Charakter

Mit Herz und Hirn

Kann nicht nur Mathe und Physik, sondern ist seinen Schülern ein guter Ratgeber und moralischer Kompass: der ideale Lehrer. Foto: Thinkstock

Ein bekannter Philosoph lehrte seine Schüler, dass man Teile von lebenden Tieren nicht essen soll. Eines Tages kamen die Schüler zu ihm nach Hause und waren verblüfft, als sie den verehrten Lehrer beim Verzehr eines noch lebenden Kaninchens ertappten. »Unser Lehrer, haben Sie uns nicht gesagt, dass man Teile von lebenden Tieren nicht essen soll?«, fragten die Schüler. »Beim Lehren bin ich ein bekannter Philosoph, aber hier zu Hause bin ich ein einfacher Mensch«, gab er ihnen zur Antwort.

Man sieht daran: Ein guter Lehrer ist nicht leicht zu finden. Die Tora kann uns bei der Suche helfen und zeigen, worauf wir achten sollten.

licht Der Wochenabschnitt Tezawe – (deutsch: »Und du sollst befehlen«) fängt damit an, dass die Israeliten reines Olivenöl zum Anzünden eines ewigen Lichtes, des »Ner Tamid«, beschaffen sollen. Bei Anbruch der Nacht – egal, ob im Sommer oder Winter – sollte Aharon mit der gleichen Menge Öl das Licht entzünden, das dann die ganze Nacht hindurch brennen würde. Die Tora verwendet interessanterweise das Verb »leha’alot« – deutsch: »emporsteigen« –, um den Prozess des Anzündens zu beschreiben.

Der große Tora-Kommentator Raschi (1040–1105) macht auf dieses Wort aufmerksam und erklärt auf Basis des Talmuds (Schabbat 21a), dass Aharon die Flamme so lange anzündet, bis sie von selbst emporsteigt.

Rabbiner Mosche Feinstein (1895–1986), einer der großen Gelehrten des vergangenen Jahrhunderts und Leiter einer Jeschiwa, schreibt: So wie Aharon, der das Licht anzündete, bis die Flamme von selbst emporstieg, so soll ein Lehrer die Tora an die Schüler weitergeben, damit in ihnen das Bedürfnis geweckt wird, weiterzulernen. Diese Schüler sollten dann imstande sein, die Tora allein zu verstehen, und im Torastudium selbst wachsen und fortschreiten.

Aus der Passage, dass Aharon immer die gleiche Menge Öl verwenden soll – egal ob im Sommer oder im Winter –, schloss Rabbiner Feinstein: Jeder Schüler muss von seinem Lehrer so viel Aufmerksamkeit bekommen, bis seine Begabung – sei sie groß oder klein – voll entwickelt ist.

Verhalten Rabbiner Feinstein war ein beispielhafter Lehrer. Man konnte von ihm nicht nur Tora lernen. Auch durch seine Charaktereigenschaften und sein Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen war er ein Vorbild. Bis ins hohe Alter hielt er sich die meiste Zeit des Tages in der Jeschiwa auf, und jeder, der einen Rat brauchte, war willkommen.

Es ist bekannt, dass Rav Feinstein mehrmals das Schulgeld bezahlte für Studenten, deren Eltern es aus finanziellen Gründen nicht aufbringen konnten. Während der Prüfungen benutzte er die Redewendungen »wir fragten« und »wir antworteten« statt »ich fragte« oder »ich antwortete«. Er wollte keinen der Studenten beschämen, der eventuell schlechter vorbereitet war. Es war ihm sehr wichtig, niemanden zu verletzen.

In dem Buch Reb Moshe (1986) werden die folgenden Geschehnisse geschildert: Eines Tages kam ein Schüler einer anderen Jeschiwa zu Rav Feinstein und bat ihn um einen Test für die Smicha, das Rabbinerdiplom. Rav Mosche bemerkte, dass der Schüler nicht genug vorbereitet war und einen guten Lehrer für weitere Studien benötigte. Also schlug er vor, so lange mit dem Schüler zu lernen, bis dieser bereit für die Prüfung war.

