuen Namen: Avraham. Als Zeichen für den Bund soll von nun an jeder männliche
Neugeborene am achten Lebenstag beschnitten werden.
1. Buch Moses 12,1 – 17,27

Video

Pessach verstehen: Bedeutung, Bräuche und Traditionen

Rabbiner Dovid Gernetz erläutert die religiöse und historische Bedeutung von Pessach

von Jan Feldmann  01.04.2026

Chol HaMoed

Warum der Esel?

Das Grautier steht in der biblischen Geschichte für die Kraft, die den Menschen an seine niederen körperlichen Bedürfnisse bindet

von Vyacheslav Dobrovych  01.04.2026

Schemini

Fremdes Feuer

Wer mehr tut als geboten, läuft Gefahr, dass Frömmigkeit zur Selbstdarstellung wird

von Rabbiner Bryan Weisz  01.04.2026

Meinung

Hauptsache, Israel steht am Pranger!

Palmsonntag in Jerusalem und auf Social Media: Ein Rückblick

von Wolf J. Reuter  01.04.2026

Mascha Malburg

Jerusalem ist allen heilig

Regelmäßig knirscht es vor Ostern zwischen Christen und den israelischen Behörden. Unsere Redakteurin wünscht sich nach dem neuesten Vorfall an der Grabeskirche mehr gegenseitiges Verständnis

von Mascha Malburg  31.03.2026

Psychologie

Mizrajim ist wie die Enge in der Brust

Aus chassidischer Sicht geht es an Pessach nicht darum, der Bitterkeit schnellstmöglich zu entfliehen. Wir müssen sie durchleben

von Rabbiner David Kraus  31.03.2026

Exodus

Türen öffnen, Freiheiten erobern

Der Auszug aus Ägypten ist ein Appell, den Mut zu haben, uns der Welt zuzuwenden – auch wenn sie noch so bedrohlich erscheint

von Shoshana Ruerup  31.03.2026

Essay

Das fünfte Glas

Beim Seder füllen wir voller Hoffnung einen Becher Wein für Elijahu – doch er bleibt unberührt. Es ist eine Geduldsprobe, ein ritualisiertes Sehnen. Wir wissen: Seine Zeit wird kommen

von Rabbiner Noam Hertig  31.03.2026

Talmudisches

Der jüdische Sindbad

Wenn Wale zu Inseln werden: Was unsere Weisen über die Abenteuer des Rabba bar bar Hana erzählen

von Detlef David Kauschke  29.03.2026