Rezension

Orthodoxer Rebell

Rabbiner Abraham Isaak Kook (1865–1935) Foto: picture alliance / CPA Media Co. Ltd

Rezension

Orthodoxer Rebell

Sein Denken war so radikal, dass seine Werke nur zensiert erschienen: Ein neues Buch widmet sich den Thesen von Rabbiner Kook

von Rabbiner Igor Mendel  06.11.2025 10:18 Uhr

Rabbiner Abraham Isaak Kook (1865–1935) war einer der schillerndsten jüdischen Denker des 20. Jahrhunderts. Er war der erste Oberrabbiner des britischen Mandatsgebiets Palästina, ein Mystiker, Philosoph, Halachist, Dichter und der Begründer des religiösen Zionismus. 90 Jahre nach seinem Tod sind seine Werke noch immer nicht vollständig veröffentlicht. Mit jeder neuen Publikation wird die Forschung auf den Kopf gestellt.

Dabei sind einige Werke stark zensiert erschienen, andere wurden zurückgehalten, bis sie im Internet geleakt wurden. Was macht diesen Denker so einzigartig? Basierend auf der Publikation der unzensierten Tagebücher hat der Historiker Marc Shapiro ein Buch mit dem Titel Renewing the Old, Sanctifying the New geschrieben. Es ist keine Biografie, Shapiro beschränkt sich auf einzelne Themen, die sein Interesse wecken.

Eine spirituelle Persönlichkeit, die ihrer Zeit weit voraus war

Dabei offenbart sich eine spirituelle Persönlichkeit, die ihrer Zeit weit voraus war: Rav Kook war radikal anders als die meisten seiner orthodoxen Kollegen. Er spricht offen von seinem Kampf um die Wahrheit – und gegen die rabbinische Elite seiner Zeit. Diese konzentrierte sich lieber auf haarspalterische Gesetze, anstatt sich den intellektuellen Problemen der Gegenwart zu stellen und das Judentum auf die Herausforderungen der Moderne vorzubereiten.

Er beklagt, dass die Juden durch die Konzentration auf den Talmud ihre Spiritualität vernachlässigt haben. Er plädiert für ein breiteres Curriculum in den Bildungsinstitutionen mit den Schwerpunkten Tanach, Wissenschaft, Philosophie und Kabbala. Rabbiner, die sich nur im Talmud auskennen, dürften seiner Meinung nach keine Führungspositionen bekleiden, da sie ohne philosophisches Wissen alles als Häresie betrachten und so gebildete Jugendliche von der Religion entfremden würden.

Rav Kook sah keinen Widerspruch zwischen Darwins Evolutionstheorie und der Tora. Überhaupt könne die Tora nie im Widerspruch zur Wissenschaft stehen, da beide von Gott kommen. Neue wissenschaftliche Theorien dürften nicht sofort abgelehnt werden. Zunächst müsse gezeigt werden, wie alle neuen Theorien mit der Tora harmonieren, bis die Wissenschaft sie selbst verwirft. Bei einem offensichtlichen Widerspruch muss die Tora anders interpretiert werden.

Rav Kook sah keinen Widerspruch zwischen Darwins Evolutionstheorie und der Tora.

Rav Kook versteht die Genesis beispielsweise im Einklang mit der Evolution, indem er sagt, dass wir nicht daran gebunden sind, die Tora wörtlich zu nehmen. Die sieben Tage der Schöpfung könnten Milliarden von Jahren gedauert haben. Auch die Zeitspanne von der Erschaffung des Menschen bis zu seiner Bewusstwerdung, dass er sich von den Tieren unterscheidet, könnte Millionen Jahre angehalten haben. Die gesamte Geschichte von Adam und Chawa ist nicht historisch, sondern eine Allegorie. Wer das nicht einsieht, den bezeichnet Rav Kook als kleingeistig.

Keine Wissenschaft, sondern theologische Wahrheit

Die Lehre der Tora ist für ihn keine Wissenschaft, sondern theologische Wahrheit. Sie wurde zu einer bestimmten Zeit offenbart und enthält keine absoluten, sondern populäre Wahrheiten, so wie auch Mythen und Volksglauben, die dem entsprechen, was die Menschen früher für wahr hielten. Auch Propheten können sich in ihrer Anschauung über den Kosmos irren. Denn ein Prophet erhält nur eine Idee, die er aufgrund seines fehlerhaften astronomischen Verständnisses weitergibt.

Somit bleibt die Nachricht wahr, ihre Form basiert jedoch auf einer irrigen Annahme. So erklärt Rav Kook, weshalb die Propheten an das ptolemäische Weltbild glaubten, in dem die Sonne um die Erde kreist. Bei solchen Ansichten ist es kein Wunder, dass der Rabbiner sich viele Feinde gemacht hat. Doch er sprach von einem inneren Licht, das er nicht zurückhalten konnte.

Shapiros Themenauswahl ist vortrefflich und aktuell. Was hingegen nicht so gut gelungen ist, ist der Schriftsatz. Die Zitate haben die gleiche Größe wie die Fußnoten, in denen es ebenfalls viele Zitate gibt. Das verwirrt. Außerdem finden sich in den Fußnoten wichtige Zitate, die eigentlich in den Haupttext gehören. In früheren Werken hat Shapiro bereits wichtige Texte von Rav Kook behandelt, die hier leider fehlen. Rabbiner Igor Mendel

Marc B. Shapiro: »Renewing the Old, Sanctifying the New. The Unique Vision of Rav Kook«. Liverpool University Press, London 2025, 212 S., 29,95 £

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