Die Interessen der Schüler waren für ihn wichtiger als die Interessen der Jeschiwa. Einmal kam ein langjähriger Schüler, der bei ihm lernte, zu ihm und sagte, er würde gern die Jeschiwa wechseln. Rav Feinstein zitierte daraufhin eine Passage aus dem Talmud, nach der ein Mensch dort lernen sollte, wo er am meisten Erfolg haben wird, und ließ den Schüler gehen. Doch fügte er hinzu, dass der momentane Ort seiner Meinung nach besser geeignet wäre. Bevor der Schüler die Jeschiwa verließ, riet ihm Rav Feinstein, dies im Hinterkopf zu behalten. Sollte er jemals zurückkehren wollen, wäre er immer willkommen. Tatsächlich kam der Schüler nach einigen Monaten zurück und setzte sein Studium bei seinem alten Lehrer fort.

Weisheit Ein guter Lehrer ist oft nicht nur ein Gelehrter mit einem großen Torawissen, der dieses weiter vermittelt. Er ist meistens auch eine weise Person, bei der man sich Rat holen kann. Aber wie findet man einen solchen Lehrer? Und wie kann man richtig einschätzen, ob man von dieser Person lernen sollte?

Eine Erklärung gibt uns der Lubawitscher Rebbe, Menachem Mendel Schneerson (1902–1994), auf Basis des Talmuds (Jevamot 79b). Drei Merkmale seien charakteristisch für Juden, lesen wir da: Sie sind barmherzig, bescheiden und wohltätig. Wenn man aus den Taten eines Lehrers schließen kann, dass er diese drei Eigenschaften besitzt, dann hat man eine Person gefunden, von der man viel lernen und guten Rat einholen kann.

Rabbiner Feinstein, der Lubawitscher Rebbe und andere unserer großen Rabbiner und Lehrer hatten solche Charakterzüge. Ihr Leben war davon ebenso geprägt wie von der Tora. Das trifft auch für Mosche Rabbeinu zu, unseren größten Lehrer und Rabbiner. Sein Name wird in unserem Wochenabschnitt nicht erwähnt, aber wir erinnern uns daran, dass er sich für jeden Israeliten aufopferte, als er nach der Sünde des Goldenen Kalbs zu G’tt sagte: »Mögest Du ihr Vergehen doch entschuldigen! Wenn aber nicht, so lösche mich aus Deinem Buch, das Du geschrieben hast.«

Unserem Volk wurde verziehen, und die Worte des Gerechten Mosche Rabbeinu gingen in Erfüllung: Sein Name wurde im jeweiligen Abschnitt nicht erwähnt. Diese Geschehnisse stellen ein Beispiel der Liebe eines Lehrers zu seinen Schülern dar.

Rabbiner Chaim ibn Attar (1696–1743) zitiert in seinem Kommentar Or Hachajim (deutsch: »Licht des Lebens«) aus dem Buch Sohar, dass unser Volk vier Mal ins Exil ging, und aus jedem Exil werden wir dank des Verdienstes von jemandem erlöst. Aus dem ersten Exil durch das Verdienst Awraham Awinus, aus dem zweiten dank des Verdienstes seines Sohnes Jizchak und aus dem dritten wegen unseres Vorvaters Jakow. Aus dem vierten und letzten Exil, in dem wir uns derzeit befinden, werden wir durch das Verdienst von Mosche Rabbeinu erlöst. Jedoch hängt die Erlösung von unserem Toralernen und der Erfüllung der Mizwot ab. Mögen wir gute Lehrer finden, die uns bei dieser Aufgabe helfen!

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Tezawe berichtet davon, wie den Kindern Israels aufgetragen wird, nur reines Olivenöl für das ewige Licht, das Ner Tamid, zu verwenden. Auf Geheiß des Ewigen soll Mosche seinen Bruder Aharon und dessen Söhne Nadav, Avihu, Eleazar und Itamar zu Priestern machen. Für sie übermittelt die Parascha Bekleidungsvorschriften. In einer siebentägigen Zeremonie werden Aharon und seine Söhne in das Priesteramt eingeführt. Dazu wird Aharon angewiesen, Weihrauch auf einem Altar aus Akazienholz zu verbrennen.
2. Buch Mose 27,20 – 30,10

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